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28. Februar 2008

Neuigkeiten in Sachen ZAPP versus Feuerherz
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 20:13

Inzwischen haben auch andere Medien heftige Kritik an der ZAPP-Berichterstattung zu Kindersoldaten in Eritrea im Allgemeinen und Senait Meharis Erinnerungen im Besonderen erneuert. Mein Artikel aus dem vergangenen Jahr (erschienen in Heft 9) ist jetzt auch online. 

Gestern hat Abini Zöllner in der Berliner Zeitung einen weiteren Artikel über die ZAPP-Berichterstattung zu Feuerherz veröffentlicht. Ein paar Zitate:

Bis heute blendet das Medienmagazin “Zapp”, das Wächter und Ächter der Journalistenbranche sein will, unbequeme Tatsachen einfach aus.

… gibt es Eritreer, die Kindersoldaten zu Zeiten des Bürgerkriegs bestätigen. Einer wandte sich an die “Zapp”-Redaktion und beklagte, dass keiner “über die Kindersoldaten” spricht und bei Mehari von “angeblichen Erlebnissen” die Rede ist. Er war bei “Zapp” nicht willkommen. Julia Salden erklärte ihm, es sei vielleicht hart, eine “Wahrheit anzuerkennen, die differenzierter ist als das gängige Klischee.” Sie verwies auf ihre Recherchen und empfahl: “Werden Sie doch aktiv! Sollten Sie was finden, melden Sie sich wieder!”

Heute nun hat auch Michael Hanfeld in der FAZ sich noch einmal geäußert. Leider steht der Artikel nicht online. Hier einige Zitate:

 Das Amtsgericht Tiergarten hat vor ein paar Tagen ein Verfahren eingestellt, von dem, für sich genommen, die breite Öffentlichkeit kaum Notiz nehmen würde. Beschuldigt worden war die aus Eritrea stammende Sängerin Senait Mehari, die in ihrem Buch “Feuerherz” von ihrem Schicksal als Kindersoldatin erzählt. In einem Interview mit der “Berliner Zeitung” hatte sie davon gesprochen, dass sie eine ebenfalls aus Eritrea stammende Frau, die - wie sie - nach Deutschland emigriert ist, damals in einem Lager als “brutale Kommandantin” erlebt habe. Die Betroffene Almaz Yohannes stellte Strafanzeige wegen übler Nachrede. Das daraus resultierende Verfahren wurde nun nach Paragraph 153a der Strafprozessordnung eingestellt.

und zur ZAPP-Berichterstattung über die Glaubwürdigkeit von Senait Meharis Erinnerungen:   

Bei “Zapp” aber sah die Sache von Beginn an eindeutig aus…. Doch auf solche Zwischentöne in einem komplizierten Beziehungsgeflecht war man bei “Zapp” nie aus, hier zählt, wie die Autorin Abini Zöllner jetzt in der “Berliner Zeitung” schreibt, “Hysterie statt Hintergrund”, betrieben von einem tonangebenden Netzwerk von Journalisten.

Das tonangebende Netzwerk… Hans Leyendecker lehnt sich offenbar auch gelegentlich gemütlich zurück und hält ganz einfach alles, was so berichtet wird, für die reine Wahrheit. Wenn’s denn von Rechercheuren aus dem ”tonagebenden” Netzwerk stammt? In seinem Beitrag in der SZ vom 30.1. haute er ordentlich auf die Pauke. ZAPP hat recherchiert und da gibt es doch tatsächlich Zweifler! Und nun ist die Mehari auch noch verurteilt worden, zwar noch nicht rechtskräftig, aber mit erdrückenden Beweisen. Rein zufällig ist das Foto der Sängerin neben den Abschnitt des Textes gesetzt, der mit dem Wort “Hochstapler” beginnt. Damit die Botschaft auch optisch klar rüber kommt?

 Zapp hatte vor einem Jahr mit mehreren Beiträgen den Skandal um “Feuerherz” entzündet. Die Redaktion hält nach langen Recherchen Meharis Geschichte nicht für glaubwürdig. Die in diversen Talkshows als Kindersoldatin präsentierte Popsängerin hatte auf die Frage, ob sie wirklich Kindersoldatin gewesen sei, geantwortet: “Nein, so würde ich das nicht sagen. Ich würde sagen, ich bin ein Kind des Krieges”. Die “Presse sucht sich doch das aus, was am wirksamsten ist. Selbst wenn sie mich ständig als Kindersoldatin betiteln, sag ich: Okay, wenn sie das brauchen. Hauptsache, ich komme an mein Ziel”.

Mehari hatte in dem Streit Unterstützung etlicher Medien bekommen. Ihre Geschichte ist bewegend, und wer weiß genau, was in Eritrea so los ist? Im Kampf um Auflagen, Quoten und Zuschauer leidet schon mal die Authentizität.

