von Carlo Campani
Seit Monaten lehrt Beppe Grillo mit seiner Kampagne gegen das korrupte politische System Italiens Politikern das Fürchten. Über seine Internet-Aktivitäten gelang es Italiens beliebtestem Komiker, Hunderttausende von Menschen für Proteste zu mobilisieren. Die Politik hat bereits reagiert. Jetzt attackiert Grillo einen neuen Gegner: die Medien. Sein Zorn hat gute Gründe.
Wenn man in den hiesigen Medien von Italien hört oder liest, geht es meistens um Mafiamorde, Fußball oder um die rätselhaften bis komischen Erscheinungen eines chronisch krisenanfälligen politischen Systems. Schlagzeilen machten die seltsame politische Karriere des Pornostars Ilona Staller alias "Cicciolina" oder die von Mailänder Richtern veranlasste Verhaftungswelle unter Politikern - die Aktion "Mani Pulite" (Saubere Hände). In den vergangenen Jahren sorgte dann Silvio Berlusconi für Erzählstoff. Ja, der Italiener lebt bekanntlich, als ob das Leben eine Bühne wäre. Und die italienische Politik ist ein einziges skurriles Theater. Dass nun ein bekannter Komiker, der bald 60-jährige Beppe Grillo, zu einer der Hauptfiguren der italienischen Politik avancierte, dürfte also nicht verwundern, zumal er kein unbeschriebenes Blatt ist - nicht mal in Deutschland.
Schon im Januar 1995 strahlte der WDR ein Porträt von Grillo unter dem Titel "Komik kontra Konsum" aus. Damals war Grillo mit seiner Show "Energia e informazione" unterwegs, die prall gefüllt war mit scharfer Kritik an der Machtkonzentration im Energie- und Mediensektor. Dem Mann mangelt es nicht an einem gewissen Gespür für Themen mit Zukunft - und er bleibt am Ball. Bis heute stehen Umwelt-, Technik- und Wirtschaftsthemen im Mittelpunkt seiner Satiren. Mit seiner gut belegten Schelte der Korruption und Unfähigkeit der italienischen Eliten prangert Grillo immer wieder den geistigen und wirtschaftlichen Verfall Italiens an. Seine Themen sind die Macht der Großkonzerne, der fehlende Wettbewerb, die Ignoranz gegenüber der Umwelt, die Rückständigkeit in wesentlichen Wirtschaftsbereichen wie Forschung und Telekommunikation und die propagandistische Rolle der Medien.
Grillo selber ist ein erfahrener Fernsehmann mit einem komischen Talent. Nach vielen erfolgreichen TV-Jahren, auf denen seine ungebrochene Popularität basiert, flog er aus dem staatlichen Fernsehsender RAI. Er hatte sich 1986 in der Samstagabendshow einen Witz zuviel über die "sozialistischen Diebe" geleistet. Amtierender Ministerpräsident war damals der Sozialist Bettino Craxi, der sechs Jahre später Italien in Richtung Tunesien verlassen sollte, um sich der Verhaftung wegen Untreue zu entziehen. Grillos "Sendeverbot" dauert indes bis heute an: So wurden in Italien weder die WDR-Dokumentation noch andere Sendungen etwa des Schweizer Senders TSI über ihn und sein Engagement für Umweltthemen je gezeigt.
Erst 2005 entdeckte der Komiker das Internet als Kommunikationsmittel. Sein Blog www.beppegrillo.it wurde schnell zum meist besuchten Blog Italiens mit im Schnitt mehr als 200000 Besuchern am Tag. Darüber hinaus sind seine Theaterauftritte sowie seine wöchentlichen Kommentare zum aktuellen politischen Geschehen auf youtube zu sehen. Seine Anhänger haben sich unter dem Stichwort "Grillini" zusammengefunden und Diskussionsgruppen gebildet.
Vor diesem Hintergrund konnte Grillo am 8. September mehr als 300000 Anhänger in ganz Italien für eine Großdemo mobilisieren. Es war der erste "Vaffanculo-Day" - der "leck mich am A..." - oder "Scher-dich-zur-Hölle-Tag". Adressiert war die ruppige Botschaft an die gesamte politische Klasse in Italien. Mehr als der unerwartete Erfolg der Demonstration, die dem Sammeln von Unterschriften für die Abschaffung des bestehenden Wahlrechts diente, sorgte die Ankündigung Grillos für erheblichen Wirbel, eine alternative Bürgerliste bei den nächsten Kommunalwahlen aufzustellen. Laut Umfragen waren Mitte September mehr als die Hälfte der Italiener bereit, für die Grillo-Liste zu stimmen. Das bereitet der "casta" inzwischen massiv Sorgen - als "Kaste" bezeichnen die Italiener ihre gewählten Vertreter im Parlament.
"La casta" ist auch der Titel eines Mitte des Jahres erschienenen Bestsellers der beiden Journalisten Sergio Rizzo und Gian Antonio Stella (Corriere della sera), das die Verschwendungssucht der italienischen Politiker und die Ineffizienz einer der teuersten Politapparate Europas genau dokumentiert. Demnach gibt der Chef der Regionalregierung Kampaniens, Antonio Bassolino, doppelt so viel Geld für Repräsentationszwecke aus wie Bundespräsident Horst Köhler. Die italienischen Politiker gönnen sich mehr Dienstwagen als ihre französischen und britischen Kollegen zusammen. Dirk Schümer meinte in der FAZ: "Stellenweise ist das Buch, das aufrechte Italiener eigentlich zur Auswanderung animieren müsste, bitter komisch."
