von Laura Stevens
Die US-amerikanische Journalistin Laura Stevens kam zu einem Studienaufenthalt nach Deutschland. Erwartet hatte sie große Ähnlichkeiten zwischen der deutschen und amerikanischen Berichterstattung. Gefunden hat sie erstaunliche Unterschiede und einen Mangel an Information.
Als ich das erste Mal den Tagesspiegel in der Hand hielt, war ich überrascht. Auf der Titelseite befand sich ein Meinungsstück. Es war im Oktober 2005. Ich war gerade zu einem einjährigen Studienaufenthalt in Deutschland angekommen und las erstmals eine deutsche Tageszeitung. Die Unterschiede bereits auf der Titelseite erstaunten mich. Dort gab es nicht nur einen Leitartikel. Es schien, als seien alle Artikel ein wenig von Meinungen durchdrungen.
Amerikanische Medien erachten unparteiische Berichterstattung als ihr höchstes Ziel. Dass das nicht immer erreicht wird, ist klar. Dennoch gibt es eine klare und gewollte Trennung zwischen Berichterstattung und Meinungsbeiträgen. Meinungsstücke sind einem ganz bestimmten Teil des Blatts vorbehalten. Die Redakteure sind üblicherweise räumlich vollständig von den Kollegen der Nachrichtenseiten getrennt. Die Kommentatoren sollen sich eine eigene Meinung bilden. Wir Nachrichtenredakteure bemühen uns hingegen, in unseren Beiträgen wertfrei zu bleiben.
Der Wunsch, objektiv zu sein, bedeutet auch, dass gegensätzliche Meinungen gleichwertig nebeneinander stehen. Dies kann der Berichterstattung durchaus schaden, wie beispielsweise beim Thema Erderwärmung. Wenn 95 Prozent der Wissenschaftler übereinstimmen, dass der Klimawandel anthropogene Ursachen hat und nur fünf Prozent anderer Ansicht sind - sollten dann die Stimmen beider Lager gleichberechtigt veröffentlicht werden?
Mit diesem ersten Eindruck begann meine Bekanntschaft mit den Unterschieden zwischen der deutschen und der amerikanischen Presse. Vor oberflächlichen kulturellen Unterschieden war ich schon gewarnt: Dass die Menschen ordentlich und pünktlich sind, Hausschuhe tragen, in zwölf verschiedenen Tonnen recyceln usw. Aber während eines Praktikums beim The Wall Street Journal und den daraus resultierenden Diskussionen mit Kollegen von deutschen Medien wurde schnell klar, dass es auch gewaltige Unterschiede in der Berichterstattung gibt - ein Gebiet, von dem die meisten erwarten, es sei ähnlich. Doch die Art und Weise, wie wir unsere Artikel beziehen, unsere Berichterstattung und unsere Schreibstile, unsere Beurteilung der Nachrichten sowie andere fundamentale Dinge erwiesen sich als durchaus unterschiedlich.
Im Zusammenhang mit meinem Praktikum las ich täglich unterschiedliche Tageszeitungen. Ich kann mich nicht erinnern, auch nur ein einziges Mal einen tiefgründigen, enthüllenden Bericht gelesen zu haben, der einen handfesten Regierungsskandal aufdeckt - jedenfalls nicht auf die Art und Weise, wie wir amerikanische Journalisten dies verstehen. Insofern glaube ich, die amerikanische Presse veröffentlicht tatsächlich viel mehr investigative Berichte, verglichen mit unseren deutschen Kollegen. Selbst in unserem Blatt erscheinen oft umfassend recherchierte investigative Stücke, obwohl wir in Privatbesitz sind und bei den herrschenden Besitzverhätnissen der Presse die Aktionäre sich eher um Profit sorgen als um Qualität.
Im Dezember nahm ich an einem einwöchigen Fulbright Berlin Hauptstadt-Programm teil, in dem jungen amerikanischen Journalisten deutsche Medien und Politik kennen lernen, um ihnen die Berichterstattung über internationale Angelegenheiten zu erleichtern. Während einer unserer Sitzungen wies ein Medienvertreter darauf hin, dass seine Publikation den Grundsatz hat, Quellen jedes Interview vor der Veröffentlichung autorisieren zu lassen.
Dies verblüffte uns. Es schien dem Kern des Journalismus zu widersprechen - nämlich die Wahrheit herauszufinden und darüber zu berichten. Würde jedes Interview, das ich führe, überprüft, ist sicher, dass die Hälfte der Exklusivmeldungen gestrichen werden würde. Man führt doch das gesamte Interview in der Hoffnung, Regierungsmitglieder oder Wirtschaftsgrößen dazu zu bringen, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Das würden sie sicherlich nicht veröffentlichen lassen, wenn sie die Möglichkeit zur Korrektur bekämen.