Jawoll! Ja! Und auch in München! Und auch bei der Süddeutschen Zeitung! Und auch beim Leyendecker Hans? Der scheint die Geschichte, die er nach dem Tod von Wolfgang Grams los getreten hat recht gut verdrängt zu haben. Sonst traute er sich selbst nicht so vollends über den Weg. 

Hier folgen einige Links zu Fünden anderer Watchdogs. Eigentlich wollte ich schreiben: ZAPP ist ganz schön doof! Höhö! Das Lachen bleibt mir aber im Halse stecken. ZAPP ist  -zumindest streckenweise - verkommen, und das ist furchtbar!

http://www.blogmedien.de/?p=462

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/experten-casting-bei-zapp/

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/bildblog-tv/
http://www.dwdl.de/article/news_14209,00.html

http://www.pottblog.de/2007/03/31/medienmagazin-zapp-ndr-wird-unglaubwuerdig/

Und noch so ein Ding am Rande: im 12köpfigen Vorstand von Netzwerk Recherche gibt es neben Julia Salden mit der Dänin Brigitte Alfter nur eine weitere Frau…

27. Februar 2008

Brasilien:Morde an Journalisten beschränken Pressefreiheit
Abgelegt unter: Medien | Klaus Hart um 21:21

Durch Morde an Journalisten sowie Morddrohungen wird gemäß einer neuen Studie die Pressefreiheit in Brasilien deutlich eingeschränkt. Wie die in Sao Paulo erscheinende Medienzeitschrift “Imprensa” in ihrer neuesten Ausgabe weiter meldet, seien nach dem Ende der Militärdiktatur in den achtziger Jahren bis heute mindestens 42 Journalisten bei Anschlägen ums Leben gekommen. 2007 habe man zwei Reporter erschossen. Die Mehrheit der investigativen Journalisten Brasiliens sei dadurch mundtot gemacht worden. Aus Angst vor Repressalien riskierten nur noch wenige, die ganze Wahrheit über die Realität des Tropenlandes zu zeigen und Mißstände aufzudecken. Laut “Imprensa” wurde über die Hälfte der Morde im Auftrage von Politikern verübt, über die kritisch berichtet worden war. Die meisten Verbrechen seien bis heute straffrei geblieben. Weil in Brasilien Gewalttaten gegen Journalisten zunehmen, hatte die Menschenrechtsorganisation “Reporter ohne Grenzen” in Paris auf ihrer Rangliste über Medienfreiheit letztes Jahr Brasilien vom 75. auf den 84. Platz heruntergestuft. Die Zeitschrift “Imprensa” erinnert an den Fall des Reporters Amaury Ribeiro, der 2007 eine Artikelserie über den Terror des organisierten Verbrechens gegen Slumbewohner publizierte und daraufhin in der Hauptstadt Brasilia ein Attentat schwer verwundet überlebte. Wer über Korruption oder über Politiker und Polizisten berichte, die gemeinsam Todesschwadronen befehligten, müsse ebenfalls mit Anschlägen rechnen. Einige der Getöteten wurden von bis zu 15 Kugeln getroffen. Laut Sergio Murillo Andrade, Präsident des brasilianischen Journalistenverbandes FENAJ, würden solche Verbrechen durch eine “Kultur der Straflosigkeit” begünstigt. Politiker, Großgrundbesitzer und Polizeibeamte manipulierten die Aufklärung im eigenen Interesse. Dann arbeiteten die Ermittler nicht korrekt, mache der Staatsanwalt Fehler und verschiebe der Richter immer wieder Termine, sodaß schließlich die Fälle ungelöst blieben. Berufskiller in Amazonien verlangten für die Ermordung eines Journalisten fünfzig Prozent mehr als für die Liquidierung eines Geistlichen. In Brasilien liegt die Aufklärungsrate bei Morden unter fünf Prozent.

Gemäß der Zeitschrift “Imprensa” hat eine neue Meinungsumfrage unter brasilianischen Journalistikstudenten ergeben, daß niemand von diesen die Karriere des investigativen Reporters anstrebt. Motiv sei die Angst vor Ermordung und anderen Repressalien.

Auch ausländische Korrespondenten in Brasilien haben offenbar wegen kritischer Berichterstattung wiederholt Morddrohungen erhalten. 1985 war der ARD-Korrespondent Karl Brugger in Rio de Janeiro bei einem Attentat erschossen worden.

Klaus Hart, Sao Paulo

23. Februar 2008

ZAPP hat die Erdung verloren
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 17:52

Auf der ZAPP-Homepage werden gewöhnlich alle Beiträge der vergangenen Sendung veröffentlicht. Ein Video jedoch fand sich dort, das nicht im Magazin gesendet worden war. Merkwürdig. In dem Film wird in satirischer Version die Situation der freien Mitarbeiter des NDR geschildert, die jüngst in Streik traten, um zu zeigen, wie wichtig sie für die Produktion sind. ZAPP wird vom NDR produziert.

