von Margreth Lünenborg
Stefan Aust findet, Frauen können nicht über Politik schreiben. Notgedrungen blieben die Herren beim Sturmgeschütz der Demokratie unter sich. Austs hoch favorisierter Nachfolger Mathias Müller von Blumencron von Spiegel Online kann eine glasklare Bilanz vorweisen. Zwölf Kolumnen hat er eingerichtet, und unter den Kolumnisten befindet sich keine Frau. Eine aktuelle Studie über Frauen im Journalismus belegt ausgleichende Gerechtigkeit der besonderen Art. Frauen sind gewöhnlich viel höher qualifiziert als ihre männlichen Kollegen. Dafür verdienen sie im Durchschnitt 700 Euro monatlich... weniger.
Der Journalismus wird weiblich." So titelt die Fachzeitschrift messaGe in ihrer aktuellen Ausgabe. Und leicht ängstlich fragt sie dabei im Untertitel: "Wenn Frauen sich durchsetzen: Ändert sich der Inhalt?" Illustriert wird der Titel mit einer Zeichnung, auf der eine energische, blonde Frau am Kopf des Konferenztisches sitzend einigen Männern ihres Alters Ansagen macht: Sie analysiert das vor ihr liegende Blatt und entwirft Konzepte für die Zukunft. Die Männer schauen nicht eben euphorisch, aber doch konzentriert. Ein Online-Redakteur des Tagesspiegel artikuliert diesen Part: "Bekommt man eine Chefin vorgesetzt, empfindet man das schon erst mal als Wagnis." Mercedes Bunz, Leiterin des Online-Ressorts seit dem Frühjahr, verkörpert für ihn dieses Wagnis.
Stefan Aust scheint kein Mann der Wagnisse. Im Spiegel drohen keine beunruhigenden Verschiebungen der Machtverhältnisse: In der Redaktion finden sich Frauen gegenüber den Männern im Verhältnis 3 zu 1 wieder. In der Hierarchie bleibt der Herrenclub weitestgehend geschlossen unter sich: Drei Chefredakteure, 25 Ressort und (stellvertretende) Büroleiter, 22 Autoren und Reporter. Gerade einmal sechs Frauen haben insgesamt den Weg in diesen heiligen Gral erfolgreich beschritten. Für Stefan Aust ist dabei die Sache klar: "Es hat sich eben leider herausgestellt, dass in der Auswahl derjenigen, die für bestimmte Positionen in Frage kommen, beim Fernsehen mehr qualifizierte Frauen zu finden sind, als in dem Bereich, mit dem wir uns beschäftigen, nämlich mit politischer Berichterstattung im Print. So einfach ist das."
Schauen wir uns die Fakten an: Von etwa 48000 Menschen, die 2005 in Deutschland hauptberuflich journalistisch tätig sind, sind 37 Prozent Frauen. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass Ende der 1970er Jahre ca. 17 Prozent Frauen im Männerberuf Journalismus tätig waren, zeigt sich hier eine beachtliche Steigerung. Das Mediensystem in Deutschland verhält sich dabei analog zu dem der USA, wo wir bereits deutlich früher und intensiver den Ein- und Aufstieg von Frauen in den Journalismus beobachten konnten. Während der Anteil von Frauen in der Profession fortlaufend steigt, vor allem junge, hochqualifizierte Kolleginnen via Studium, Volontariat und freier Mitarbeit in den Journalismus einsteigen, tut sich in den höheren Etagen weiterhin wenig bis nichts. Auf der Ebene der Chefredaktionen findet sich eine Frau neben vier Männern, 29 Prozent der Ressortleitungen und CvDs nehmen Frauen wahr. Schaut man sich die Medienlandschaft genauer an, so werden unangefochtene Männerdomänen sichtbar: Es sind die "alten Medien", allen voran die Tageszeitungen und Nachrichtenagenturen, in denen Frauen dramatisch unterrepräsentiert sind. Vergleichsweise gut vertreten sind Journalistinnen dagegen in Hörfunk und Fernsehen - hier insbesondere bei privatkommerziellen Sendern - sowie in den Zeitschriften, hier vorneweg die Frauenzeitschriften. Betrachtet man die inhaltlichen Zuständigkeiten von Frauen und Männern im Journalismus, so müssen ein paar Klischees beiseite geschafft werden. Es sind nicht die Frauen, die in softe Randressorts ausweichen und damit die Chance zum Aufstieg verspielen. In den zentralen Ressorts Aktuelles, Politik, Wirtschaft und Lokales sind Journalistinnen entsprechend ihrem Anteil in der Profession vertreten. Als hochgradiger Männerjob erweist sich noch immer das Sportressort, mehr Frauen arbeiten im Feuilleton. Journalistinnen sind im Schnitt besser ausgebildet, verdienen zum Ausgleich dafür deutlich weniger Geld (ca. 700 Euro Differenz total, gut 500 Euro allein aufgrund des Geschlechts). Was läuft falsch?
