von Dr. Sabine Pamperrien
"Was nicht passt, wird passend gemacht. In Änderungsschneidereien nennt man das Maßarbeit - im Journalismus Schönfärberei, manchmal sogar Schwindel oder Betrug." Zapp, das kritische Medienmagazin des NDR, war sich seiner Sache sicher. Julia Salden und Peter Disch wollten der deutschen Journaille Nachhilfe in Sachen Recherche erteilen. Die unkritischen Kollegen hätten im Medienhype um Senait Meharis Memoiren "Feuerherz" und ihr Engagement für Kindersoldaten versäumt, die Fakten zu prüfen.

Senait Mehari
Foto: Hinrich Schulze
Mehari wurde von Experten und Zeitzeugen als Schaumschlägerin überführt. In dem Lager, in dem sie ihr Trauma erlebt haben will, habe es die von ihr beschriebenen Gräuel gar nicht gegeben. Die Sängerin gab vor der Kamera zu, keine Kindersoldatin gewesen zu sein. Das zumindest suggerierte Zapp. Der Beitrag war so reißerisch aufgemacht, dass man sich bei Bild-TV wähnte. Der Boulevard nahm die Story auch schnell auf. Die schöne Sängerin - eine Lügnerin. Süddeutsche Zeitung und Taz stimmten in die Häme ein. Die Machart des Beitrags provozierte jedoch auch Kritik an Zapp selbst. Die wohl grundsätzlichste kam aus dem eigenen Haus. Christoph Bungartz, Leiter des Kulturjournals beim NDR, konstatierte, wenn der Rest der Journalisten angesichts der "Feuerherz"-Story Tränen in den Augen hatte - wie Zapp diagnostizierte -, dann habe Zapp Schaum vor dem Mund.
Mit der Frage, was überhaupt ein Kindersoldat ist, hielten sich die Autoren des Beitrags nicht lange auf. Man definierte "Kindersoldat" als "Frontkämpfer". Nach der international gültigen Definition sind aber eben nicht nur jene Kinder Child Soldiers, die mit der Waffe in der Hand an Kampfhandlungen beteiligt sind, sondern alle Kinder, die bei bewaffneten Gruppen leben und auf den Dienst mit der Waffe vorbereitet werden oder zu Boten-, Späher- oder Minensuchdiensten heran gezogen werden. Das Lager, in dem Mehari und die Zeitzeugen gelebt haben, ist eine Pionierschule der Eritreischen Befreiungsfront und damit Bestandteil einer bewaffneten Gruppierung gewesen. Daraus ergibt sich, dass nicht nur Mehari, sondern auch jene Zeitzeugen, die als Kinder in dem Lager lebten, als Kindersoldaten zu gelten haben.
Das vermeintliche Geständnis wurde per Moderationstext in Äußerungen von Mehari hinein interpretiert. Sie hatte lediglich versucht, zu differenzieren, als sie Zapp sagte, sie sei keine Kindersoldatin, sondern ein Kind des Krieges gewesen. Im Beitrag wurde versäumt zu erwähnen, dass man mit Mehari nach einer Pressekonferenz gesprochen hatte, auf der sie gemeinsam mit Vertretern einiger Hilfsorganisationen unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus Uganda von den Gräueln dort berichtete. An ihrer Seite befand sich eine ehemalige Kämpferin, die im Gegensatz zu Mehari Menschen töten musste. Dass sie selbst nie töten musste, hatte sie sowohl im Buch als auch bei zahlreichen Talkshows berichtet.
Auch sonst zeichnet sich der Zapp-Beitrag eher durch Weglassen als durch konzise Beweiswürdigung aus. Keinerlei Erwähnung findet die Tatsache, dass Memoiren immer subjektive Wahrnehmungen wiedergeben und entsprechend faktenuntreu sind. Da die von Zapp beigebrachten Zeugen bestätigen, dass Senait Mehari in einem Lager der eritreischen Befreiungsfront lebte, handelt es sich also gerade nicht, wie Peter Disch in einer Stellungnahme nahelegt, um einen neuen Fall Wilkomirski. Grundsätzlich kann zunächst einmal nur konstatiert werden, dass Aussage gegen Aussage steht.