Angesichts der umfassenden deutschen Berichterstattung über den Streik der US-amerikanischen Drehbuchautoren wäre dies eigentlich einmal eine gute Gelegenheit, die Zuschauer eines Medienmagazins auch mit den Verhältnissen in ihrer unmittelbaren Umgebung bekannt zu machen. Zumal diese kurzweilig und prägnant im charmanten extra3-Jargon präsentiert werden.

Kollegen fragten nach:

Ein Mitarbeiter von “Zapp” wies auf Anfrage den Verdacht einer internen Zensur zurück. Es habe nie zur Diskussion gestanden, den Beitrag in der Sendung zu zeigen, so der Redakteur. Es wurde vielmehr nicht ausgestrahlt, weil es sich eine Binnenansicht innerhalb der NDR-Redaktion handle, die ein breites Publikum nicht hätte verstehen können.

Quelle: http://www.digitalfernsehen.de/news/news_259705.html

Ein “breites Publikum” hat ZAPP aber eigentlich nicht wirklich mit durchschnittlich etwa 120000 Zuschauern. Und denen sollen Interna i h r e s NDR nicht zumutbar sein? Was ist an der Satire für Outsider nicht zu verstehen, was nicht durch eine Anmoderation hätte erklärt werden können? Verlangt jemand, den kompletten Rahmenvertrag erklärt zu bekommen?

Statt etwas Öffentlichkeit für die Probleme der Kollegen zu generieren, geht es munter weiter mit dem Propaganda-Feldzug für die saubere Weste Eritreas. Nein, nein: dass Eritrea aktuell auf dem allerletzten Platz der Reporter ohne Grenzen-Liste zur Situation der Pressefreiheit liegt, ist für ZAPP kein Thema. Dass dort Journalisten für Jahre ohne Prozess im Gefängnis verschwinden, sterben, ermordet werden, aus dem Land vertrieben werden: Kein Thema für ZAPP.  Dass der eritreische Geheimdienst in Deutschland sehr aktiv ist, um Oppositionelle unter Druck zu setzen, bis hin zu Morddrohungen: Kein Thema für ZAPP. Auch nicht, dass die Dreharbeiten zu einem Film massiv von eritreischer Seite sabotiert wurden. Wir wollen ja nicht gleich annehmen, dass bei ZAPP die letzte Zelle derjenigen sitzt, die in den 70ern Sozialismus-besoffen durch die Krisengebiete tourte, um sich Musterschulen vorführen zu lassen, in denen der Neue Mensch geformt wurde. Das liefe dann auf die Witzfigur hinaus, die immer noch abgeschlossen vom Rest der Welt in irgendeiner Plattenbauwohnung hockt und im Auftrag der Stasi die Nachbarn abhört. Aber was ist da los? Abgehoben?

In der letzen Sendung wurden neue Enthüllungen angekündigt, die belegen sollen, dass die Produzenten des Films Feuerherz auch lügen, nachdem ja schon die Autorin des Bestsellers der Lüge überführt scheint. Inzwischen behauptet ZAPP offensiv, es gebe keine Belege dafür, dass es in Eritrea Kindersoldaten gegeben hat. Damit ist die Katze aus dem Sack. Es geht nur vordergründig um Persönlichkeitsrechte, tatsächlich geht es um die Selbstdarstellung Eritreas.

Ich habe mir die www.feuerherz-info.de-Seite angesehen, die - megaschlecht beraten  - die Produzenten des Films “Feuerherz” aus dem Netz genommen haben. Nicht viel war zu sehen, aber dennoch eigentlich eindeutiges Bildmaterial. Fotos von Walter Michler, die bewaffnete eritreische Kinder in Zeiten des Befreiungskampfes zeigen. ZAPP “enthüllt”: Walter Michler bestätigt, nie Kinder kämpfen gesehen zuhaben.  Erwischt?

Ein Fernsehbeitrag zeigt eine Gruppe zahlreicher halbwüchsiger bewaffneter Mädchen beim Exzerzieren. Der Autor spricht dann mit zwei Mädchen, die sehr jung wirken und die wie progammiert ihre Befreiungsrhetorik herbeten. Die Indoktrination ist deutlich spürbar. Sie sagen, dass sie kämpfen wollen. 15 und 17 ist ihr behauptetes Alter. Der Autor hält sie im Beitrag für jünger.  

