14. Januar 2008
Der brasilianische Bischof und die deutschsprachigen Medien
Nehmen wir mal an, ein deutscher Bischof tritt zur Bewahrung der Schöpfung in den Hungerstreik, will damit beispielsweise gegen die bewußt, absichtlich und sogar mit politischem Willen betriebene Natur-und Artenvernichtung im Lande protestieren. Oder dagegen, daß in Ostdeutschland nach dem Anschluß durch veränderte sozialpolitische Bedingungen aus der zuvor positiven Bevölkerungsentwicklung eine kraß negative wurde, die Geburtenzahl stark zurückging. Dem Bischof wäre ein immenses Medieninteresse, Berichterstattung rund um die Uhr sicher. Ganz anders lief es jetzt, als in der Einen Welt, in Brasilien der Franziskanerbischof Luiz Flavio Cappio bis kurz vor Weihnachten einen 24-tägigen Hungerstreik gegen ein gigantisches, milliardenteures und umweltfeindliches Flußumleitungsprojekt führte. Und dabei von den brasilianischen Sozial-und Umweltbewegungen, den Landlosen, Indianern aktiv unterstützt wurde.
„Der brasilianische Staatschef Lula hat es fertiggebracht, daß die nationalen Medien fast nichts über den Hungerstreik berichteten“, sagte der Schweizer Entwicklungsexperte Renè Scherer in Nordostbrasilien gegenüber dem Redaktionsblog. „Die brasilianische Presseberichterstattung war katastrophal. Auch die großen Zeitungen der Ersten Welt brachten so gut wie nichts. Druck von außen hat völlig gefehlt. Die internationale Mobilisierung für Bischof Cappio und dessen Ziele war schwach – ausländische NGO haben sich nur sehr wenig eingeschaltet.“ Das galt auch für Deutschland - Alibi-NGOs versendeten wie üblich ihre Alibi-Presseerklärungen, von echter Solidarität kaum eine Spur.
Wie durchgesickert war, hatte die Lula-Regierung durch Druck auf die Medienbosse, die durchweg in Privathand befindlichen Medienunternehmen erreicht, daß in der Tat zuerst kaum oder gar nicht über den Hungerstreik und die Argumente Cappios berichtet werden durfte, die wichtigen TV-Nachrichtensendungen Cappio-frei gehalten wurden. „Unsere Fernsehstationen brauchen die Gewinne aus den vielen Propagandaspots der Regierung, gerade in den populären TV-News“, erläuterte mir Ruben Siqueira von der katholischen Bodenpastoral, ein Berater des Bischofs. Deutsche Fernsehzuschauer dürften sich in Brasilien, der größten Demokratie Lateinamerikas, wundern: Nicht nur die TV-Nachrichten werden alle paar Minuten von Regierungspropaganda, aber auch von Propaganda der Teilstaats-und Stadtverwaltungen unterbrochen – fast durchweg vom Steuerzahler finanziert. Man stelle sich dies in Deutschland vor.
Der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Dimas Lara Barbosa, wies auf die bezeichnende – und geradezu atemberaubende – Desinformation über das Regierungsprojekt, die Protestaktion Cappios. Die große Mehrheit der Brasilianer habe nicht einmal gewußt, warum sich der Bischof im Hungerstreik befinde. Das ist nicht nur auf Mediensteuerung, sondern auch auf die hohe Analphabetenrate und das insgesamt niedrige Bildungsniveau zurückzuführen. Nicht einmal dreißig Prozent der Brasilianer sind laut seriösen Studien in der Lage, eine simple Buch-oder Zeitungsseite zu lesen und zu verstehen.
Indessen hatte der Druck auf die anzeigenabhängigen Privatmedien viele der dortigen Journalisten offenbar verärgert, in ihrer Berufsehre getroffen. Überraschendes Resultat: Nach dem Abbruch der Aktion – Bischof Cappio hatte einen Schwächeanfall erlitten, war ohnmächtig geworden – publizierten gerade die brasilianischen Qualitätszeitungen soviel gutfundierte Kritik an dem Umleitungsprojekt wie nie zuvor – der anfangs verlachte, verhöhnte Cappio wurde Sympathieträger. Unterdessen hat in Nordostbrasilien das Militär ungeachtet öffentlicher Proteste den Bau der heftig umstrittenen Umleitung des Rio Sao Francisco wiederaufgenommen.
Franziskanerbischof Cappio kündigte deshalb neue Protestaktionen der nationalen Sozialbewegungen an. „Der Kampf geht weiter.“ Die Regierung von Staatschef Luis Inacio Lula da Silva sei ausgerechnet gegenüber jenen gesellschaftlichen Gruppen „total unsensibel“, die seinen Wahlsieg garantierten. Der Dialog mit dem Volk werde verweigert. „Leben wir in einer Diktatur?“ Lulas Anti-Hunger-Programm verteile nur „Almosen“ und halte das Volk in Abhängigkeit. Die Eliten sind indessen mit Lula sehr zufrieden – letztes Jahr stieg die Zahl der (Dollar-)Millionäre um 60000, während die Slums auffällig rasch weiter wachsen.