Zudem wurden die Zuschauer über den Hintergrund der Zeitzeugen völlig im Unklaren gelassen. Bei der Bewertung von Zeitzeugenaussagen ist immer die Interessenlage des Zeugen zu berücksichtigen. Was die Motive Meharis gewesen sein sollen, ihre Lebensgeschichte zu verfälschen, meint Zapp zu wissen: PR-Strategie. Dass einer der Mehari-Kritiker ein ehemaliger ELF-Kader ist, finden die Autoren auch nachträglich in einer Stellungnahme unwesentlich, da der Mann als Privatkrankenpfleger in Bayern einen hervorragenden Leumund hat. Diese Logik entwickelt dann auch kein Problembewusstsein für den Umstand, dass eine weitere Zeitzeugin gegen Mehari eine der Täterinnen aus den Memoiren ist. Müsste nicht eine Verdeckungsabsicht zumindest in Erwägung gezogen werden? Die FAZ führte die Gegenrecherche durch und fand einen Zeugen, der sich an kämpferische Posen, martialisches Auftreten und Propaganda-Lieder jener "Zeitzeugin" erinnern kann, auch, dass sie eine Kalaschnikow über der Schulter trug. Und fiel den Zapp-Autoren beim Schnitt des Beitrags nicht auf, dass sich Aussagen ihrer Zeugen fast wörtlich glichen? Zufall?
Ausführlich kommt im Beitrag der Eritrea-Experte Günter Schröder zu Wort. Auch hier erfährt man keinerlei Details. Auf 28 Seiten hat Schröder Fehler und Ungenauigkeiten in Meharis Erinnerungen aufgelistet. Dazu wurden auch vor Ort in Eritrea und Äthiopien Nachforschungen betrieben. Kernpunkt seines Vorwurfs der Geschichtsklitterung ist, dass das Lagerleben, das Mehari als Hölle erinnert, tatsächlich einem normalen Schulalltag entsprach. Was Schröder, der als Gutachter und Berater freiberuflich tätig ist, zu seiner aufwändigen Recherche veranlasst hat, bleibt im Dunkeln, ebenso, ob und wer dafür zahlte. Unter Eritreern ist Schröder bekannt wie ein bunter Hund und fester Bestandteil ihrer Community. Auch seine Interessenlage wäre zu hinterfragen gewesen, zumal er sich merkwürdig gewandelt hat: Noch 2002 gab derselbe Experte für das Verwaltungsgericht Gießen eine Stellungnahme ab, die exakt die Struktur und militärisch-ideologische Ausrichtung der Jugendorganisationen der ELF beschreibt, wie Mehari sie erlebt haben will. Der Zeitzeuge Henock Habte bestätigt deren Darstellung. Er kam 1978 als Elfjähriger zur ELF, wurde deren Jugendgruppierung zugeteilt und erhielt sowohl eine ideologische als auch eine militärische Ausbildung an unterschiedlichen Waffen - bis hin zu Minen. Heute lebt er in Deutschland und besucht schon seit Jahren Schulen, um Kinder über Kindersoldaten aufzuklären. Günter Schröder begründet seinen Meinungswechsel mit neuen Nachforschungen. Die Erinnerung der Zeitzeugen an Waffen sei falsch. Es habe allenfalls Holzgewehre gegeben.
Schröder sagt, angesprochen auf den Buchtitel "Children of war in the Horn of Africa: The Bitter Harvest of Armed Conflict in Ethiopia, Sudan, Somalia and Djibouti", es handele sich um äthiopische Propaganda - Eritrea gehörte bis 1993 zu Äthiopien. Das Buch gab der renommierte äthiopische Wirtschaftswissenschaftler Eshetu Chole bereits 1991 in Addis Abbeba heraus. Die Zeitzeugen, die Senait Meharis Version bekräftigen, erinnerten sich falsch, behauptet Schröder. Dann will er die Namen dieser Zeugen wissen. Als ihm diese nicht genannt werden, kommt er von sich aus auf Samuel Ghebreghiorghis, der Karen Krüger von der FAZ erzählte, dass er als Jugendlicher 1975 der ELF beitrat. "Dieser Samuel" sei genau so ein "Vogel wie die Senait, Künstler", mit gefälschter Biografie eingereist, habe sich jünger gemacht, als er wirklich sei.
