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31. Januar 2008

Brasiliens Medien debattieren Rio-Karneval und Banditendiktatur
Abgelegt unter: Medien | Klaus Hart um 13:07

Brutale Verbrecherbosse als Komponisten von Karnevalssambas

Die Verflechtungen der Sambaschulen Rio de Janeiros mit dem organisierten Verbrechen waren bereits im Vorkarneval seit Monaten ein vieldiskutiertes Thema. Brasiliens Staatssekretär für Öffentliche Sicherheit, Antonio Carlos Biscaia:“Mich hat stets empört, daß jene, die sich dem Verbrechen widmen, den Karneval kommandieren. Sie steuern alles, sogar die Jury-Entscheidungen über den Wettbewerb der Sambaschulen.“ Qualitätsmedien fordern, jene „Escolas de Samba“ endlich von Gewaltverbrechern zu säubern: „Hora de limpar as quadras“. Selbst Brasiliens berühmteste Sambaschule „Mangueira“ steht erneut im Zwielicht, steckt in der Krise. Wie Polizei und Medien herausfanden, sind die Beziehungen zwischen Brasiliens mächtigster Verbrecherorganisation „Comando Vermelho“(Rotes Kommando) und dem Karnevalsverein enger denn je. Die über 700 Rio-Slums werden fast durchweg von Gangstersyndikaten neofeudal und terroristisch beherrscht – die Mangueira-Favela nahe der City ist seit Jahrzehnten in der Hand des Comando Vermelho. In einer einzigen  Nacht werden dort acht Frauen erschossen, die gewagt hatten, das Diktat der perversen Schwerverbrecher zu kritisieren. „Das sind Tyrannen – sie verbrennen Menschen lebendig, zerstückeln Personen, begehen Greueltaten jeder Art“, sagt Chefinspektorin Marina Maggessi, inzwischen Kongreßabgeordnete, über Rios Banditenkommandos. Sie nutzen Sambaschulen zur Geldwäsche und zum Geldverdienen, finanzieren teuerste Allegorienwagen, bezahlen vielen Ärmsten die Kostüme, spielen sich als Gönner, Mäzene auf. Verbessern damit ihr Image, werden gesellschaftsfähig, bestimmen indessen als karnevalsfremde Figuren die Regeln des Festes, was diesem immer schlechter bekommt, dem Kommerz Vorschub leistet. Zwar ist direkt vor dem Eingang der Mangueira-Sambaschule neuerdings ein Posten der Militärpolizei, doch gleich um die Ecke, im Favela-Labyrinth patrouillieren sogar Kinder und Jugendliche des „Comando Vermelho“ mit Revolvern und Maschinenpistolen. Fernandinho Beira-Mar zählt zu Brasiliens grauenhaftesten Verbrecherbossen, sitzt derzeit im Knast. Letzten Oktober veranstaltet Beira-Mar eine rauschende Hochzeitsfeier, an der Percival Pires, Präsident der Sambaschule Mangueira teilnimmt. „Das ist ein glücklicher Tag für alle Anhänger von Mangueira“, erklärt Pires und überreicht eine Gedenktafel. „Die heutige Karnevalsprobe widmen wir dem neuen Ehepaar!“ Die berühmte Percussionsgruppe der Sambaschule spielt auf, ebenso der auch in Deutschland inzwischen recht bekannte Rapper Mr. Catra. Mestre-Sala und Porta-Bandeira von Mangueira, „Saalmeister und Fahnenträgerin“, Blickfang jeder Sambaschule bei der Karnevalsparade, präsentieren sich ebenfalls. Später fällt der Bundespolizei das Hochzeitsfeier-Video in die Hände, der Skandal ist enorm, Mangueira-Präsident Pires muß gehen. Chef jener Percussionsgruppe ist damals Ivo Meirelles, der öfters mit seiner Band auch durch Deutschland tourt. Inzwischen mußte auch er abtreten. Rios Zivilpolizeichef Gilberto Ribeira startet die „Operation Karneval“, beschuldigt Mangueira enger Beziehungen zum Comando Vermelho. Nach anonymen Hinweisen entdeckt die Polizei einen geheimen Eingang, über den, wie es heißt, die Verbrecherbosse von der Favela aus unbemerkt zu Luxuslogen in der Sambaschule gelangten – und im Falle einer Polizeirazzia problemlos wieder verschwinden konnten. Ivo Meirelles wird vorgeworfen, jenen Extra-Eingang installiert zu haben. Der bestreitet das.Derzeit ist Tuchinha Boß des Comando Vermelho in der Favela Mangueira, die Polizei fahndet nach ihm fieberhaft. Doch immer wieder nimmt er an den Proben und Karnevalsfesten teil, mischt sich unter die bis zu zehntausend Feiernden. Den diesjährigen Mangueira-Karnevalssamba, der dem Nordost-Rhythmus Frevo gewidmet ist, hat Tuchinha mitkomponiert, was Bände spricht. Laut Zivilpolizei macht das Comando Vermelho wegen der Wochenend-Proben in der Sambaschule blendende Extraprofite bei harten Drogen. Sechzig Prozent der Umsätze würden an diesen Tagen erzielt. Tuchinha, so ergeben abgehörte Telefongespräche, nutzt die Sambaschule offenbar sogar als Büro. Unweit der „Escola de Samba“ entdeckt die Polizei eine Art Festung mit Schießscharten, von denen die Banditenkommandos die Region beobachten und auf Polizeieinheiten oder rivalisierende Gangstergruppen feuern konnten. Bürgermeister Cesar Maia nennt die Beziehung zwischen der Sambaschule und dem Comando Vermelho uralt. „Jahrelang haben unsere sogenannten Intellektuellen und die Presse immer Mangueira als einzige Escola de Samba gelobt, in der die Glücksspielmafia keine Chance hatte. Dafür hatte Mangueira halt das organisierte Verbrechen, wie man seit langem sah und wußte.“

 Viele Kölner Karnevalisten, selbst der Kölner Polizeichor waren schon in der Sambaschule. Brasiliens gravierende Widersprüche sind auch im Karneval so präsent, daß es häufig zwischendurch richtig weh tut. 1987 und 1989 werden die jeweiligen Präsidenten der Mangueira-Sambaschule ermordet, der ermittelnde Kriminalist gleich mit. 1993 defilieren über viertausend Mangueira-Fans am Rosenmontag, stehen Caetano Veloso, Gilberto Gil, Maria Bethania und Gal Costa oben auf dem Allegorienwagen, während exakt zur selben Stunde am Sitz der Sambaschule heftige Gefechte zwischen Comando Vermelho und dem rivalisierenden Terceiro Comando toben. Handgranaten explodieren, MGs rattern – mindestens 35 Menschen, auch völlig unbeteiligte kleine Kinder werden getötet. 2004 widerspricht der überaus beliebte Percussionschef Robson Roque einem Mangueira-Banditenboß, wird sofort liquidiert. Auch in späteren Jahren defilieren immer wieder Mangueiras Gangsterchefs bei der berühmten Parade mit, die Waffe dezent versteckt. Bevor es losgeht, stehe ich einmal in einer Gruppe von Armee-und Polizeioffizieren, die ebenfalls bei Mangueira kostümiert mitmachen, über alles Bescheid wissen.

Klaus Hart, Sao Paulo

29. Januar 2008

Tröstlich - oder nicht: Nationale Eigenarten online bewiesen
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 20:11

 Hier aus aktuellem Anlass noch ein Nachtrag zu Technorati und dem Bloggen an sich:

In early 2006 Technorati, a search engine that tracks blogs, counted 27 million. In late 2007, the count passed 100 million. (The largest number of blog posts, some 37 percent, are now in Japanese, according to a recent Washington Post article by Blaine Harden, and most of these are polite and self-effacing—”karaoke for shy people.” Thirty-six percent of posts are in English, and most of them are the opposite of polite and self-effacing.)

Aha: 37 Prozent aller gezählten Posts der Welt japanisch, überwiegend höflich und übertrieben bescheiden, 36 Prozent englisch und fast ausschließlich genau das Gegenteil von höflich und übertrieben bescheiden. Und die paar deutschen Posts? Bescheidenheit ist ein Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Höhöhö. Müsste Frank Schirrmacher angesichts des zu vermutenden Ergebnisses einer eingehenden Untersuchung nicht ob des identitätsstiftenden Effekts neuer deutscher Unbescheidenheit höchst erfreut sein? Wie soll sie denn sonst noch daher kommen!  Auch diesem Phänomen werden wir selbstverständlich nachgehen. Zurück in die Welt der Zahlen:

When the blog boom came, the tone of the blogosphere began to shift. A lot of the new blogs—though certainly not all of them—weren’t so much filters for the Web as vents for opinion and self-revelation. Instead of figuring out ways to serve up good fresh finds, many of the new bloggers were fixated on getting found. So the very significance of linking began to change. The links that had once mattered were the ones you offered on your blog, the so-called outbound links pointing to other sites. Now the links that mattered most—and still do—are those on other blogs pointing toward your blog, the so-called inbound links. Those are the ones that blog-trackers like Technorati count. They are the measure of fame.

Now that fame and links are one and the same, there are bloggers out there who will do practically anything— start rumors, tell lies, pick fights, create fake personas, and post embarrassing videos—to get noticed and linked to. They are, in the parlance of the blogosphere, “link whores.” And those who succeed are blog celebrities, or “blogebrities.”

One of the surest ways to hoist your blog to the top of the charts is to bring down a big-time politician or journalist. (Bloggers who constantly dog the mainstream media, or MSM, have been dubbed the Pajamahadeen.)

Wir gehen jetzt mal in uns und fragen uns, ob wir hier auch Züge von Schlafanzughidin haben. Es gibt sogar welche, die meinen, wir seien Elche.

Bettina hat im Jonet einen interessanten Verweis gefunden, den ich hier gern einstelle:

Christiane Schulski-Haddouti hat Thesen zur aktuellen Entwicklung der Medien zusammen getragen, die eine gute Basis für die weitere Diskussion sind. Hier der Einstieg:

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Autor einer Tageszeitung die sich rasant entwickelnde Medienlandschaft beklagt. Dabei wäre es wichtig, die sich verändernden infrastrukturellen Bedingungen der Medienlandschaft möglichst genau zu benennen. Denn nur das kann die Voraussetzung dafür sein, zukunftsfähige Medienprodukte zu entwickeln.