„Lula ist tot“, sagt Bischof Cappio. „Wir haben eine Regierung Inacio da Silva. Die Sozialbewegungen wurden erdrückt, verloren Artikulierungsmöglichkeiten, sehen sich heute an den Rand gestellt.“ Die hohen Umfragewerte für Lula kämen zustande, weil das in Armut und Misere lebende Volk Brasiliens hinter einem Präsidenten herrenne, der Almosen gebe.
Staatschef Lula blamierte sich mit seiner Empfehlung an Cappio, Vernunft anzunehmen und sich nicht in technische Fragen einzumischen, von denen er nichts verstehe. Denn just für die technisch-wirtschaftlichen Details der Flußumleitung interessiert sich die neugierig, aufmerksam gewordene Öffentlichkeit mehr denn je und entdeckt zunehmend Schwachstellen der Regierungspropaganda. Laut Lula sollen 12 Millionen Arme in Dürreregionen durch das Projekt endlich Trinkwasser erhalten. Doch auch Befreiungstheologe Leonardo Boff nennt dies falsch – über neunzig Prozent der umgeleiteten Wassermassen seien schließlich für Industrie und Export-Landwirtschaft bestimmt, nur fünf Prozent für bedürftige Menschen. Zudem fehle in jenen Regionen gar kein Trinkwasser, regne es mehr als in Frankreich, müsse Wasser nur sinnvoll gespeichert und verteilt werden.
„Bischof Cappios Hungerstreik-Aktion war siegreich – denn die brasilianische Gesellschaft wurde gezwungen, über die Nordostregion zu diskutieren.“ Ex-Innenminister Joao Alves Filho argumentiert wie Boff: Wasser gebe es im Nordosten überreichlich, Brasilia sage nicht die Wahrheit. Die Umleitung könne zum „Tod“ des Rio Sao Francisco führen – nur 700000 Menschen würden tatsächlich Trinkwasser erhalten. Zusätzlich ärgerlich für die Lula-Regierung, daß selbst der derzeit populärste Film-und TV-Schauspieler Wagner Moura(Berlinale-Wettbewerbs-Streifen „Tropa de Elite“, Globo-Telenovela „Paraiso Tropical“) in der Öffentlichkeit Cappio und dessen Ziele unterstützt. Mouras Kollegin Leticia Sabatella, ebenfalls Publikumsliebling, besuchte den hungerstreikenden Cappio, nennt in den Medien die Umleitung, Lulas Entwicklungsmodell „neocolonial“.
„Lula hat Cappio direkt angelogen, indem er einen gesellschaftlichen Dialog versprach – das gesamte Projekt basiert nur auf Lügen“, betont der Schweizer Renè Scherer. In Wahrheit zähle der Bau eines Stahlwerks im überflüssigen, derzeit nur zu 30 Prozent ausgelasteten Nordost-Hafen Pecem zu den wichtigen Gründen der Flußumleitung. „Die Steinkohle soll aus China herangeschafft werden – absurder gehts nimmer.“ Für das Stahlwerk eines italienisch-südkoreanischen Konsortiums habe Lula Subventionen versprochen. Das Werk werde ausgerechnet auf einem schönen Strand errichtet. „Brauchte man das Wasser nicht für Stahlwerk, Export-Landwirtschaft und Krabbenzucht, wäre die Umleitung unnötig.“ Denn genügend Trinkwasser sei in der Region vorhanden, werde bisher jedoch falsch verteilt oder vergeudet. Allein in der Küstenstadt Fortaleza, mit etwa soviel Einwohnern wie Berlin, geht rund die Hälfte des Trinkwassers auf dem Weg zu den Nutzern verloren.
Laut Scherer besitzt Brasilien ein vorbildliches Gesetz, das den seit zehn Jahren bestehenden öffentlichen Verbraucherkomitees der Trinkwasser-Einzugsgebiete die Entscheidungsbefugnis über Wasserprojekte, das Wassermanagement überträgt. „Lula hat die Komitees einfach übergangen – das ist ein Schlag gegen die Demokratie!“ Allein wegen der Position des Komitees vom Rio Sao Francisco dürfte die Umleitung eigentlich gar nicht realisiert werden.
Die von der katholischen Kirche, der Caritas Brasilien geförderten 220000 Zisternen zum Auffangen von Regenwasser hätten sich bewährt und seien eine der Alternativen zur Flußumleitung.
Für die Qualitätszeitung „O Estado de Sao Paulo“ preist der Staatschef sein milliardenteures Projekt lediglich mit „abgedroschenen Sprüchen“. „Die brasilianische Gesellschaft muß den Bau bezahlen und hat daher das Recht, klare Antworten zu fordern.“
Klaus Hart, Sao Paulo