Journalismus hat in dem, was heute als Mediengesellschaft bezeichnet wird, einen grundlegenden Funktions- und Strukturwandel durchlaufen. Die geschlossene politisch-publizistische Elite, die das Bonner Glashaus gekennzeichnet hat, ist in Berlin einer "Meute" gewichen. Eine Beschreibung, die für viele Akteure in der Profession mehr als kränkend ist. Tissy Bruns, Parlamentsredakteurin des Tagesspiegel, schreibt: "Politiker und politische Journalisten gehören zu den Verlierern der Mediengesellschaft." Sie konstatiert einen Verlust gegenüber dem Boulevard, gegenüber den elektronischen Medien. Die Macht der Welterklärung, Weltdeutung und auch Weltgestaltung, die politischer Journalismus für sich beansprucht (hat), ist damit in Gefahr.
Wenn die Festung derart bedroht ist, dann rücken die Ritter noch enger zusammen und fassen den Gegner scharf ins Auge. So lässt sich Stefan Austs Haltung nachvollziehen: Politische Berichterstattung in Printmedien bleibt Männersache. Das "Sturmgeschütz der Demokratie" bleibt auf verlässlichem Posten. Während Spiegel TV und Spiegel online im Personal, der Themenstruktur und den Präsentationsweisen längst eine Öffnung zwischen Politik und Lebenswelt vollzogen hat, gründet der Mythos des Spiegel noch immer auf der puristischen Trennung. Auch wenn Alpha-Weibchen die Titelseite längst erobert haben, die Chefsessel an der Brandstwiete bleiben frauenfrei.
Bleibt die Frage, ob sich der Spiegel verändern würde, wenn Frauen das Sagen hätten? Und weiter: Ändert sich der Journalismus, wenn er weiblich wird? Sorry, aber schon die Frage ist falsch gestellt, denn hier werden Ursachen und Wirkungen bunt durcheinander gewürfelt. Als Erstes gilt es festzuhalten: Gesellschaft hat sich mit Blick auf die Arbeits- und Rollenverteilung von Männern und Frauen grundlegend verändert. Der Journalismus vollzieht diese Entwicklungen nun mit deutlicher Zeitverzögerung nach. Zweitens: Journalismus hat sich unter ökonomischen und technologischen Vorgaben grundlegend gewandelt. Diese Prozesse der Kommerzialisierung und Digitalisierung bringen Umbrüche und Öffnungen mit sich, die vor allem Frauen den Zutritt in das Feld erleichtert haben. Drittens: Journalismus ist mehr und vielfältiger geworden. Die Programmvervielfachung hat das unangefochtene Primat des Informationsjournalismus unwiderruflich ins Gestern befördert. People-Journalismus steht neben Ratgeber-Journalismus, Auslandsberichterstattung neben PR-verdächtigen Reiseberichten, Vereinsberichterstattung neben investigativen Recherchen. Diese Vielfalt journalistischer Berichterstattungsmuster lässt sich nicht nach 'weiblich' versus 'männlich' sortieren. Frauen schreiben nicht per se einfühlsam, Männer recherchieren nicht qua Geschlecht knallhart. Die Vielfalt wird aber durchaus vielfältigen Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten gerecht. Die Forderung nach einer alltagsweltlichen Berichterstattung, die sich nicht in der Innensicht der politischen und ökonomischen Eliten verliert, ist alt - auch im Spiegel. So schrieben 1998 die beiden Redakteurinnen Angelika Gattersburg und Marianne Wellershoff: "Politik wird erst dann interessant, wenn sie in ihren Auswirkungen auf den Bürger/die Bürgerin journalistisch vermittelt wird - und nicht als Bonner Hahnenkampf." Eine solche Forderung ist keineswegs 'weiblich', sie nimmt aber in besonderer Weise Lesebedürfnisse von Frauen ernst. Bei schrumpfenden Auflagen dürften Verlage hier ihren Blick schärfen.
Ein Tipp zum Schluss: In Schweden hat sich der oberste General mehrere Monate lang von einem persönlichen Gender-Coach bei seiner Arbeit begleiten lassen. Ob interne Personalentscheidungen oder Strategien bei Auslandseinsätzen, stets reflektierte der Coach mit dem General, welche Folgen das Agieren der Armee für Frauen und Männer hat. Und keiner hat dabei zugehört. Vielleicht haben die Granden des SPIEGEL in ihren Büros noch ein wenig Platz?
PD Dr. Margreth Lünenborg

ist Gastprofessorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der FU Berlin im Bereich Kommunikations- und Medienpraxis, Arbeitsstelle Journalistik. Zuvor Gastprofessorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik der Universität Dortmund sowie am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Habilitation zum Thema "Journalismus als kultureller Prozess" an der Universität Dortmund. Arbeitsschwerpunkte: Kulturorientierte Medienforschung im europäischen Kontext und kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung.
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