Aus der Beobachtung aktueller Medientrends ergeben sich folgende zehn Thesen, die sich teilweise bereits mit Studien belegen lassen, teilweise aber nur auf jüngsten Entwicklungen basieren. (Ich nenne sie bewusst “Thesen” und nicht “Trends”, da diese Trends in der laufenden Berichterstattung offensichtlich stark umstritten sind.):

  1.  Niedrige Barrieren der Inhalteproduktion und -rezeption
  2. Medienkompetenz als Voraussetzung für erfolgreiche Teilhabe
  3. Erosion des Gatekeeping
  4. Zunehmende Fragmentierung von Öffentlichkeit
  5. Neue Chancen mit Lückenbesetzen und Vernetzen
  6. Die (Wieder-) Entdeckung authentischer Inhalte
  7. Die Erweiterung journalistischer Produktionszyklen
  8. Die Werbung als wackeliges Rückgrat der professionellen Inhalteproduktion
  9. Kontinuierliche Weiterentwicklung von Werbeformen
  10. Nutzung der Marke für verwandte Wertschöpfungsketten

Im nächsten Heft werden wir uns mit dem Internet als Kulturtechnik beschäftigen.

Sabine Pamperrien

Links-Rechts-Schema in deutschen und brasilianischen Medien
Abgelegt unter: Medien | Klaus Hart um 18:08

„Lula hat nichts von einem Linken an sich - war nie ein Linker“ Brasilianischer Konzernchef und Multimillionär Emilio Odebrecht, 63, gegenüber der Qualitätszeitung Folha de Sao Paulo im Januar 2008

Viele deutschsprachige Medien stufen den brasilianischen Präsidenten Luis Inacio Lula da Silva aus sicherlich wohlerwogenen Gründen als links ein – viele brasilianische kämen darauf nicht im Traume. In Europa, besonders Deutschland, sind die Kriterien für „links“ und „rechts“ heute deutlich anders als beispielsweise in Brasilien, werden Personen, Organisationen als links bzw. rechts eingestuft, die im Tropenland konträr definiert würden. Dies gilt mindestens seit den achtziger und neunziger Jahren auch für Lula. Der Chef der Unternehmensgruppe Odebrecht, Emilio Odebrecht, hat jetzt in einem langen Zeitungsinterview deutlich gemacht, weshalb Lula zum Wunschkandidaten der brasilianischen Geld-und Politikereliten wurde. Odebrecht sagte, er kenne Lula seit 1992. Lula selbst hatte regelmäßig klargestellt, daß er sein ganzes Leben lang nicht als Linker, Linksgerichteter klassifiziert werden wollte. Zuletzt hatte Lula im  Dezember 2006 in Sao Paulo vor Bankiers und anderen Unternehmern erneut für entsprechende Klarstellungen gesorgt. Wer sich mit über sechzig Jahren immer noch zur Linken rechne, sei nicht ganz bei Troste. „Wenn sie jemanden kennen, der alt ist und zur Linken zählt, heißt das eben, daß er  Probleme hat“. Im Kontext der Rede waren mentale Probleme gemeint. Die Geldleute reagierten zufrieden und mit großer Heiterkeit, oder wie manche Zeitungen vermeldeten, lachten sich kaputt. „Wenn man die Sechzig erreicht, kommt man ins Alter des Gleichgewichts, ist man weder das eine noch das andere. Wer mehr rechts war, ist dann mehr in der Mitte – und wer mehr links war, wird sozialdemokratisch, also weniger links.“ Bankiersliebling Lula illustrierte das am persönlichen Beispiel, bezog sich auf den Kongreßpolitiker Delfim Netto, der zur Zeit des grausamen 21-jährigen Diktaturregimes der auch mit Pinochet eng kooperierenden Foltergeneräle wichtige Ministerposten, darunter das Amt des Finanzministers, bekleidete.  „Heute bin ich ein Freund von Delfim Netto. Zwanzig Jahre lang habe ich Delfim kritisiert – doch jetzt ist er mein Freund und ich bin seiner.“ Das Publikum aus der Geldelite quittierte dies erneut mit Heiterkeitsausbrüchen. Daß Lula tatsächlich nie der Linken angehörte, haben Politikwissenschaftler, aber auch Menschenrechtsaktivisten, die ihn aus seiner Zeit als Gewerkschaftschef gut kannten, immer wieder bekräftigt.Die Lula-Äußerungen wurden von linken Persönlichkeiten Brasiliens zumeist mit Spott kommentiert. Soziologieprofessor Chico de Oliveira, 73, aus Sao Paulo nannte Lula ein Chamäleon – intellektuell, politisch und ideologisch schwach. Er passe sich jedem Ambiente an, um zu überleben. Helio Bicudo, aus Lulas Arbeiterpartei ausgetretener katholischer Menschenrechtsaktivist:“Mit 84 stehe ich heute mehr links als mit 60.“ Poet Ferreira Gullar:“Lula geht es nur um die Macht – je nach Publikum redet er jedwedes Zeug.“Senator Cristovam Buarque, von Lula gefeuerter Bildungsminister :“Die Klarstellung Lulas festigt meine Position, daß diese Regierung rechts steht.“ Waldemar Rossi aus Sao Paulo, Führer der katholischen Arbeiterseelsorge aus Sao Paulo, hatte einst mit Lula Streiks organisiert und stets betont:“Lula war nie ein Linker. All dies erklärt seine teilweise Bewunderung für Adolf Hitler.“ Bereits als Gewerkschaftsführer hatte Lula zur Diktaturzeit in einem Interview wörtlich gesagt, nie dementiert oder berichtigt:“Hitler irrte zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere – dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen…Was ich bewundere, ist die Veranlagung, Bereitschaft, die Kraft, die Hingabe.“ Auch angesichts dieses berühmten Lula-Satzes lassen sich klare Rückschlüsse auf die politischen Positionen jener ziehen, die ihn als links, progressiv definieren. Das nicht-linke politische Spektrum befindet sich gemäß den Analysen renommierter Sozialwissenschaftler gerade in Brasilien, dem internationalen Testlaboratorium des Neoliberalismus, in einer besonders komfortablen Situation. Die angesehene Universitätsprofessorin Anita Prestes, Tochter der von den Nazis in Bernburg vergasten Jüdin Olga Benario, betont stets, in Brasilien gebe es weder linke Parteien noch Organisationen, lediglich linke Einzelpersönlichkeiten. Exakt genauso sieht es Claudio Abramo, Exekutivdirektor der Anti-Korruptions-NGO„Transparencia Brasil“: „Hier gibt es keine linke Organisation – soetwas ist hier nicht verwurzelt. Und ein gesellschaftliches Segment, das eine linke Partei tragen könnte, existiert auch nicht. Wir sind ein deutlich unterentwickeltes Land.“  

Klaus Hart, Sao Paulo

27. Januar 2008

Technorati bildet die Selbstbezüglichkeit der Blogosphäre ab
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 12:45

Die Diskussion um Blogger, Blogosphäre und Journalismus lässt mich nicht los. Eine Reaktion auf den von mir zitierten Beitrag von Michael Haller machte mich besonders stutzig. Don Alphonso begründete seine Kritik an Hallers These von “tausenden” Bloggern, die auf die Attacke der “Porno-Rapperin” “Lady Bitch Ray” auf Ulf Poschardt im öserreichischen Fernsehen angesprungen seien, mit Zahlen von Technorati - und es las sich, als gebe Technorati Aufschluss über das Geschehen in sämtlichen Blogs dieser Erde. Das stimmt aber nicht so ganz. Sämtliche Blogs, die keine Pings erlauben, werden schon mal gar nicht mitgezählt. Und das Technorati-Ranking sagt eigentlich nichts über den Traffic aus, sondern zunächst einmal nur etwas über die Akzeptanz innerhalb der Blogosphäre.  

Ich habe die Funktionsweise von Technorati endlich einmal näher angesehen und stieß bei Basic Thinking auf diesen profunden Beitrag vom vergangenen Juni:

Hier mal ein paar Zitate: 

Haben viele oder wenige Links etwas mit Traffic zu tun? Nein und ja. Es hängt ganz davon ab, ob sich das Blog seitens des Traffics außerhalb der Blogosphärenleserschaft bewegt. Es gibt Blogs, die werden innerhalb der Blogosphäre kaum von anderen Blogs wahrgenommen, haben sich aber dennoch eine gute Leserschaft aufgebaut. Beispiel? PSP News. Es bewegt sich knapp unter 10.000 Besuchern täglich, kommt bei Technorati lediglich auf 143 Linkverweise. Spreeblick hingegen ist exzellent in der Blogosphäre vernetzt, hat 2046 Linkverweise, liegt aber hinsichtlich des Traffics bei rund 5.000-10.000 (eher seltener Ausschlag nach oben) Lesern pro Tag. Es gibt also keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Links und Traffic, wenn man annimmt, dass nur die innerhalb der Blogosphäre gut verlinkten Blogs auf hohe Trafficniveaus kommen können. Und noch ein weiterer Effekt kommt hinzu: wenn man eher technikaffine Leser hat, werden diese zunehmend den RSS Feed nutzen, statt das Blog direkt zu lesen.

Wichtig ist nur: Technorati scannt Blogs und zählt Links (natürlich noch etwas mehr, sonst wäre es keine Blog-Suchmaschine). Die Links werden aber nach einem halben Jahr wieder gelöscht. Alle? Nein, nur die, die älter als ein halbes Jahr sind. Rechenbeispiel: würde ein Blog monatlich auf 10 Linkverweise kommen, wird es nach einem halben Jahr seit dem Start exakt 60 Links aufweisen (”Authority” genannt). Im siebten Monat kommen +10 Links hinzu, doch werden jetzt die 10 Links aus dem Monat 1 gestrichen. Solange der Zulauf genauso hoch wie der Abfluss ist (+10 gegen -10), bleibt das Blog auf 60 stehen. Also muss man nur ein anderes Blog finden und dieses setzt dauerhaft 10 Links Monat für Monat auf Dich? Nein! Technorati zählt hierbei nur Links von verschiedenen Blogs. Ein Blog kann dich also täglich 100x verlinken, es wird nur als ein Link gezählt. Es ist aber dennoch nicht ganz unwichtig, dass ein Blog ein anderes Blog aufs Neue verlinkt: nach einem halben Jahr würde dieser Link ja verfallen. Tut er aber nicht, wenn das andere Blog Dich erneut verlinkt. Es zählt also immer der jüngste Link von einem Blog ausgehend. Das erneute Verlinken wirkt wie eine Art Reset des Zeitzählers, der dann wieder von Null beginnt. Daher ist es nicht ganz unbedeutend, wenn Dich Blogs in die Blogroll aufnehmen, da Technorati diesen Link dauerhaft als neuen Link speichert. (Ist doch so, oder?)