Samuel Ghebreghiorghis und sein Bruder Tekle erschließen die politische Dimension des Falls. Die beiden Menschenrechtler demonstrieren jedes Jahr beim eritreischen Festival zum Nationalfeiertag für politische Gefangene in Eritrea. Bei diesem Festival treffen auf Einladung der Regierung Eritreas Tausende von Exil-Eritreern zusammen, ganz gleich, ob ehemalige ELF-Anhänger oder Regierungstreue. Der britische Eritrea-Experte Martin Plaut wies schon im Jahr 2000 in Foreign Policy darauf hin, dass der Nationalstolz wesentliches Element der eritreischen Politik-Strategie ist. Genährt wird er durch die Verklärung des Unabhängigkeitskampfes.
Anfang der 90er Jahre will Abraham Mehreteab auch Senait Mehari bei diesem Festival getroffen haben. Der bei einer deutschen Familie aufgewachsene Computer-Experte machte sich für Zapp besonders deshalb glaubwürdig, weil er sich ganz als Deutscher fühlt und lebt und so gut wie keinen Bezug zu Eritrea habe. Auch er möchte die Namen der Zeugen wissen, die Senait Meharis Erlebnisse bestätigen. Die meisten wollen jedoch anonym bleiben. Sieben haben sich allein bei Frank Mischo von der Kindernothilfe gemeldet. "Sie haben Angst vor Repressalien", berichtet er. Dass Zeugen Angst haben, findet Abraham Mehreteab lächerlich. "Wir leben in einem freien Land." Niemand werde unter Druck gesetzt.
Die Bundesregierung beobachtet seit 2001 eine massive Zunahme der Aktivität des eritreischen Geheimdienstes in Deutschland. Als eritreisch-stämmige Studenten der Universität Hamburg 2003 den Dissidenten Semere Kesete zu einem Gespräch einluden, wurden sogar Studenteneltern bedroht. "Der verlängerte Arm der Regierung" versuchte vergeblich, die Veranstaltung zu sprengen, berichtet Jonas Behre im Internet-Portal Nharnet.com. In diesem Portal fordern auch ehemalige "Manjos", an politischen Entscheidungen beteiligt zu werden, immerhin hätten sie "under age" am Befreiungskampf teilgenommen. Und es müsse endlich der Einfluss der eritreischen Regierung bekämpft werden, insbesondere Ausgrenzung, Bedrohung, Einschüchterung und Erpressung.
Die eritreische Diaspora ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das Heimatland. Im Jahr 2002 wurden privat 206 Millionen US-Dollar an die Familien in Eritrea überwiesen. Das entsprach ungefähr einem Drittel des Bruttosozialproduktes und war weit mehr als die offizielle Entwicklungshilfe. Nach Schätzungen zahlen etwa 90 Prozent der Exil-Eritreer unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit zwei Prozent ihres Nettoeinkommens auf Grund eines Erlasses der eritreischen Regierung an Eritrea, im Jahr 2003 etwa 5,9 Millionen Euro. Senait Meharis Manager berichtet, ihr sei angetragen worden, wenn sie diese zwei Prozent zahle, herrsche Ruhe. Schutzbehauptungen?
Auch Arnd Henze, der stellvertretende Leiter der WDR-Programmgruppe Ausland, kritisierte, dass Zapp selbstgesetzte Standards einer sorgfältigen Recherche nicht erfüllt habe. Er verwies u.a. darauf, dass in Kenia beim Casting für die Verfilmung von "Feuerherz" eritreische Komparsen massiv bedroht wurden. Angesichts solcher Hinweise ist der Vorwurf nicht von der Hand zu weisen, dass den Zappisten einige Dimensionen ihrer Story entgangen sind.
Sabine Pamperrien

ist Chefredakteurin von Berliner Journalisten.
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