von Pamo Roth
Mit charmanten und sehr individuellen Designideen punkten kleine selbstständige Modegeschäfte in einem aufstrebenden Berliner Kiez, dem so genannten Kreuzkölln. Das Erfolgsrezept: ein großer Schub an Idealismus und Improvisation und innovative, abseitige Modekreationen. Ein modischer Kiezspaziergang.
Vielleicht wartet heute ein Date mit dem Schicksal? Dann wär' es doch am besten, ihm so attraktiv wie möglich zu begegnen!" Dieser Sinnspruch über dem Spiegel stammt von der französischen Modedesignerin Coco Chanel - im Gegensatz zu allen anderen Sachen in dem Laden "Silbernes Nixchen", die ausschließlich von Berliner Designern gefertigt sind: Frühstücksbrettchen mit Berliner Straßenmotiven, "Berliner Töchter"-T-Shirts, Postkarten und Bilder auf Leinwand von der Künstlerin Heinke Breuer. Anissa Novakovic steuert mit ihrem Label "hU HA" per Siebdruck bedruckte T-Shirts und Röcke und bestickte Handy- und Slipeinlagentäschchen aus Plastik bei. Aus echten Stoffen der 70er Jahre hat Sid Balla Seidenschals kreiert, dazu passend gibt es Second-Hand-Krokodillederschuhe in verschiedenen Modellen. Eine namenlose Künstlerin, die als Kellnerin arbeitet, hat in Kreuzberger Cafés Kaffeetüten eingesammelt und daraus Taschen genäht. Die Plastik-Babylätzchen mit Heidi-Motiv stammen von Teluyo Mulaoka. "Die Leute denken ja immer, Berliner Design hat immer diesen Freaktouch, dabei machen Berliner Künstler wirklich schöne Dinge", sagt Susanne Bayla, Inhaberin des kleinen Geschäfts, das kurz vor der Brücke über den Landwehrkanal an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln liegt. Seit Juni betreibt sie den Laden, doch leben kann sie davon nach eigener Aussage (noch) nicht.

Cardigan aus Kuh-Kunstfell von Q-ture, Location: Kinski-Club
Foto: Bernd Lammel
Traditionelle Motive aus der Bergwelt werden beim Label "icke-Berlin" von Barbara Kristen in der Friedelstraße neu erfunden. Per Hand gestickt, gemalt oder gedruckt springen dort Rehkitze, Hirsche, Kühe, Füchse und Skiläufer auf T-Shirts, Röcken oder Kleidern herum. Die Erklärung dazu: "Frech, bunt und knorke möchte das Lieblingsstück im Kleiderschrank sein, nicht cool, aber echt."

Trachtenkostüm "Schieß-mich-tot" mit Hirsch-Stickerei im Atelier Q-ture
Foto: Bernd Lammel
Aus Kleidungsrohlingen werden ganze Stücke herausgeschnitten und mit neuen Stoffen, Aufnähern und Applikationen stilbildend grob vernäht. Der Renner sei "Bergzicke", "Kiezgöre", "Luxusfummel", aber auch "Schneeflocke", "Pulverprinz", "Schneekönigin" oder "Der Berg ruft". Die Idee der rustikalen und alpinschwärmerischen Kollektion wurde erstaunlicherweise in Neukölln geboren und ist innerhalb weniger Jahre über Hamburg, Bayern, Österreich, die Schweiz und Italien bis zu den Galeries Lafayette in Frankreich vorgedrungen. Über die Website bestellen auch Kunden aus Brasilien, Japan und der Ukraine. Der Laden mit der postmodernen Kuckucksuhr aus Plastik an der Wand ist eigentlich nur ein Atelier mit willkürlichen Öffnungszeiten, dennoch hat man tagsüber gute Chancen, eines der Einzelstücke mit der starken Affinität zu den Bergen zu ergattern.

Stepprock und Kunstfell-Cape mit Muff-Ärmeln von Q-ture, Cordhose "Wanderlust" mit Hemd und Filz-Pullunder von icke, Location: Lounge Bar Jimmy Woo
Foto: Bernd Lammel
Auf der anderen Straßenseite zieren eine goldene Blousonjacke samt goldenem Tulpenrock und ein Cordsamt-Overall mit Kapuze das Schaufenster von "Q-ture". Die handgemachten Lieblingsstücke wie ein türkisfarbenes Puschelcape oder ein Mantel mit Giraffen- oder Kuhmuster schneidert die Designerin und Ladenbesitzerin Barbara Nau selbst. Ihren Stil beschreibt sie als sehr feminin, sportlich und verspielt. Darunter kann auch mal "ein veralbertes Trachtenkostüm" mit einem aufgestickten Hirsch mit der Aufschrift "Schieß mich tot" sein. Vor vier Jahren hieß ihr Laden noch "Neukölln Couture": "Da hat jeder geglaubt, ‚Neukölln' sei geschäftsschädigend." Sie wehre sich allerdings gegen Auftragsarbeiten: "Ich bin ein alter Anarchist. Wenn man schon nicht reich wird, dann muss man wenigstens Spaß an der Arbeit haben."