Don Alphonso hat mich gerade korrigiert. Nett von Don Alphonso. Ich wollte mal schauen, ob er sich wirklich so schnell meldet. Tjaja, wir Journalisten sind ganz schlimme Gesellen. Vielleicht stellt er seine Mail an mich hier über die Kommentarfunktion ein?

Sabine Pamperrien 

26. Januar 2008

ZAPP hat Fieber
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 17:21

Was ist bloß bei ZAPP los? In der letzten Sendung echauffierte sich beim Beitrag über die Reaktionen auf die übrigens hier zuerst erwähnten Cruise-Videos wieder einmal jemand ganz schrecklich. Dieser Wochenschau-Ton, der bei Extra Drei die Satire so lebhaft vorantreibt, verursacht beim Medienmagazin mein Kopfschütteln. Was ich meine, sollte man sich einmal bewusst anhören.

O-Ton ZAPP:

“Die Erregungskurve in den Medien steigt. Die Nazi-Keule wird geschwungen. Ausgelöst durch ein vier Jahre altes Video. Der Hollywoodschauspieler Tom Cruise bekennt sich darin zu Scientology und peitscht Sektenanhänger an. “Cruise tritt auf wie Goebbels”, so ZDF-Geschichtsaufbereiter Guido Knopp in der “Bild am Sonntag”. Noch vor einem halben Jahr hatte das Blatt diesen Nazi-Vergleich empört zurückgewiesen und das Gut der Kunstfreiheit in Gefahr gesehen. Lange hat die Presse die Rolle des wichtigsten Scientology-Botschafters verharmlost. Selbst über die abwegige Lobeshymne von “FAZ”-Herausgeber Schirrmacher auf den Bambi-Preisträger Cruise empörten sich außer Zapp nur wenige andere. Zapp über einen gefährlichen Werbeträger und mediale Schieflagen.”

Das hatte ich anders in Erinnerung.  Nach Schirrmachers Laudatio, die mich zwischen Lachkrampf und Verzweiflung hin und her getrieben hatte, war ich sehr gespannt auf die mediale Reaktion. Die sah dann so aus:

Selbst im Schwesterblatt der FAZ ulkte Richard Wagner am 2.12. bei “Das war’s” im Zusammenhang mit der Verurteilung einer britischen Lehrerin, die einen Teddy hatte Mohammed nennen lassen:

“Da war es trostreich und es musste einem um das Abendland nicht bange sein, als der sogenannte Filmschauspieler Claus Cruise in seiner Bambi-Rede mit dem Satz schloss:’ Es lebe das heilige Deutschland’.”

Handelsblatt, Wirtschaftswoche, taz, Süeddeutsche, Spiegel online: alle kommentierten Laudatio, Laudator und Laudierten: “bizarr”, “groteske Rede”, “Frank Schirrmacher erging sich im Neonationalismus”, “salbungsvolle Worte des Laudators”,

Markus Ehrenbergs Text “Gott zum Cruise!” aus dem Tagesspiegel vom 30.11. fasst die Befremdung aus meiner Sicht am elegantesten zusammen:

Kurz vor 23 Uhr am Donnerstag abend geschah dann doch noch Aufregendes. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hielt eine Rede auf Hollywoodstar Tom Cruise, der gerade für die Hollywood-Produktion „Valkyrie“ den deutschen Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg verkörpert und dafür vom Verlagshaus Burda mit dem Courage-Bambi ausgezeichnet wurde.

Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, wohl aber gegen die hymnisch-sakrale Laudatio Schirrmachers, die in Anspielung auf Cruise’ Chef-Funktion beim United-Artists-Studio in dem denkwürdigen Satz gipfelte:  „Kein Titel schien so groß wie sein Name.“ Außerdem sei Cruise der Mann, der, wie Schirrmacher es nannte, „Graf Stauffenberg sein Gesicht geliehen hat“. Oopps, muss man das nicht eher umgekehrt sehen? Da wäre sogar Cruise-Gattin Katie Holmes fast der Kaugummi aus dem Mund gefallen.

So viel Pathos war selten im deutschen Fernsehgalagewese. Schon gar nicht bei oder besser für jemanden, der der nicht immer ganz so feinen Scientology-Sekte angehört. Tom Cruise wäre von Schirrmacher wohl noch für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurden, doch der Laudator musste nach zehn Minuten langsam zum Ende kommen. Cruise viertelstündige Dankes-Rede über Tapferkeit, Mut und Leistungsbereitschaft schloss mit den Worten, die Graf von Stauffenberg vor seiner Hinrichtung gesprochen hatte: „Es lebe das heilige Deutschland!“ Darauf hätte man gerne noch Frank Schirrmacher antworten hören.

Der Stern schrieb am 6.12.:

Ein Mann, der als einer der einflussreichsten Intellektuellen des Landes gilt, führt sich auf wie ein Hollywoodgroupie im Hormonrausch: Auf der Bambi-Gala sprach der “FAZ”-Herausgeber Frank Schirrmacher den Schauspieler Tom Cruise in einer Art devotem Heldengottesdienst heilig.

Nur Brigitte Pavetic hörte für die Welt eine “lange und eindringliche Rede über Mut”. 

Die Kritik an der Rede und der Preisverleihung an Cruise wurde deutlich, fundiert, flächendeckend und durchaus polemisch geübt. Das, was man bei ZAPP offenbar vermisst - es wird in der oben zitierten Anmoderation hervor gehoben - ist also ausschließlich der Furor der Empörung. Das aber entspricht den Reflexen des Boulevard! Das offenbart interessante Denkbewegungen der Autoren dieses Beitrags. Gilt nur noch als medial aufgearbeitet, was in der Boulevard-Presse emotional verhackstückt wurde?

Tatsächlich hat die BILD Cruises Scientology-Connection herunter gespielt und Schirrmachers Arschkriecherei ignoriert. Aber steht bei ZAPP die BILD inzwischen stellvertretend für ALLE? Da stimmt doch etwas ganz und gar nicht mit den Bewertungsmaßstäben? Eigentlich hätte berichtet werden müssen, dass die Qualitätsmedien längst auf die Absurdität der Bambi-Story hingewiesen hatten und das BILD erst das Cruise-Knutschen beendet hat, als kein Weg mehr an seiner Rolle als Scientology-Propagandist vorbei führte. Die Schieflage, die ZAPP beklagt, findet sich  ausschließlich bei der BILD. Das BILD sich medial in Schieflage befindet, ist aber wohl seit dem Tag des ersten Erscheinens so, geradezu Boulevard-immanent, redundant und überhaupt keine Nachricht. Wieder einmal agiert jemand bei ZAPP mit Schaum vor dem Maul - und ohne Kopf. Du meine Güte, ist das schade! Die Person, um die es in dieser ganzen Geschichte eigentlich gehen müsste, ist der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Ich kann mich über Schirrmacher nicht empören! Ich kann mir an den Kopf fassen! Und das Vogel-Zeigen hätte ich mir öffentlichkeitswirksam auch noch einmal von ZAPP gewünscht! Stattdessen muss ich allen Ernstes Kritik an Guido Knopp anhören! Viel zu wohlfeil… Das Problem - oder ist es ein Konzept? - von ZAPP scheint zumindest streckenweise zu sein, dass nur platt gestrickte Geschichten zu dem alarmistischen Ton passen. Die Geschichten werden auf den Ton zugeschnitten, nicht umgekehrt? Ein Medienmagazin, dass sich im Boulevard spiegelt? Aber wer ist dann eigentlich der Adressat der Beiträge?

Sabine Pamperrien

25. Januar 2008

Standpunkte zur Staatswissenschaft Nr. 26 erschienen
Abgelegt unter: Lektüretipp | Sabine Pamperrien um 17:09

Zum Thema “Erbschaftssteuer - Reformpotential?” ist soeben eine neue Ausgabe der Reihe “Standpunkte zur Staatswissenschaft” erschienen.

Die Standpunkte zur STAATSWISSENSCHAFT werden in unregelmäßiger Folge von der Professur ‘Wirtschaftspolitik und Economic Governance’ am Department Wirtschaft und Politik der UNIVERSITÄT HAMBURG ausschließlich in elektronischer Form herausgegeben und geben ausschließlich die Meinung des Verfassers/der Verfasserin wider: Prof. Dr. Arne Heise Universität Hamburg Fakultät Wirtschafts- und SozialwissenschaftenDepartment Wirtschaft und Politik Von-Melle-Park 920146 HamburgTel.: +49 40 42838 2209 Email: Arne.Heise@wiso.uni-hamburg.de

Verzeichnis aller Arbeitspapiere und anderer Veröffentlichungen/ List of allworking papers and other publications:

Was stimmt denn nun? Widersprüchliche Informationspolitik über Amazonien ein Fall für Medienexperten
Abgelegt unter: Medien | Klaus Hart um 16:22