Wenn ein Tatsachenbericht über Italiens Politiker so komisch ist, sind die Komiker vielleicht die besten Berichterstatter. In der Tat haben inzwischen satirische TV-Sendungen wie "Le iene" (Die Hyänen) und "Striscia la notizia" (Da kriecht die Nachricht) die Funktion des investigativen Journalismus übernommen, indem sie Missstände aufdecken.
Das Fernsehen ist seit den 1960er Jahren das italienische Leitmedium. Nach der Alleinherrschaft der Christdemokraten über den öffentlich-rechtlichen Sender RAI wurden die Fernsehprogramme Anfang der 1980er Jahre aufgeteilt. RAI 1 wurde von den Christdemokraten, RAI 2 von den Sozialisten - damals beiden Regierungsparteien - und RAI 3 von der Opposition - damals der PCI - verwaltet. Die Berichterstattung folgte den Richtlinien der Parteien - eine Art "pluralistischer Stalinismus". Die Entstehung des privaten Rundfunks und die Zementierung des Duopols RAI-MEDIASET (Berlusconi) hat die Lage weiter verschlechtert. Dass die Berlusconi-Sender der politischen Propaganda dienen, ohne das Lächerliche oder gar Peinliche zu scheuen, ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Die Politiker jeglicher Richtung halten es für natürlich, dass TV-Journalisten ihnen dienlich sind: Geschieht das nicht, gibt es eben Sendeverbot. 2001 traf es den Grandseigneur der italienischen Journalisten, den fast 80-jährigen Enzo Biagi. Kein Kollege protestierte.
Wer nun wie Beppe Grillo politische Satire betreibt, wird zugleich zwangsläufig Medienkritik und Gegeninformation ausüben. "Die Pressefreiheit gibt es noch, aber die Journalisten sind verschwunden. Keiner von ihnen redet über Energie, Telekommunikation, Internet - über das, was in der Welt passiert", ließ er verlauten. Darüber hinaus tut er das, was die meisten Journalisten in Italien tunlichst vermeiden: heiße Themen anzupacken. Er war der erste, der den Parmalat-Skandal, die italienische Version des Enron-Debakels, nicht nur behandelt, sondern sogar vorausgesagt hat.
Bis zum 8. September haben die öffentlich-rechtlichen Sender die Aktivitäten Grillos einfach ignoriert. Danach war dies nicht mehr möglich. Die Reaktionen auf öffentlich-rechtlicher Seite sprechen Bände. Am 19. September äußerte Mauro Mazza, der Direktor von TG2 - der Tageschau von RAI 2 - die Befürchtung, dass irgendwann ein "Verwirrter" den Scharfmacher Grillo ernst nehmen und "den Abzug drücken wird". In den folgenden Wochen bemühten sich Journalisten und Politiker in Nachrichtensendungen und Polittalks, Grillo, seine Anhänger und überhaupt die ganze Blogosphäre zu diffamieren. Seit Anfang Oktober richten sich die Angriffe der italienischen Politiker einstimmig gegen die Gefahr einer rein zerstörerischen "antipolitica". Gemeint ist Beppe Grillo - genauere Inhalte hat dieser Begriff nicht.
Wie ein Feldzug gegen die Blogosphäre im Allgemeinen und gegen Grillo im Besonderen erscheint der neue Gesetzentwurf zum Verlagswesen, der Mitte Oktober von der italienischen Regierung verabschiedet wurde. Er sieht vor, Blogs wie Zeitungen und Zeitschriften zu behandeln. Jeder Blogger sollte daher dem Berufsstand der Journalisten angehören und im amtlichen Journalistenregister angemeldet sein. Das gelingt aber nur jemandem, der lange Jahre Praktikant war und eine schwierige Staatsprüfung absolviert hat. Somit wäre das Ende der italienischen Blogosphäre eingeleitet. Beppe Grillo machte diese Maßnahme über seinen Blog sofort bekannt und die Nachricht war bald auch in vielen ausländischen Medien zu lesen. Einige Tage später versicherten einige Minister, das Gesetz werde in dieser Form nicht umgesetzt.
Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass der nächste "Vaffanculo-Day" dem Mediensystem gewidmet sein wird. Gefordert werden die Abschaffung der staatlichen Medienfinanzierung und des amtlichen Journalistenregisters. Grillo kündigte dies in einem Fernsehinterview an. Er schob sein zorniges Gesicht vor die Kamera und grölte, an die TV-Journalisten gewandt: "Siete finiti" (Ihr seid am Ende). Dabei lachte er, als ob er selber nicht daran glauben würde. mittlerweile ist auch das Datum festgelegt, der 25. April 2008. Dies soll der "Tag der Befreiung der Italiener von der Desinformation" werden. Der 25. April ist in Italien ein ganz besonderes Datum. Es ist der Nationalfeiertag, der Tag der Befreiung vom Faschismus und der Nazi-Besatzung am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Dr. Carlo Campani

geb. in Florenz, Studium der Philosophie, Politik und Soziologie in Florenz und Frankfurt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurter Institut für Sozialforschung, Kulturattaché des Italienischen Kulturinstituts in Frankfurt. Zahlreiche Bücher und Artikel u.a. zur frühen kritischen Theorie, der nationalen Identität Italiens im 20. Jahrhundert und zu neuen Medien im Wahlkampf; seit 2006 freiberuflich als Kommunikationsberater tätig, lebt seit 19 Jahren in Deutschland.
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