Kniebund-Cordhose und Bluse mit Jacke von Q-ture
Foto: Bernd Lammel
Zwei Hauseingänge weiter blitzt die mit Strass verzierte französische Lingerie im Dessousatelier der Designerin Jutta Teschner, die ihr Hauptgeschäft in den Hackeschen Höfen in Mitte betreibt. Ihr Label "fishbelly" zählt nach eigenen Angaben zu den ersten europäischen Adressen im Bereich Dessous. Seit der ersten eigenen Kollektion 2002 hat sie nicht nur den "Young Designers Award" im vergangenen Jahr gewonnen, sondern ihre meist kaum verhüllende Damenunterwäsche ist inzwischen auch in Tokio, Hollywood, London und Paris zu kaufen: mit Putten verzierte Unterhosen, ein schlichter weißer Triangel-BH, ein schwarz gepunkteter Samtslip mit Schleifchen an den Seiten und überhaupt viel Spitze, Netzstoffe und Pailletten. ‚French Élégance' heißt das Stichwort. "Schlicht, aber sexy" sei die französische Spielart für unten drunter.

Kniebund-Cordhose mit Longsleeve "es lohnt sich immer" von icke, Unterwäsche Kombination mit Putten-Aufdruck von fishbelly mit Kunstfell-Cape von Q-ture, Location: Lounge Bar Jimmy Woo
Foto: Bernd Lammel
Vor allem für "oben rum" entwirft Ute Schellbach - Hüte, handgefilzt, mit transparenten, schillernden Organzastoffen oder mit Fell, Stirnbänder für die Abendgarderobe oder Brauthüte als Auftragsarbeiten. "Ich bin saisongebunden: Im Winter fertige ich Filz-, im Sommer Strohhüte", sagt sie. Stefanie Armelle Frederking hat im gleichen Laden in der Bürknerstraße ihre selbst konzipierte Herren- und Damenwäsche ausgestellt, Kleidung aus Jersey und Handytaschen wahlweise mit Totenkopf- oder Kronenapplikation. Obwohl Schellbach hier wohnt und vor Jahren schon einmal einen Laden hier hatte, sei sie erst wieder seit September in diesem Laden: "Vor fünf Jahren wurde es schrecklich hier, weil sich die Gegend zu einem sozialen Brennpunkt entwickelte. Dann kamen Streetworker und sorgten dafür, dass wieder Ruhe einkehrte und es hier richtig nett wurde. Jetzt kommen auch mehr Leute."

Unterwäschen-Kombination mit Stickmustern von fishbelly mit Goldlack-Mantel von Q-ture im Atelier fishbelly
Foto: Bernd Lammel
Praktisches und gesundheitlich Wertvolles ist hingegen im "Steinort-Berlin" zu finden. In die Etuis für den Reisepass sind Schutzfolien eingenäht, die die persönlichen biometrischen Daten abschirmen, um die informationelle Selbstbestimmung zu schützen. Darauf gedruckt sind Rosen, das Porträt von Che Guevara oder Totenköpfe. Alternativ kann man den Pass auch in Alufolie wickeln. Das hat dieselbe Wirkung, sieht aber aus wie ein platt gesessenes Pausenbrot. Trendige Gesundheitsvorsorge bietet der Nierenwärmer aus Fleece, Camouflage, Glitzer, Baumwolle mit Siebdruck oder Kunstleder mit Tiger-Applikationen. Er wird individuell angepasst und je nach Szenekonfession mit Nieten, Stickereien oder Karabinerhaken versehen. Über der Kleidung getragen, lässt er an alles andere denken als an die Kukident-Lebensphase. Standortbewusst gibt es natürlich auch "Kanalzone Kreuzkölln"-T-Shirts.

Schneiderei bei fishbelly
Foto: Bernd Lammel
Eine traditionelle türkische Technik ist die Hintergrundidee für die "BotschaftsBlüten" der Berlinerin Ayfer Belim: Accessoires wie Taschen, Ketten oder Mützen. Ohrringe und Schals stattet sie mit Filzblüten aus: Apfelblüten assoziieren Frühling und Schwangerschaft, Nelken Treue und Freundschaft und Kapuzinerkresse, dass man etwas verbirgt. "Ich bin hier erst seit drei Monaten, weil ich mitbekommen habe, dass hier ein Künstlerkiez entsteht", sagt Belim.
Ein paar Schritte weiter am Ende der Bürknerstraße tobt der Kottbusser Damm, Sinnbild für das "krasse" Neukölln. An der Ecke im "Londoner Import" gibt es Sommerkleider für vier Euro, gefertigt in Taiwan. Kichernd stehen meist in Kopftuch verhüllte Neuköllner Teenagerinnen in einer langen Schlange vor den Umkleiden. Da wirken die pittoresken Designlädchen wie die kleine heile Welt in einer Schneekugel. Diesen Spagat unterschiedlicher Wirklichkeiten fängt wohl am beste die "Projektwerkstatt" in der Hobrechtstraße auf. Die "Tüte de Luxe"-Taschenkollektion ist aus den buntkarierten TEK-Plastiktaschen hergestellt - im Husum-, New York- oder Helsinki-Style, und will gleichzeitig auf das Stereotyp aufmerksam machen, dass diese Taschen automatisch mit Migrantinnen in Zusammenhang gebracht werden. "Die Tüte de Luxe nutzt die Materialität und Geschichte der Tasche als Identifikationsmerkmal und schafft durch innovatives lokales Design eine neue Identität", so die Selbstdarstellung. Alles ist politisch - sogar Mode.
Maske: Ilona Prägnitzer
Models: Fatima, Nicole, Stephanell
Pamo Roth

lebt als freie Journalistin in Berlin
www.journalistenetage.de
Foto: Bernd Lammel
www.ass-style.de
www.hu-ha.net
www.icke-berlin.de
www.fishbelly.de
www.mingmen.info
www.aferbelim.de
www.tekstilprojekt.net
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