Das “Maßnahmenpaket” der brasilianischen Regierung gegen die zunehmende Regenwaldvernichtung ist von nationalen Umweltexperten und den Qualitätsmedien scharf kritisiert worden. Staatspräsident Luis Inacio Lula da Silva wurde vorgeworfen, vergangenen September vor der UNO die Unwahrheit über die gravierende Lage in Amazonien gesagt zu haben. Lula, so hieß es in ersten Analysen, habe vor dem Weltforum einen Rückgang der Abholzungsraten gefeiert, obwohl seine Regierung bereits über einen starken Anstieg der Urwaldzerstörung bestens informiert gewesen sei. Auf dem UNO-Klimagipfel vom Dezember in Bali habe die brasilianische Delegation entgegen den Tatsachen sogar weitere Rückgänge angekündigt. Auch die neuesten Gegenmaßnahmen Brasilias würden ebensowenig  realisiert wie die in den Vorjahren verkündeten Schritte. Fachleute von Greenpeace sowie renommierten brasilianischen Umweltorganisationen erklärten, das Maßnahmenpaket komme viel zu spät und wiederhole Kontrollvorschriften früherer Schutzpläne, die indessen nie verwirklicht worden seien. So existiere sogar seit langem ein Gesetz, das staatliche Kredite an Farmbesitzer verbiete, die Urwald vernichteten, um Anbauflächen für Soja oder Zuckerrohr bzw. Weideflächen für Rinder zu schaffen. Das Gesetz werde jedoch schon seit 2002 nicht eingehalten. Daß sich die Regierung von den neuen Rekordraten der Abholzung überrascht zeige, sei scheinheilig. Der für Amazonien zuständige Greenpeace-Experte Paulo Adario betonte, Brasilia sei seit dem Mai vergangenen Jahres vor einer rapiden Zunahme der Regenwaldvernichtung gewarnt worden. Die brasilianischen Medien hatten über diese Zunahme ausführlich berichtet, große Vor-Ort-Reportagen veröffentlicht. Die einer Wunderheilersekte angehörende Umweltministerin Marina Silva hatte indessen wiederholt vor der Presse einen solchen Anstieg bestritten. Die Lage sei keineswegs außer Kontrolle geraten. 2007 werde die Abholzungsrate weiter zurückgehen. Entsprechende Positivmeldungen wurden kurioserweise auch in Medien Europas durchgeschaltet. Marina Silva hatte im April 2007 den UNO-Umweltpreis „Champions of the Earth“ erhalten – begründet wurde dies vor allem mit ihren Taten zum Schutze Amazoniens. Greenpeace Brasilien hatte ihr indessen schon einmal den Rücktritt empfohlen – während sie in deutschsprachigen Medien und Büchern mit Lob und Hudel überschüttet, sogar als die beeindruckendste Politikerin Brasiliens gewürdigt wurde. In Marina Silvas erster Amtsperiode unter Lula waren gemäß WWF-Angaben rund 85000 Quadratkilometer Urwald vernichtet worden – ein Rekord, mehr als unter jeder Vorgängerregierung. Wie die Qualitätszeitung “O Globo” in Rio jetzt betonte, hatte die Regierung noch zum Jahresende  2007 offizielle Resultate über einen Abholzungsrückgang veröffentlicht. Erst danach habe Umweltministerin Silva die von den Umweltorganisationen nachgewiesene Zunahme der Vernichtungsraten eingeräumt. Silva hatte stets bekräftigt, 2007 würden etwa 9600 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt - jetzt wird mit rund 15000 Quadratkilometern gerechnet. Seit den achtziger Jahren hatten brasilianische Umweltexperten immer wieder erklärt, daß Regierungsangaben über den Zustand von Umwelt und Natur sehr häufig falsch bzw. geschönt seien. Das Pilotprojekt der G-8-Staaten zum Schutze der Amazonas-Regenwälder, hauptsächlich von Deutschland finanziert, sei völlig ineffizient. Die Vernichtungs-Fakten zeigten, daß die Gelder gar nicht für wirksame Schutzaufgaben verwendet würden.Franziskanerbischof Luiz Flavio Cappio, der letztes Jahr einen 24-tägigen Hungerstreik gegen ein umstrittenes Flußumleitungsprojekt geführt hatte, warf  der Lula-Regierung völlige Unsensibilität gegenüber der Natur sowie eine umweltfeindliche Politik vor. Brasiliens Natur werde nicht geschützt, sondern mißhandelt. Wie bei der vom Militär begonnenen Umleitung des Rio Sao Francisco sehe man in der Natur lediglich eine Quelle des Profits. Die Schöpfung müsse im Interesse des Volkes, künftiger Generationen erhalten werden. Umweltzerstörung komme Brasilien seit langem sehr teuer zu stehen und bewirke einen spürbaren Klimawandel. Wegen ausbleibender Regenfälle blieben die Staubecken wichtiger Wasserkraftwerke leer, sodaß erneut eine Stromrationierung drohe.   

Klaus Hart, Sao Paulo

24. Januar 2008

Brasilianischer Therapeut Jorge Forbes: “Rio-Karneval eher ein Fest kollektiver Entfremdung, Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit”
Abgelegt unter: Medien | Klaus Hart um 21:07

Wie funktioniert sozialpsychologisch Karneval in einer Scheiterhaufenstadt, die von täglichen Schießereien, Feuergefechten, zahlreichen Morden und No-Go-Areas geprägt ist? Auf der bevorstehenden Berlinale wird im brasilianischen Wettbewerbsbeitrag „Tropa de Elite“ erstmals auch eine u.a. zur Einschüchterung der Slumbewohner übliche barbarische Tötungsart, der Scheiterhaufen aus aufgestapelten Autoreifen, genannt „Microondas“, Mikrowelle, gezeigt. Beim Drehen der Szene in der Favela “Morro dos Prazeres” waren laut Presseberichten Dutzende von Banditen, die Mpis, Pistolen und Handgranaten trugen, in der Nähe und schauten zu, gaben aus eigener Scheiterhaufen-Praxis Tips.”Po, der Typ stirbt nicht so, der schreit viel mehr”, sagte einer von ihnen zu den Schauspielern. Die hielten sich, wie es hieß, an die Anweisungen der Banditen, produzierten die Microondas-Szene exakt so. Scheiterhaufen dieser Art loderten bereits häufig in der Amtszeit von Rio de Janeiros Gouverneur Leonel Brizola, der Vizepräsident einer großen weltweiten Parteienassoziation war. Die Favela „Morro dos Prazeres“ befindet sich unweit der weltberühmten Paradestraße des Karnevals, dem Sambodrome.

Mancher Zuschauer in Berlin dürfte sich fragen, wie mittelalterliche Scheiterhaufen und ein weltberühmter Karneval in derselben Stadt möglich sind. In Sao Paulo berichteten Augenzeugen, daß bei den Vor-Karnevalsproben einer der berühmtesten Sambaschulen der Megacity in den achtziger und neunziger Jahren fast jedes Mal im Getümmel Menschen erschossen wurden. Die Leichen, hieß es, wurden weggeschleift - und das Sambafest ging weiter.

Der aus Rio de Janeiro stammende renommierte Therapeut und Kolumnist Jorge Forbes erläuterte entsprechende soziokulturellen Besonderheiten des Tropenlandes in einem Exklusivinterview und kritisierte dabei auch den Rio-Karneval. „In unserem Land geschehen viele Tragödien, viele schockierende soziale, wirtschaftliche Desaster. Die Brasilianer müßten jedesmal innehalten, und sich einfach sagen: Schluß mit dem Lachen. Doch damit haben Brasilianer im allgemeinen große Probleme – sie sind Selbstbesinnung, Selbstbeobachtung und eben dieses Innehalten nicht gewöhnt. Als ob sie fürchten, an Kreativität, an Lebenslust zu verlieren. Oder gar in eine ausweglose Depression zu verfallen.“ Therapeut Forbes bezog sich u.a. auf das letzte große Flugzeugunglück von Sao Paulo, bei dem rund zweihundert Menschen größtenteils in den Flammen eines Airbus umgekommen waren. Von solchen Geschehnissen wolle sich der Brasilianer so rasch wie möglich entfernen, tue dies indessen auf krankhafte Art. Daß direkt am Schauplatz der Flugzeugkatastrophe lachende Menschen waren, Regierungsfunktionäre minutenlang lachten, zudem obszöne Gesten machten, nennt Therapeut Jorge Forbes ebenfalls manisch, krankhaft.  Brasiliens Nachrichtenmagazin „Veja“ veröffentlichte Fotos von hohen Funktionären der staatlichen Luftaufsichtsbehörde Infraero, die am Unglücksort auf den brennenden Airbus zeigen, irgendeine Bemerkung machen und dann etwa fünf Minuten lang lachen. Auch über die Scheiterhaufen von Rio werden immer wieder Witze gerissen. “Ich wünschte mir, die Brasilianer würden anders reagieren. Denn daß wir nicht mit Schmerz, mit Schwäche und eigener Zerbrechlichkeit umgehen können, kommt uns teuer zu stehen. Wer die nötige Trauerarbeit nicht leistet, wird nur zu häufig krank, psychisch gestört oder eben gefühlskalt. Hier zeigen sich auch Entsolidarisierung und Individualismus in einer immer egoistischeren Welt. Man schaue sich nur den Karneval von Rio an –  er ist nicht mehr Ausdruck der Fröhlichkeit unseres Volkes, sondern eher ein Festival kollektiver Entfremdung, von Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit. Auf Regierungen können wir nicht mehr hoffen, die Zivilgesellschaft muß sich organisieren, jeder von uns muß Verantwortung übernehmen. Die brasilianischen Eliten schotten sich in ihren Privilegiertenghettos, ihren Privatstraßen ab, hinter Stacheldrahtverhauen unter Strom. Wenn man den anderen nicht mehr als potentiellen Freund, sondern potentiellen Feind ansieht, führt dies zu paranoiden Sozialbeziehungen, führt in die Katastrophe.“Brasilianische Sozialwissenschaftler sowie bekannte Kommentaristen betonen  seit Jahren, daß die Auslandspropaganda nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen das Karnevalsklischee weiterhin fördert. Das Klischeebild Brasiliens als Land von Samba, Karneval, Fußball, unbändiger Lebensfreude und Rassendemokratie sei kurioserweise von Diktator Getulio Vargas, einem Hitlerverehrer und Judenhasser, in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts produziert worden. Diogo Mainardo, provokanter Kolumnist des führenden Nachrichtenmagazins „Veja“, formuliert es so:“D e r Brasilianer existiert gar nicht, ist eine Täuschung, eine Lüge.  Wer den Typus des Brasilianers erfunden hat, war die Getulio-Dikatur. Die erfand eine Rasse, glorifizierte die Mischung zwischen Weißen, Schwarzen und Indianern – Frucht einer kollektiven Vergewaltigung. Erfunden wurden Mythen, der Fußball, der Karneval, die Populärmusik. Die Getulio-Diktatur erfand d e n Brasilianer, um ihn besser beherrschen zu können.“ Mussolinis Italien, aber auch Hitlers Deutschland seien hier vorbeigekommen, es habe ein „ambiente goebbeliano“ gegeben. „Der Unterschied ist, daß sich Italien und Deutschland von jenem sechzig Jahre zurückliegenden totalitären Diskurs befreit haben. In Brasilien wird er gleich fortgesetzt, werden Ideen von 1930 wiedergekäut. Die großen Namen unserer Intelligentsia und unserer Kultur sind jene alten Kollaborateure der Getulio-Diktatur, die mitgeholfen haben, jenes Image vom Brasilianer zu schmieden.“ Diogo Mainardo von „Veja“ nennt den in Europa mit Lob und Hudel bedachten Architekten Oscar Niemeyer, aber auch Namen wie den Brasilia-Entwerfer Lucio  Costa, ferner Gilberto Freyre und Vinicius de Morais.  

