von Heinrich Bergstresser
Im September wurden die deutschen Dokumentarfilmer Florian Opitz und Andy Lehmann bei einer Recherchereise in Nigeria verhaftet und stehen seither wegen Spionage unter Anklage. Der langjährige Nigeria-Korrespondent Heinrich Bergstresser beschreibt die Medien eines Landes, in dem der ungeheure Reichtum an Ressourcen für die Bevölkerung zum Fluch wurde.
Nationalflagge Nigerias
Nirgendwo in Afrika springen die Gegensätze so ins Auge wie im Vielvölkerstaat Nigeria, der größten schwarzen Nation weltweit, wo jeder siebte Afrikaner lebt, wo nirgendwo sonst auf der Welt so viele Christen und Muslime auf einem Staatsgebiet zusammenleben: Nigeria ist Ölproduzent Nummer Eins des Kontinents mit gewaltigen Erdgasreserven, trotzdem bleiben Benzin und Strom Mangelware. Die Infrastruktur in den Städten - allen voran Lagos - ist in Müllhalden und stinkenden Abwässergräben verloren gegangen. Dennoch sind Handys, Radios, Fernseher und Videorecorder aus den maroden Stadtbildern nicht wegzudenken.
Der Ressourcenfluch, hier lebt er, hier blüht er. Die Elite labt sich am Reichtum, der aus dem Boden sprudelt, ohne dass sie einen Tropfen Schweiß vergießen oder einen Finger rühren muss, und ignoriert die Armut der Massen. Ein maßgeschneidertes Thema für Dokumentarfilmer wie den deutschen Florian Opitz, der mit seinem Film zur Privatisierung von Wasser und deren gesellschaftlichen Folgen bereits äußerst erfolgreich war. Wochenlang stand er mit seinem Kollegen Andy Lehmann wegen angeblicher Spionage unter Anklage, zeitweise in einem nigerianischen Gefängnis inhaftiert. Sie hatten im Nigerdelta recherchiert, Probeaufnahmen gemacht und Interviews geführt, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, ob das Thema Ressourcenfluch am Beispiel Nigeria und Nigerdelta filmisch überhaupt trägt.
Der Vorwurf der Spionage und des Geheimnisverrates ist absurd. Spätestens seit der Zerschlagung der Ogoni-Bewegung Anfang der 1990er Jahre und der Hinrichtung ihres Anführer, des Bürgerrechtlers und Journalisten Ken Saro-Wiwa, gibt es keine Geheimnisse mehr im Niger Delta. Die Ursachen der Gewalt zwischen lokalen Milizen, Warlords und der Staatsmacht sind ebenso bekannt, wie die unheiligen Allianzen und Netzwerke führender Politiker, Militärs, Milizen und Mitarbeiter der Ölmultis. Sie organisieren auf hohem Niveau Ölraub - nach offiziellen Angaben 50000 bis 100000 Barrel am Tag - Menschenraub und Erpressung, füllen auf diese Weise ihre großen Taschen mit Petrodollar und nehmen das Elend im Delta, aber auch in den übrigen Landesteilen, billigend in Kauf. Zugleich laufen die Ölpumpen wie zu Beginn der Ölförderung mit Dieselgeneratoren, und die meisten Bewohner im Delta kennen Strom nur vom Hörensagen. Trotz der bürgerkriegsähnlichen Zustände sind die staatliche Ölgesellschaft NNPC und ihre internationalen Partner wie Shell, Mobil, Chevron und Agip optimistisch, ihr maximales Produktionsvolumen von zweieinhalb Millionen Barrel pro Tag schon bald wieder erreichen und mittelfristig auf mindestens drei Millionen steigern zu können.
Die Berichte in den privaten nigerianischen Zeitungen und Zeitschriften über die unsäglichen Zustände im Nigerdelta sind bereits Legende, geändert hat sich aber nur wenig. Bis heute scheuen die Mächtigen allerdings kritische Bild- und Tondokumente wie der Teufel das Weihwasser, ein Relikt des postkolonialen Staates, der die elektronischen Medien unmittelbar nach Erlangung der politischen Unabhängigkeit zu reinen Propagandasendern degradierte. Mittlerweile avancierte Nigeria zum weltweit größten Markt für Videoproduktionen, beliefert auch den afrikanischen und lukrativen Diaspora-Markt in Übersee. Doch entscheidet noch immer eine Zensurbehörde über die Freigabe eines Videofilms. Und der Präsident persönlich bewilligt Radio- und TV-Lizenzen mit restriktiven Vorgaben. Demnach dürfen die elektronischen Medien Nigerias ausländische Programme - zumeist Informationsprogramme - seit 2004 nur noch bearbeitet und zeitversetzt ausstrahlen, ein blamables Eingeständnis der politischen Führung Nigerias.
Das geschriebene Wort wird dagegen zwar als lästig empfunden und provoziert auch regelmäßig Übergriffe des Staatsapparates gegenüber der schreibenden Zunft, wird aber in der Regel von der politischen Führung kurzfristig nicht als ernste Bedrohung ihres Machtanspruches angesehen, längerfristige Betrachtungen werden kaum wahrgenommen. Dabei haben seit den kolonialen Tagen die Printmedien erheblich dazu beigetragen, politische Sichtweisen und Wertesysteme langfristig zugunsten partizipatorischer und demokratischer Ansätze zu verändern.