Im vergangenen Jahr befragte ein Reporter meiner Zeitung Ex-Präsident Jimmy Carter über seine neuen CD-Aufnahmen von Sonntagsschul-Lektionen. Während dieses Interviews gelang es dem Reporter, Carter zum Sprechen zu bewegen. Es lief darauf hinaus, dass der ehemalige Präsident sich sehr kritisch über die Bush-Administration äußerte. Er sagte: "Ich denke, sofern man die nachteiligen Auswirkungen auf die Nation in der Welt betrachtet, ist diese Regierung die schlechteste in der Geschichte." Es war eines der wenigen Male, dass sich ein ehemaliger US Präsident kritisch über einen Nachfolger äußerte. Die Äußerungen sorgten im ganzen Land für Reaktionen in den Medien.
Carter versuchte, das Gesagte zurück zu nehmen, indem er behauptete er sei falsch zitiert worden. Deshalb druckte mein Kollege das gesamte Interview. Hätte allerdings Carters Pressebeauftragter die Macht, nach eigenem Ermessen das Gespräch zur Veröffentlichung freizugeben, so bin ich sicher, dass diese Bemerkung gestrichen worden wäre. Wir hatten auch nichts gehabt, worüber man hätte verhandeln können. Obgleich wir ein überregionales Blatt sind und eines der 50 größten im Land, braucht Carter keine Publicity von uns.
Während es einerseits wichtig ist, insbesondere diejenigen Quellen zu schützen, die nicht die Medien für ihre eigenen Zwecke nutzen wollen, ist es andererseits essentiell, Menschen in die Verantwortung zu nehmen. Amerikanische Journalisten sehen sich selbst als Watchdogs. Es ist schon etwas verwirrend, wie diese Funktion ausgeübt werden soll, wenn jemand die Möglichkeit erhält, Gesagtes vor der Veröffentlichung zu kontrollieren.
Eine weitere Überraschung erlebten wir am Tag unseres Besuchs der Journalistenschule der Universität Leipzig. Die Studenten referierten über die Einbußen an Pressefreiheit in den USA. Sie behaupteten, wir hätten unsere Freiheit verloren, weil wir in den vergangenen Jahren vermehrt Drohungen der Bush-Administration und anderer Quellen ausgesetzt waren. Hier waren allerdings die amerikanischen Journalisten stark gegensätzlicher Meinung. Ich glaube, diese Art Drohungen lässt uns nur noch härter daran arbeiten, investigativ vorzugehen. Es sind ziemlich leere Drohungen!
Beispiel: Wir haben in den Vereinigten Staaten den "Freedom of Information Act", der uns umfassende Rechte zur Einsicht öffentlicher Dokumente oder Finanzbelege sämtlicher Regierungsorganisation einräumt. Neben dem nationalen FOIA hat jeder Bundesstaat eigene FOIS. In Arkansas dürfen zum Beispiel E-Mails eingesehen werden, die von Regierungsmitarbeitern in Ausübung ihres Amtes versandt wurden. Die Democrat-Gazette nutzt regelmäßig FOI-Anfragen, um Missbrauch von Regierungsgeldern aufzuklären und deckte sogar Unterschlagung und Korruption durch Abfrage von E-Mails und anderen Dokumenten auf. Der Polizei und anderen Amtspersonen ist es nicht erlaubt, unsere Materialien zu durchsuchen oder gar unsere Telefone abzuhören. Anders ist es nur, wenn wir verdächtigt werden, mit Terroristen zu verkehren.
Auch einer der führenden Redakteure meiner Zeitung stimmt nicht mit der These überein, wir hätten unsere Freiheit eingebüßt. Er sagt, Journalisten tangiere dies in ihrem Arbeitsalltag gar nicht besonders. Wir seien aufgrund abnehmender Auflagen, firmeneigener Publikationen und kleinerer Budgets phlegmatisch geworden. Investigativer Journalismus habe in den meisten amerikanischen Zeitungen nicht mehr wie früher höchste Priorität.
Gerade aus den Unterschieden der Medienkulturen können wir viel für die große Herausforderung des Internets voneinander lernen.
Laura Stevens

ist Reporterin im Wirtschaftsressort der Arkansas Democrat-Gazette, einer der 50 größten US-Zeitungen. 2005 im Jugendaustausch von US-Kongress und Bundestag, 2007 Fulbright Berlin Hauptstadt Programm
Foto: Karen E. Segrave
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