Klaus Hart, Sao Paulo

Fällt noch ein Medien-Brasilienklischee? Laut Studie keineswegs mehr Sex im Karneval
Abgelegt unter: Ausland | Klaus Hart um 16:09

Im Vergleich zu den siebziger und achtziger Jahren geht es heute im brasilianischen Karneval eher prüde zu, ist von einem Klima, das sexuelle Kontakte erleichtert, nur noch wenig zu spüren, herausgestellte Freizügigkeit meist unecht. Dies scheint eine neue medizinische Studie zu bestätigen, derzufolge es keinerlei Hinweise dafür gibt, daß „die Leute im Karneval mehr Sex machen.“ Gemäß Regierungsangaben steigt wegen des Karnevals die Zahl der Ansteckungen mit Geschlechtskrankheiten sowie die Zahl der Schwangerschaften. Das Gesundheitsministerium betreibt deshalb in dieser Zeit intensive Aufklärungskampagnen und verteilt massenhaft Kondome. Die neue Studie bestreitet indessen die Regierungsthesen – der Karneval beeinflusse keineswegs das sexuelle Verhalten der Brasilianer. Ausgewertet wurden statistische Angaben über Geschlechtskrankheiten – die höchsten Ansteckungszahlen entfielen dabei auf die Monate Juni, Juli und August – und keineswegs auf den in Frage kommenden Zeitraum nach dem Karneval. Auch die Geburtenstatistik widerspricht laut Studie den Regierungsthesen. Gäbe es im Karneval tatsächlich mehr Sex, müßte im darauffolgenden Oktober eine Zunahme der Geburten zu verzeichnen sein, hieß es. Doch der Oktober sei im ganzen Land der Monat mit der geringsten Geburtenzahl. Gemäß anderen Studien ist in Brasilien die Rate jener Personen, die beim Geschlechtsverkehr etwa aus bewußter Nachlässigkeit nicht verhüten, weiterhin sehr hoch. Die Zahl der Frühschwangerschaften von Kindern und Jugendlichen steigt stetig an. Sind alle Brasilianer karnevalsverrückt, ist ganz Rio während der tollen Tage im Rausch, wie in Europa häufig vermeldet wird? Gemäß seriösen Erhebungen mag gerade ein Drittel das Volksfest, beteiligt sich mehr oder weniger intensiv – der Rest bleibt demonstrativ ferne, hat für Karneval ähnlich viel übrig wie der Durchschnittsdeutsche. In zunehmend mehr Stadtvierteln Rio de Janeiros ist von Karneval nichts zu spüren – ein beträchtlicher Teil der Bewohner verläßt Rio vorher und nutzt die freien Tage als möglichst ruhigen und gewaltfreien Kurzurlaub. Lateinamerikas Kulturhauptstadt Sao Paulo ist nahezu „karnevalsfrei“, die dortige Parade der Sambaschulen nur in Ansätzen karnevalesk.

Die Erzdiözese der brasilianischen Nordost-Millionenstadt Recife hat dagegen protestiert, daß die Präfektur im bevorstehenden Karneval gratis die sogenannte “Pille danach” verteilen will. Falls die Präfektur dies nicht zurücknehme, hieß es  in einer Erklärung, werde man vor Gericht gehen. Bei der Pille handele es sich um ein Abtreibungsmedikament. Mit der Verteilung werde zudem eine Kultur von Sex und Gewalt gefördert.

Die Rate der Vergewaltigungen und Morde liegt in Recife weit höher als in Rio de Janeiro oder Sao Paulo. Wie die Stadtverwaltung mitteilte, sollten in den Karnevalsnächten all jene Frauen die “Pille danach” erhalten, die gegenüber Ärzten ambulanter Gesundheitsposten erklärten, Opfer von sexueller Gewalt geworden zu sein oder beim Geschlechtsverkehr nicht verhütet zu haben. Damit wolle man die sexuellen und reproduktiven Rechte der Frauen auch während des Karnevals garantieren, hieß es. In der Stadt Paulista bei Recife soll genauso verfahren werden.  

Klaus Hart, Sao Paulo

23. Januar 2008

Holocaust-Darstellung im Rio-Karneval: Jüdische Gemeinden protestieren
Abgelegt unter: Ausland | Klaus Hart um 20:12

Brasiliens jüdische Gemeinden haben gegen Holocaust-Darstellungen im bevorstehenden Karneval von Rio de Janeiro heftig protestiert. Rabbiner Sergio Niskier von der Israelitischen Vereinigung der Zuckerhutmetropole erklärte, die Massenmorde an Millionen von Juden dürften nicht banalisiert werden - das Holocaust-Thema und der Karneval schlössen sich aus.
So will die berühmte Sambaschule Viradouro in ihrer Parade zahlreiche Grusel und Schrecken erzeugende Szenen zeigen und wählte dafür auch die Judenvernichtung. Auf einem “Holocaust-Allegorienwagen” sollen ähnlich den Fotos aus Nazi-Konzentrationslagern zahlreiche zu Skeletten abgemagerte Juden zu sehen sein, die ermordet worden waren. Die Sambaschule hat die Holocaust-Darstellung verteidigt. Wie es in Presseberichten hieß, wolle man das Publikum zudem mit Karnevalskostümen belustigen, die Geköpfte und Erhängte präsentieren.
Vor früheren Rio-Karnevals hatte auch die katholische Kirche gegen die Verwendung von Heiligenfiguren sowie “Sex-Kult” protestiert.
Bereits in den letzten Monaten hatten polizeiliche Ermittlungen über enge Beziehungen zwischen hochbewaffneten Banditenkommandos und Sambaschulen immer wieder Schlagzeilen gemacht. So hatte ein berüchtigter Verbrecherboß, nach dem die Polizei fahndet, sogar die Paradesambas mehrerer großer Karnevalsvereine mitkomponiert. Ein Großteil der Profite aus dem Verkauf harter Drogen werde bei den Proben der Sambaschulen erzielt, hieß es.

Klaus Hart, Sao Paulo

Proteste hatten Wirkung - der aktuelle Stand:

 


“Hitler wird Blickfang der Sambaschule Viradouro” (Rio-Schlagzeile)
Unter dem Eindruck weltweiter Empörung hat eine Richterin Rio de Janeiros nach einer Klage der jüdischen Gemeinde der Stadt per einstweiliger Verfügung den Holocaust-Allegorienwagen der Sambaschule Viradouro verboten. Bei Zuwiderhandlung droht eine Geldstrafe von umgerechnet 80000 Euro. Viradouro hatte jüdische Proteste zuvor zurückgewiesen. Die Richterin verbot zudem , daß Karnevalisten während der Parade Adolf Hitler verkörpern. Eine andere Sambaschule hatte zuvor wegen des Einspruchs der jüdischen Gemeinde darauf verzichtet, im Defilee Hakenkreuze zu zeigen. Rio de Janeiros Rabbiner Sergio Niskier hatte erklärt, die Massenmorde an Millionen von Juden dürften nicht banalisiert werden - das Holocaust-Thema und der Karneval schlössen sich aus. Man dürfe nicht die Judenvernichtung mit einem Fest vermischen, das weltweit durch Frohsinn, Humor und Erotik bekannt sei. Viradouro hatte die Holocaust-Darstellung verteidigt. Sie will in ihrer Parade zahlreiche Grusel und Schrecken erzeugende Szenen präsentieren. Laut Presseberichten wolle man das Publikum zudem mit Karnevalskostümen belustigen, die Erhängte und Geköpfte zeigten. Im Zweiten Weltkrieg war Adolf Hitler das Thema von Karnevalssambas in Rio.

Den Leuten von der Auslandspropaganda, so vermuten manche, muß etwas mulmig geworden sein, als ausgerechnet Rio de Janeiros auflagenstarke Boulevardzeitung “O Dia” einen Tag vor der offiziellen Karnevalseröffnung auf der ersten Seite diese Hauptüberschrift wählte:”Hitler vai ser destaque na Viradouro”. Zudem hatte sich das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem mit Protesten und anderen Mitteln öffentlichen Drucks in den Fall eingeschaltet, der dem Image Rios - und Brasiliens - sehr zu schaden drohte. Die jüdischen Gemeinden des Tropenlandes empfanden als ungeheuerliche Provokation, daß ein als Adolf Hitler verkleideter Karnevalist hoch oben auf einem Allegorienwagen über massakrierten Juden thronen sollte. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum warnte in einem Brief an die Direktion der Sambaschule “vor einer Entweihung, Herabwürdigung des Gedenkens an den Genozid.”
Insofern konnte sich Brasilia ausmalen, mit welchem Echo in den Medien, in der Öffentlichkeit der Ersten Welt auf die Karnevalsparade in der Scheiterhaufen-Stadt zu rechnen war - und zog offenbar, um Schlimmeres zu verhüten, die Notbremse. Denn die Sambaschule selbst hatte sich stur gestellt, den jüngsten Protest des Rio-Rabbiners Niskier nicht einmal beantwortet. Auch die Liga der Sambaschulen Rio de Janeiros sah keinen Grund zum Eingreifen. Was Bände spricht.
Langjähriger Líga-Präsident war noch unlängst Capitao Guimaraes - nach Darstellung der brasilianischen Qualitätsmedien und von zahlreichen Historikern, Diktaturgegnern einer der berüchtigtsten Folterknechte der sich an Hitler, am Nazismus orientierenden Militärdiktatur der Jahre 1964 bis 1985. In deutschen Radiosendern wurde über Capitao Guimaraes lobend berichtet, interviewte man ihn ohne Hinweis auf seine Vergangenheit.
 

Minsk: Drei Jahre Haft wegen Mohammed-Karikaturen
Abgelegt unter: Ausland | Sabine Pamperrien um 16:44

Das Stadtgericht von Minsk in Weißrussland hat am 18. Januar Alexsandr Sdvizhkov wegen des Nachdrucks der dänischen Mohammed-Karikaturen zu drei Jahren Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis verurteilt. Sdvizhkov war Redakteur der inzwischen geschlossenen unabhängigen Wochenzeitung Zgoda (Konsens). Straftatbestand soll “Anstiftung zu religiösem Hass” sein.