Im Gegensatz zu den elektronischen Medien gelang die völlige Gleichschaltung der Printmedien in Afrika und Nigeria nicht. Denn zur Blütezeit des Kolonialismus nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich innerhalb der aufstrebenden afrikanischen Elite ein spezifisch afrikanisches Medien- und Journalistenprofil entwickelt, das sich wie ein roter Faden durch die moderne Mediengeschichte Afrikas zieht und sich in seinem Grundverständnis erheblich vom Profil in den meisten westlichen Demokratien unterscheidet. Dieses Profil weist zugespitzt die Form des Pro und Contra auf, wobei die Journalisten den "Kampf" gegen etwas oder für etwas führen, sei es für oder gegen Regierungen, oppositionelle Gruppierungen oder Bürgerrechtsgruppen. Daraus leitet sich ein völlig anderes Rollenverständnis ab, dem es in erster Linie nicht darum geht, sachlich, distanziert und wahrheitsgetreu zu informieren und zur Herstellung einer öffentlichen Meinung beizutragen. Vielmehr besteht das Hauptziel weitgehend darin, Partikularinteressen durchzusetzen. Dafür werden die heute zumeist schlecht verdienenden Journalisten oft honoriert - Stichwort "Brown Envelope Journalism".
Aggressive Sprache und Gestik herrschen vor und verhindern die Entstehung des konstruktiven Dialogs zwischen Oben und Unten wie auch zwischen Eliten und politischen Entscheidungsträgern. Dieses tief im Bewusstsein verankerte Rollenverständnis hat den Journalismus in den sich demokratisierenden Staaten Afrikas in eine Identitätskrise gestürzt. Denn der Feind und politische Gegner - in Nigeria sind es die repressiven Militärregime - ist abhanden gekommen. Zugleich erwarten die neuen, nunmehr legitimierten Regierungen eine generell positive Berichterstattung.
Die digitale Revolution und die gescheiterte Entwicklungspolitik autoritärer und neopatrimonialer Regime eröffneten einer Allianz aus lokalen Reformern und internationalen Gebern die Chance, liberale Sektorreformen im Telekommunikationsbereich durchzusetzen. Dies bescherte Afrika einen rasanten und erheblichen Modernisierungs- und Demokratisierungsschub, der auf die elektronischen Medien durchschlug. Auch in Nigeria verloren die Staatssender ihr Meinungsmonopol, was aber keineswegs zu einer Qualitätssteigerung des Journalismus führte. Die Befreiung der Medien von staatlicher Gängelung und die kostengünstige Digitaltechnik schuf eine kaum noch überschaubare Zahl von Radio- und TV-Stationen und Neugründungen von Zeitungen, Magazinen und Boulevardblättern, wo im wesentlichen ein "Journalismus light" regiert, wo Musik- und Call-In-Programme und Werbung dominieren, wo überwiegend medienferne aber reiche Nigerianer investieren, entscheiden. Das Primat sind nicht Presse- und Meinungsfreiheit, sondern Profit. Zudem besteht noch immer ein eklatanter Mangel an kompetenten Journalisten, die den neuen Pluralismus mit journalistischem Leben füllen könnten. In Nigeria haben die Übergriffe auf Journalisten seit dem Demokratisierungsprozess zwar merklich nachgelassen, dafür aber ist Selbstzensur durch die Schere im Kopf und die Zahl mäßig oder gar nicht ausgebildeter Journalisten rasant angestiegen. Wirklich wichtige Informationen holen sich daher Nigerianer und Afrikaner per Satellit bei den großen westlichen Sendern BBC, CNN, TV5, RFI, DW und VOA.
Angesichts dieser Misere haben internationale Geber, in enger Abstimmung mit der ECA (Economic Commission for Africa), eine geballte Medieninitiative1 gestartet. So soll zunächst ein zweistelliger Millionen-Dollarbetrag für einen afrikanischen Medienfonds (African Media Development/Support Fund) bereitgestellt werden, der förderungswürdigen Medienunternehmen des privaten wie auch des staatlichen Sektors finanzielle Unterstützung zu günstigen Konditionen anböte. Nutznießer wären dann wohl auch wirtschaftlich bereits erfolgreiche Unternehmen wie Endemol Südafrika, das Moeletsi Mbeki, ein Bruder des südafrikanischen Präsidenten, leitet oder auch Raymond Dokpesis Daar Communications in Nigeria, mit der die BBC schon seit etlichen Jahren zusammenarbeitet. Dokpesi will allerdings seine gewinnbringenden Formate beibehalten und den externen Partner für die inhaltlich hochwertigen Produkt sorgen lassen. Dies spart Kosten und sichert dem externen Partner - in diesem Fall die BBC - trotz der staatlich verfügten Einschränkungen einen politisch gewollten und kostengünstigen Zugang zu einem wichtigen Markt. Ob dieser Einsatz sich mittelfristig zugunsten eines unabhängigen Journalismus auszahlt, bleibt abzuwarten.
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Heinrich Bergstresser

Jahrgang 1949: Langjähriger Redakteur bei der Deutschen Welle, Politologe und Afrikanist. Seit drei Jahren freier Journalist. Freier Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Afrika-Studien in Hamburg und aktives Mitglied im Dritte Welt Journalisten Netzwerk (DWJN). Zahlreiche Publikationen zu Afrika- und Nord-Süd-Beziehungen. Autor des Nigeria-Beitrages im jährlich erscheinenden Africa Yearbook. Ehemals Repräsentant der Friedrich Naumann Stiftung in Nigeria und Ghana.
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