Sdvizhkovs ehemaliger Chefredakteur Aleksei Korol erklärte, er sei schockiert über das Urteil. Seine neue Zeitung Novy Chas, der Nachfolger von Zgoda, ist ebenfalls Gegenstand staatlicher Verfolgung. Korol sagte auch, dass er mit dem Abdruck der Karikaturen nicht einverstanden gewesen sei und die Redaktion Weißrusslands Muslime um Entschuldigung gebeten habe. 

Muslime haben die Verurteilung des Journalisten nicht gefordert. Der Führer der weissrussischen Muslime, Ismael Voronovich, sagte, er habe gewollt, dass die Behörden Sdvizhkov eine Rüge erteilen, nicht, dass sie ihn ins Gefängnis stecken. AP zitierte Voronovich am 21.1.: “Ich dachte, der Fall sei abgeschlossen und die Zeitung erscheine wieder.”

Einen Monat, nachdem Sdvizhkov im Februar 2006 die Karikaturen veröffentlicht hatte und staatliche Ermittlungen begonnen hatten, wurde das Blatt geschlossen. Zgoda hatte sich schon mit der Berichterstattung zu den Präsidentschaftswahlen 2006 bei den Behörden in Misskredit gebracht.

Sdvizhkov floh vor der Verhaftung aus Weißrussland und kehrte erst im November anlässlich der Beerdigung seines Vaters zurück. Bei seiner Rückkehr am 18. November 2007 wurde er sofort von Sicherheitskräften festgenommen. Das Verfahren gegen ihn fand seit dem 11. Januar hinter verschlossenen Türen statt.  

Quelle: ifex.org

Nach Einschätzung von Beobachtern geht es bei diesem Vorgang nur vordergründig um die Veröffentlichung der Karikaturen. Primär geht es um Einschränkungen der Pressefreiheit. 

22. Januar 2008

BVerfG entspannt Gegendarstellungspflicht
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 21:12

Weil es immer die Schelme sind, die Böses unterstellen? Das Bundesverfassungsgericht hat heute in einem Rechtsstreit, den der SPIEGEL zur höchstricherlichen Entscheidung voran getrieben hatte, entschieden, dass entgegen der Auffassung des OLG Hamburg nicht grundsätzlich jede vertretbare Interpretationsmöglichkeit eines Artikels zu einem Gegendarstellungsanspruch führt. Die Entscheidung stärkt nicht nur den Recherchejournalismus, sondern ermöglicht genau die interpretatorischen Spielräume, die zur Bildung einer freien Meinung notwendig sind.  Hier Auszüge der Begründung:

Die von dem Artikel Betroffene erwirkte vor den Zivilgerichten den Abdruck einer Gegendarstellung. Das Oberlandesgericht hat dies auf die Erwägung gestützt, dass der Artikel zwar nicht zwingend die Eindrücke erwecke, gegen die sich die Betroffene mit ihrer Gegendarstellung wende. Derjenige, der eine Äußerung aufstelle oder verbreite, müsse sich aber dann, wenn diese in unterschiedlichem Sinne aufgefasst werden könne, im Rahmen von Gegendarstellungsansprüchen grundsätzlich jede vertretbare, jedenfalls nicht fern liegende Interpretationsmöglichkeit, also auch jeden nicht fern liegenden Eindruck entgegenhalten lassen. Auf die Verfassungsbeschwerde der Verlegerin hin hob die 1. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungs-gerichts die angegriffenen Entscheidungen auf, da sie die Beschwerdeführerin in ihrer Pressefreiheit verletzen.  

Viele Sachverhalte lassen sich auf dem beschränkten Raum, der für einen Pressebericht meist nur zur Verfügung stehe, nicht derart vollständig darstellen, dass unterschiedliche Eindrücke der Leserschaft ausgeschlossen werden. Auch können die veröffentlichten Rechercheergebnisse noch nicht vollständig sein, dürfen aber dennoch schon der Öffentlichkeit mitgeteilt werden, so dass Raum für Mutmaßungen bleibt, welche weiteren Details mit dem Berichteten zusammen hängen. Werden solche Rahmenbedingungen pressemäßiger Arbeit bei der Ausgestaltung des Rechts der Gegendarstellung nicht hinreichend berücksichtigt, könnte die Presse mit Gegendarstellungs-ansprüchen überhäuft und in der Folge zu einer starken Zurückhaltung in ihrer Berichterstattung veranlasst sein. Diese würde dem Ziel widersprechen, auf ein hohes Maß an Informiertheit der Öffentlichkeit durch die Presse hinzuwirken.

Eine Verurteilung zur Gegendarstellung darf daher nicht schon dann ermöglicht werden, wenn eine “nicht fern liegende Deutung” bei der Ermittlung einer verdeckten Aussage einen gegendarstellungsfähigen Inhalt ergibt, wie die Fachgerichte vorliegend aber angenommen haben. Ver-fassungsrechtlich unbedenklich wäre es demgegenüber, würden die Gerichte den auch sonst bei verdeckten Äußerungen angewandten Maßstab zugrunde legen, ob sich eine im Zusammenspiel der offenen Aussagen enthaltene zusätzliche eigene Aussage dem Leser als unabweisbare Schlussfolgerung aufdrängen muss.

Unter Anwendung dieser Grundsätze entspricht das Vorgehen der Fachgerichte vorliegend nicht den verfassungsrechtlichen Vorgaben, wenn sie die Äußerungen mit solchen Inhalten als gegendarstellungsfähig ansehen, die sie als “nicht fern liegende Deutung” oder gar als “nicht fern liegenden Eindruck” verstehen.

Sabine Pamperrien

21. Januar 2008

Steinigen zählt zu Methoden der Lynchjustiz in Brasilien
Abgelegt unter: Medien | Klaus Hart um 19:59

Lynchen ist in der größten Demokratie Lateinamerikas laut Presseberichten weiterhin gängige Praxis – das Steinigen zähle dabei zu den üblichen Methoden des “Linchamento”. Gemäß den Angaben von Qualitätsmedien wurde vergangenes Wochenende in Belford Roxo bei Rio de Janeiro ein Mann mit Steinwürfen getötet, der einen fünfjährigen Jungen mit dem Auto tödlich verletzt hatte. Wie es hieß, war der Mann betrunken und hatte keinen Führerschein. Aus ganz Brasilien, darunter der Scheiterhaufenstadt Rio de Janeiro, die annähernd so viele Einwohner wie Kuba hat, werden täglich Fälle von Lynchjustiz gemeldet. Die Opfer werden häufig auch lebendig verbrannt oder mit Stöcken und Metallstangen erschlagen. Immer wieder holten aufgebrachte Menschengruppen Beschuldigte aus Polizeiwachen und töteten sie auf mittelalterliche Weise vor den Augen der Beamten.
In Brasilien gilt die Millionenstadt Salvador da Bahia als jene, in der die Praxis des Lynchens am häufigsten ist.
Gemäß soziologischen Studien Brasiliens wurden sehr häufig Unschuldige auf diese Weise ermordet. Die Medien berichteten, wie es hieß, relativ selten über Lynch-Fälle. Vermutlich geschieht dies auch, weil sich die Verbrechen selbst in der Nähe berühmter brasilianischer Touristenstrände ereignen. Boulevard-Zeitungen haben indessen regelmäßig davon Fotos veröffentlicht.
Gemäß den Berichten werden auch in anderen lateinamerikanischen Demokratien, darunter Mexiko, immer wieder Menschen gelyncht.

18. Januar 2008

Wie kommen Kakas Millionen zur Wunderheilersekte? Armani-Model bezahlt inhaftierten Sektenbossen sogar die Anwälte
Abgelegt unter: Medien | Klaus Hart um 13:40

Brasiliens Qualitätszeitung „O Estado de Sao Paulo“ nennt die Ermittlungen gegen Weltfußballer Kakà, “UNO-Botschafter gegen den Hunger”,  völlig berechtigt. Dieser habe bestätigt, der Sekte „Renascer em Cristo“ große Geldmengen zu spenden. Solche Überweisungen seien indessen nicht auf Belegen verzeichnet, die die beiden Sektenführer, die selbsternannte „Bischöfin“ Sonia und der selbsternannte „Apostel“ Estevam Hernandes, der Öffentlichkeit präsentiert hätten. Daher sei es nur zu begründet, wenn die Justiz von Kakà wissen wolle, wie die Geldtransaktionen realisiert worden seien.  Und wenn Kakà den Sektenführern sogar die Anwälte bezahle, habe die Justiz ein Recht darauf zu erfahren, welches die Motive seiner Freigiebigkeit seien.  Die Qualitätszeitung hebt zudem hervor, daß Kakà die Inhaftierung der Sektenbosse in den USA als „Komplott“ bezeichne und von „religiöser Verfolgung“ spreche, obwohl laut Polizeiangaben Sonia und Estevam Hernandes häufig einfache Gläubige in den Sektentempeln betrügen.

In jüngster Zeit würden in Brasilien zahlreiche junge Menschen von den Sekten angeworben. Bei den Opfern handele es sich häufig um gebildete, wohlhabende und welterfahrene Menschen.

    In vielen europäischen Sportberichten war seit Jahren natürlich rein zufällig vergessen worden, daß Geldfußball-Idol Kakà mit Wunderheilersektenführern eng befreundet ist, die in den USA zu Haftstrafen verurteilt wurden und in Brasilien per Haftbefehl gesucht werden.

Klaus Hart, Sao Paulo

Armani-Model Kakà: Das Zugpferd der Wunderheilersekte Renascer em Cristo ist laut Presseberichten seit 2004 auch Werbeträger des Modekonzerns Armani - ein Filmchen von YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=05zIb6Ly-gw

17. Januar 2008

Neues von “Ihm, der Stauffenberg sein Gesicht leiht”
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 18:53

Scientology geht gerichtlich gegen Gawker Media vor, die das decouvrierende Video online verfügbar machten

http://news.orf.at/?href=http%3A%2F%2Fnews.orf.at%2Fticker%2F277295.html

Nur so am Rande. Und weil er ebenso besoffen vom eigenen Sendungsbewusstsein solch erhabenen Quatsch produziert: Ob eigentlich Schirrmacher auch????  

Medienweiser bloggt - Schwupp herrscht Ordnung
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 18:12

Jetzt hat auch MESSAGE Internationale Zeitschrift für Journalismus ein Blog: Das Ü60-Blog. www.message-online.com/blog

Was wissen die alten Medienkenner, die seit Jahrzehnten den Medientrend beobachten und analysieren? Vielleicht wissen sie mehr. Jedenfalls sind die meisten Message-Beiräte jenseits der Sechzig, ebenso wie der Herausgeber der Zeitschrift. Sie haben in den vergangenen vier Jahrzehnten vieles kommen sehen – und auch wieder verschwinden. Sie beobachten weiterhin und schreiben hier jede Woche abwechselnd einen Beitrag zum aktuellen Mediengeschehen.

Der erste Eintrag stammt von Michael Haller. Der Professor für Allgemeine und Spezielle Journalistik an der Universität Leipzig befasst sich u.a. kritisch mit der Diskussion beim DJV zum Thema Blogging/Journalismus. Haller bringt mal eben Ordnung in das Kuddelmuddel. Hier einige Zitate:

Zufällig einen Tag später trafen sich Bloggeristen und Journalisten in Berlin zu einer vom DJV veranstalteten Diskussionsrunde unter dem leicht irreführenden Titel: „Regeln oder Anarchie? – Journalismus im www“ (eigentlich keine Frage: Journalismus, egal in welchem Medium, braucht notwendig Regeln). Zwar ging’s auf dem Podium kreuz und quer, man nannte die Äpfel Birnen und die Blogger Journalisten. Trotzdem konnte ich im Laufe der Debatte viel über die Selbstbefindlichkeiten der (anwesenden) Journalisten und (anwesenden) Bloggeristen lernen, abgesehen von einigen (ebenfalls anwesenden) bloggenden Journalisten. Und dies meine ich keineswegs ironisch.

 

Gelernt habe ich erstens, dass der Graben des Misstrauens und der Abneigung zwischen Blattmachern (Fahnenträger Schirrmacher) und Blogmachern (Tastaturträger Don Alphonso) tiefer und breiter ist als gedacht. Die Verantwortlichen in den Mainstreammedien haben das Lebensgefühl und die Weltsicht der Unter-30-Jährigen wirklich nicht begriffen; dass sie mit aufgeblasenen Belanglosigkeiten (Knut, Britney, Dschungelcamp) ihre Titelblätter und Nachrichtensendungen füllen – und zeitgleich mit geschwellter Brust über ihre „öffentliche Aufgabe“ schwadronieren: Das kotzt die an Sinnfragen interessierten jungen Leute definitiv an.

 

Man kann die Erwartungsenttäuschung sehr vieler junger Leute sehr gut nachvollziehen, wenn sie davon erzählen, was sie vom „großen“ Journalismus (nicht nur Sat.1 und die Springer-Presse, auch Stern und Spiegel, ARD und ZDF) erwartet und was sie von ihm tatsächlich bekommen haben: die Einsicht, dass der Unsinn die Welt regiert (nicht gemeint sind die Süddeutsche, die FAZ, die Zeit, die taz und manch andere gut gemachte Regionalzeitung). Und weil die in den etablierten Medien wirkenden Journalisten beim Stichwort Selbstreflexion (von Selbstkritik redet schon gar niemand) meist irritiert durchs Fenster ins Leere blicken, bleibt ihnen das Unbehagen der jungen Leute fremd. Besonders eindrücklich gab sich Stern-Mann Hans-Ulrich Jörges, indem er an der DJV-Talkrunde sogleich lauthals bekannt gab, über was er mit den Bloggern reden wolle und über was nicht:Herrenreitermentalität.

 

Als Zweites habe ich gelernt, dass umgekehrt viele Blogger glauben, sie seien nun die wahren Gralshüter des „echten“ Journalismus, der angeblich authentisch und frisch und frech und voll das Leben sei – sozusagen ohne Deo-Spray mit dem würzigen Naturduft unter der Achselhöhle. Viele von denen sind der Meinung, wenn sie schon eine Meinung haben, dann solle dies die Öffentlichkeit wissen, also seien sie Journalisten. Sie setzen sich in eins mit den nun wirklich echten medienkritischen Blogjournalisten (Stefan Niggemeier et al.).

 

Man könnte jetzt voll Häme über das Mündel reden, das Vormund spielt – doch das wäre die komplett falsche Stoßrichtung. Denn es geht nicht um das Verhältnis Amateur–Profi, sondern um die in der Blogosphäre mit Herzblut gelebte Idee der offenen, unverstellten (für authentisch gehaltenen) Kommunikation: Jeder soll sagen dürfen, was er sagen will, ohne Kontrolletti durch einen oberschlauen Redakteur, der als Schleusenwärter den Zugang zum Forum überwacht und löscht, was kritisch und gegen ihn gerichtet ist. Fernab dieses Mainstreams öffnet sich der Freiraum für den herrschaftsfreien, für alle offenen Diskurs, bei dem das bessere Argument gewinnt.

 

Ein paar Minuten Lektüre in den Beiträgen verschiedener Blogs genügen, um aus dem Habermas’schen Traum zu erwachen und zu erkennen, dass den meisten Beiträgen eine simple Voraussetzung fehlt: genügend kommunikative Kompetenz, damit ein öffentliches Gespräch überhaupt in Gang kommen kann. Zum Beispiel die Kompetenz, sich zuerst hinreichend gut zu informieren, ehe man eine Meinung äußert. Oder auch die, dass man seine Meinung auf plausible Argumente stützt, die zur Begründung dienen. Dass man sich seiner Vorurteile bewusst ist und offen darüber reflektiert. Und besonders wichtig: Dass man auf der symbolischen Ebene des Sprechakts die Meinungen anderer Menschen nicht nur respektiert, sondern feiert. Wenn irgendwo, dann wäre Rosa Luxemburgs mutiger Spruch von der Freiheit, die immer zuerst die Freiheit des Andersdenkenden sei, das Leitbild der Bloggerwelt.

 

Die real existierende Szene der Blogger hat ein anderes Gepräge. Eitles Gerede („sorry, aber ich …“), redundantes Geschwätz („da hat XX natürlich Recht …“), argumentlose Vorurteile („Wir Blogger denken da …“), auch Belehrfreude („bitteschön, kann man sogar googeln ….“), Von-oben-herab-Geschreibe („war wieder Schwachsinn, diese Diskussion“) – nur gelegentlich stößt man auf eine informative oder plausibel begründete Einschätzung wie auf die berühmte Stecknadel im Heuhaufen.

 

Vielleicht erweitert sich die Blogosphäre zu einer  postpubertären Selbstfindungsveranstaltung der Mediengesellschaft. Ich habe nichts dagegen, im Gegenteil, ich möchte davon träumen, dass sie nicht in ihrer Redundanz ersticken, sondern die Frischluft des Diskurses gewinnen wird. Aber redet bitte nicht von Journalismus, so verdreht der real existierende auch sein mag. Journalismus liefert das aktuelle Ereigniswissen, auf das sich die meisten Blogger stürzen wie die Geier auf den Kadaver…”

Interessant sind auch die Kommentare zu diesem Eintrag, z.B. von Don Alphonso oder Ronnie Grob, die beide offenbar den Professor belehren wollen - allerdings mit etwas, das in keinem wesentlichen Bezug zu seinem Text steht.  Auf sein Thema - Bloggen und Journalismus  - gehen sie nicht ein.

 

Sabine Pamperrien

 

 

16. Januar 2008

FAZke auf Feindfahrt im BILD-Schlepp
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 19:25

Ich bin völlig fassungslos über die neuerliche Entente zwischen der FAZ in Gestalt des völlig losgelösten Frank Schirrmacher und BILD.  Wächst da zusammen, was immer zusammen gehörte?

“Junge Männer auf Feindfahrt”  FAZ 15.1.08 http://tinyurl.com/2822z3

Ein Auszug: 

Das Redeverbot, wonach über ausländische Jugendkriminalität oder solche mit Migrantenhintergrund nur im Zusammenhang mit Jugendkriminalität im Allgemeinen zu sprechen sei, ist Geschichte. Das hat nichts mit rechtsradikalen oder ausländerfeindlichen Tendenzen der Gesellschaft zu tun, sondern mit den Tätern selbst.

Sie verrichten ihre Taten nämlich nicht mehr stumm. Sie reden dabei. Das heißt nicht, dass sie schon eine Ideologie hätten. Aber sie haben begonnen, einen Feind zu identifizieren. Sie vollziehen immer häufiger einen Schritt, der die angestaute, arbiträre, nach Zufallsopfern suchende Aggressivität an einen Gegner heftet. Das sind „die Deutschen“. Es steht so nicht in den Lehrbüchern. Uns war historisch unbekannt, dass eine Mehrheit zum rassistischen Hassobjekt einer Minderheit werden kann. Aber es gibt starke Signale dafür. 

Redeverbot? - Eine polemische Unterstellung - und eine falsche Formulierung (richtig wäre in diesem Satz Redegebot)

Geständnis: Mir ist schon vor Jahren in der U-Bahn “Scheiß-Deutscher” rausgerutscht, als ein fetter Prolo, der breitbeinig zwei Sitzplätze in dem überfüllten Wagon blockierte (und eine BZ vor sich entfaltet hatte…) einer jungen Türkin ins Gesicht spuckte, nachdem die ihn höflich gefragt hatte, ob er etwas rücken könne, damit sie sich auch setzen könne.  Das war auf sein “Scheiß-Kanakenfotze” und angesichts der schweigenden Masse um mich herum eine irgendwie spontane Regung von mir.  

“Uns war historisch unbekannt, dass eine Mehrheit zum rassistischen Hassobjekt einer Minderheit werden kann”. Wie bitte? Wo steht das denn? Schon mal einen Blick auf die Kolonialgeschichte geworfen?

“Sie haben begonnen, einen Feind zu identifizieren.” “Sie”! Wer sind “sie” überhaupt? HuhuhuhuhSchuschuschuh! Die Art, wie Schirrmacher die drohende Gefahr ausmalt, ist reine Propaganda! Und ab morgen wird zurück geschossen?

Von “Scheiß-Deutscher” auf Rassismus zu schließen, ist wohl auch eher Schubladendenken geschuldet als präziser Analyse. Zunächst einmal ist das einfach nur eine rotzige Provokation. Die Art und Weise der brutalen Überfälle unterscheidet sich nicht von z.B. der Gewalteskalation deutscher Jugendlicher auf Obdachlose, Behinderte oder hilflose Suffkis. Natürlich auch nicht von der gegen ausländisch aussehende Menschen. Die deutsche Jugend skandiert dann “Scheiß-Zecke”, “Scheiß-Asi”, “Scheiß-Fidschi”, “Scheiß-Grüner” usw. Und das Furchtbare und Tragische daran ist, dass sie eigentlich immer auch sich selbst meinen. So viele Leute kann man gar nicht vor die Tür setzen oder wegsperren, wie Gewaltexzesse folgen werden, wenn die deutsche Gesellschaft nicht für alle hier Lebenden durchlässiger wird.  

Schlimm genug, aber eigentlich geht es auch um so etwas wie den guten alten Umgangston. Da hat ja die deutsche Nation jüngst vom BILD-Chef Diekmann Nachhilfe bekommen, der uns Dieter Bohlen als leuchtendes Vorbild für die Jugend hinstellte. Dessen verbale Ausfälle gegen ausnahmslos jugendliche Kandidaten  garantieren Super-Einschaltquoten. Dass Bohlens sensationeller Erfolg auf Beleidigung und Erniedrigung beruht, hat der BILD-Chef unerwähnt gelassen. Es wäre zur Klärung des diffusen Bildes vielleicht nicht schlecht, wenn gelegentlich einmal dargelegt würde, wer wo wie und warum verbal entgleisen darf und wer wo wie und warum nicht.

Möglicherweise bin ich angesichts meiner zugewanderten Vorfahren genetisch noch nicht deutsch gefestigt. Mir geht es einfach bei identischen Tatbeständen nicht so über alles, dass ich einen nationalbedingten Unterschied mache, wo sachlich keiner ist.

Dass Schirrmachers Ranschmeiße (an Roland Koch, der ja leicht mit dem Rücken zur Wand geraten ist) von BILD nicht nur aufgegriffen, sondern gleich noch für eine Kampagne gegen den ehemaligen FAZke Jens Jessen benutzt wird, lässt nicht nur über Schirrmachers Charakter interessante Rückschlüsse zu, sondern auch über die möglichen Folgen solcher Bündnisse von Leitmedien. Bin schon gespannt, wie das weiter geht.

Thierry Chervel hat sich auch so seine Gedanken gemacht: http://www.perlentaucher.de/artikel/4402.html

Sabine Pamperrien

  

15. Januar 2008

Wunderheilersekte nimmt Fußball-und Medienprofi Kakà in Schutz:”Religiöse Verfolgung”, Werk des Satans
Abgelegt unter: Ausland | Klaus Hart um 20:46

Die brasilianische Sekte Renascer em Cristo hat die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen ihr prominentestes Mitglied  Kakà als „religiöse Verfolgung“ und Werk des Satans verurteilt. In einer Presseerklärung heißt es:“Kakà verdient sein Geld auf ehrliche Weise und macht damit, was er will.“Seit Jahren greifen sich die Sektenexperten an den Kopf: Daß brasilianische Fußballprofis wie Kakà von AC Mailand engste Beziehungen zu  berüchtigten kriminellen Wunderheilersekten pflegen, deren Zugpferde sind, wird selbst in Deutschland, Österreich und der Schweiz fast kritiklos hingenommen. Und daß die auf Millionensaläre und Luxus versessenen Stars ihre Popularität skrupellos und clever ausnutzen, um für diese straff neoliberal wie Wirtschaftsunternehmen geführten Sekten ganz offen selbst in den Stadien und in den Sportmedien dreist Reklame zu machen – bisher jedenfalls kein Problem. Besonders bizarr, wenn sich sogar deutschsprachige Kirchenblätter am Personenkult um die Sekten-Profis beteiligen. Was ist da los, was läuft da hinter den Medien-Kulissen? Kakà, Paulo Sergio, Jorginho, Roberto und all die anderen Geld-Kicker werden fast durchweg verharmlosend falsch als „evangelisch“, als treue, bibelfeste Mitglieder „evangelischer Freikirchen“ des Tropenlandes beschrieben. „Freikirche“ klingt gut und positiv – die klare, objektive Bezeichnung „Wunderheiler-Sekte“ wäre schlecht für Image und Geschäft der Fußball-Millionäre.  Alles spricht dafür, daß dem Herrgott gerade Kakà höchst zuwider wäre. Renascer-Bischöfin Sonia hatte nicht nur bei der extrem niedrig gebildeten und deshalb stark manipulationsanfälligen Unterschicht, sondern selbst bei der brasilianischen Oberschicht Erfolg, weil sie deren Konsumgewohnheiten auch noch religiös verbrämte:“Gott gibt mir internationale Kreditkarten, eine Villa in Miami, Luxusbetten und sogar eine Schönheitsoperation – Halleluja!“

Brasiliens evangelikale Sekten propagieren zynisch das Reichwerden durch Gott, die „Theologie der Prosperität“.  „Wer ein üppig-reiches Leben führt“, so Sektenchef Edir Macedo, „genießt die Segnungen des Herrn.“ Fußball-Millionäre in Jesus-T-Shirts passen da genau in den Streifen.

Klaus Hart, Sao Paulo

Kakà bei Übergabe der FIFA-Trophäe in Sektentempel Sao Paulos:http://g1.globo.com/Noticias/SaoPaulo/0,,MUL246091-5605,00-KAKA+ENTREGA+TROFEU+DE+MELHOR+DO+MUNDO+PARA+RENASCER.html

Neues vom “IHM, der Stauffenberg sein Gesicht leiht”
Abgelegt unter: Ausland, Medien | Sabine Pamperrien um 19:54

Was in den guten Frank Schirrmacher - eigentlich ja ein durchaus arrivierter Journalist? - gefahren ist, vor zahlreichen Zeugen eine völlig unreflektierte Lobhudelei auf Tom Cruise von sich zu geben, war mindestens genauso rätselhaft wie der Umstand, dass man im Hause Burda ein Extra-Bambi für den US-Filmstar kreiierte. Und ausgerechnet auch noch für Courage! Nach all der Aufregung um einen bekennenden Scientologen als Stauffenberg-Darsteller.

Und was war da von den prominenten Apologeten zu vernehmen? Ganz weltmännisch: Seine Zugehörigkeit zu Scientology sei Privatsache? Und überhaupt, da werde etwas aufgeblasen? Na, dann sollte man sich doch einmal das folgende Video ansehen:

http://gawker.com/5002269/the-cruise-indoctrination-video-scientology-tried-to-suppress

Diverse Cruise-Videos dieser Art, die am Sonntag auf Youtube auftauchten, wurden mittlerweile gelöscht. Gawker.com hat’s gerettet! Ich bin schon sehr gespannt auf die Reaktion bei Bunte, FAZ und GRÖRAZ. Schweigen? Oder ein ehrliches Bekenntnis zu freundlicher Nachsicht mit Fundamentalisten? 

Sabine Pamperrien

14. Januar 2008

Ermittlungen gegen Weltfußballer Kakà wegen Unterstützung einer kriminellen Wunderheilersekte
Abgelegt unter: Ausland | Klaus Hart um 15:55

Viele europäische Sportmedien würdigten ausgerechnet Kakà wider besseres Wissen als ordentlichen, sauberen, Skandal-freien Geld-Spieler(Tagessalär laut italienischer Sportpresse umgerechnet 17000 Euro - wieviel kriegen Sie so pro Tag?) Doch nun ermitteln die brasilianische und die italienische Justiz gegen den Weltfußballer des Jahres 2007, weil er enge Beziehungen zu einer berüchtigten kriminellen Wunderheilersekte aus Sao Paulo unterhält. Die beiden Führer der evangelikalen Sekte namens “Renascer em Cristo”, das Ehepaar Sonia und Estevam Hernandes büßen seit dem letzten Jahr in den USA eine zehnmonatige Freiheitsstrafe wegen Geldwäsche und Devisenschmuggels ab - in Brasilien besteht gegen sie wegen Betrügereien und Steuerhinterziehung ein Haftbefehl. Wie die brasilianische Presse berichtet, hat der Staatsanwalt des Innenministeriums im Teilstaate Sao Paulo, Marcelo Mendroni, die italienische Justiz eingeschaltet. Kakà, der beim AC Mailand und in der brasilianischen Nationalmannschaft spielt,  solle unter anderem wegen seiner Überweisung von mehreren Millionen Euro an die Sektenführer verhört werde. Kakà telefoniere täglich mit den beiden Inhaftierten und habe sie früher häufig in deren Privatvilla aufgesucht. Staatsanwalt Mendroni will zudem wissen, ob das Ehepaar Hernandes auch in seinem italienischen Privathaus ein und aus ging. Mendroni charakterisierte die Sektenspitze als kriminelle Organisation, die Dokumente fälsche, Geld wasche und sich unrechtmäßig Spenden und andere Mittel aneigne. Dennoch habe Kakà die gesamte Sekte und deren Führer immer wieder öffentlich verteidigt. Jahrelang sei der von den Sektenanhängern monatlich eingeforderte Geldbetrag direkt in die Taschen von Sonia und Estevam Fernandes geflossen und habe deren Privatvermögen auf umgerechnet 52 Millionen Euro erhöht. Nachdem die FIFA im Dezember Kakà ausgezeichnet hatte, war dieser nach Sao Paulo geflogen und hatte die Trophäe während eines Massen-Kultes dem Haupttempel der Sekte zur dauernden Ausstellung gestiftet. In Anwesenheit des bekannten brasilianischen Profispielers Ronaldo hatte Kakà dort 2005 pompös geheiratet - als Armani-Spitzenmodel natürlich ein zusätzlicher Werbeauftritt in Armani-Klamotten. Bereits in den Jahren zuvor war er internationales Aushängeschild und wichtigster Werber der Sekte. “Renascer em Cristo” ist Brasiliens zweitgrößte neupfingstlerische Sekte mit mehreren Millionen Anhängern. Die Regierung von Staatschef Luis Inacio Lula da Silva hatte ihr Millionen an Steuergeldern für Alphabetisierungskurse überwiesen, die jedoch laut bisherigen Ermittlungen kaum stattfanden. Wegen der zahlreichen Skandale stecken die zahlreichen Wirtschaftsunternehmen von “Renascer em Cristo” derzeit in finanziellen Schwierigkeiten und mußten zahlreiche Mitarbeiter entlassen. In den USA ordnete die Justiz an, sieben Tempel der Sekte zu schließen.

Klaus Hart, Sao Paulo  

Befreiungstheologe Frei Betto: CIA und Sekten:

http://www.ila-bonn.de/brasilientexte/2007/ciasekten.htm

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Aktuelles Heft Nr. 1-2010
Titelthema:
Wissenschaft

Titelfoto: Bernd Lammel







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