Ein Beitrag, der damals im Weltspiegel lief, zeigt einen schwer verwundeten Jugendlichen. Der Autor des Beitrags erzählt im Off, der “Junge” sei bereits das zweitemal verwundet von der Front zurück gekommen. Doch ZAPP “enthüllt”: der genannte Autor des Beitrags ist gar nicht der Autor. Was für ein Drama!!! Tatsächlich ist der berühmte Christoph Maria Fröhder der Autor. Und der sagt jetzt bei ZAPP in die Kamera, er habe nie Kindersoldaten kämpfen sehen. Er hat sogar noch sein Notizbuch und kann in die Kamera zeigen: der Junge hat sein Alter mit 18 angegeben.

Den jüngsten, den ich in meinem Notizbuch wiedergefunden hab, der war 18 Jahre alt. Das ist jener, der da im Internet auch gezeigt wird. Wir haben an Schulen gelegentlich so eine Art militanten Unterricht gesehen, aber das hatte mit Kampf nichts zu tun.”

Die zuvor noch mühsam unterdrückte Häme in der Stimme der ZAPP-Autorin Julia Salden macht langsam wieder dem üblichen Tremolieren Platz:

Doch die Produzenten haben noch eine Filmquelle: Ein “Weltspiegel”-Beitrag vom WDR. Ein Film von Hermann Feldhoff. Doch auch der sagt Zapp: Paraden und Übungen gab es, aber keine Kinder in Kampfeinsätzen.

Was stand über dem Beitrag? “Filmemacher präsentieren falsche Belege”. Falsche Belege für die Existenz von Kindersoldaten in Eritrea zu Zeiten des Befeiungskampfes? Der ganze ZAPP-Bohei macht nur deshalb soviel Wind, weil ZAPP sich eine Definition von Kindersoldaten selbst gebastelt hat. Danach ist nur Kindersoldat, wer an der Front kämpft. Eine zynische Verkürzung zur Erzielung eines billigen Effektes!

Die gesamte Argumentation bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen, wenn man einmal einen Blick auf die weltweit übliche Definition von Kindersoldaten wirft.

“Kindersoldaten” sind ”alle Personen unter 18 Jahren, die von Streitkräften oder bewaffneten Gruppen rekrutiert oder benutzt werden oder wurden, egal in welcher Funktion oder Rolle, darunter Kinder, die als Kämpfer, Köche, Träger, Nachrichtenübermittler, Spione oder zu sexuellen Zwecken benutzt wurden. Ausdrücklich sind es nicht nur Kinder, die aktiv an Kampfhandlungen teilgenommen haben.”

Es handelt sich um eine seit den 90er Jahren geltende Definition, die in internationalen Verträgen wie dem “Kindersoldaten-Zusatzprotokoll” zur UN-Kinderrechtskonvention und den Pariser Prinzipien von 2007 verwendet wird.

Natürlich sind all die abgebildeten Kinder Kindersoldaten. Es ist eine Schande, das zu verniedlichen. Und der schwer verletzte 18jährige? Der Fernsehbeitrag sollte schleunigst wieder online gestellt werden. Jeder Zuschauer kann sich überzeugen, dass es sich um ein Kind handelt. Auch ein Grande wie Fröhder müsste berücksichten, dass es in Eritrea keine Geburtsregister gibt, das Alter nur schätzbar ist (was er in seinem Beitrag auch vermittelt hat, wo er empathisch vom verletzten “Jungen” sprach). Es ist auch bekannt, dass Kinder sich älter machten. Vielleicht weiß Fröhder das sogar und wollte nur seiner jungen Kollegin beispringen, die zu seinem elitären Netzwerk Recherche gehört.  

Inzwischen haben Kinderrechtsorganisationen, amnesty, das Kinderhilfswerk und terre des hommes erneut gegen die Berichterstattung protestiert.

Übrigens: In der ZAPP-Logik befindet sich in der ganzen Bundeswehr überhaupt kein Soldat.

Sabine Pamperrien

Nachtrag: Abini Zöllner hat zur Aushöhlung des Begriffs in der Berliner Zeitung geschrieben

20. Februar 2008

Brasiliens Staatschef Lula verteidigt Sektenklagen gegen kritische Medien als legitim
Abgelegt unter: Ausland | Klaus Hart um 15:57

Die jüngste Prozeßlawine evangelikaler Sekten gegen kritische Medien und Journalisten ist vom brasilianischen Staatspräsidenten Luis Inacio Lula da Silva als legitim bezeichnet worden. Derartige Klagen bedrohten keineswegs die Pressefreiheit, sondern gehörten zur Konsolidierung der Demokratie im Lande, erklärte Lula. Wenn die “Universalkirche vom Reich Gottes” jetzt vor Gericht ziehe, bediene sie sich eines Pfeilers der Demokratie. Lula nahm keinen Anstoß daran, daß die über fünfzig Prozeßklagen offenbar in einer orchestrierten Aktion über das gesamte Land verteilt worden waren.Die Position des Staatspräsidenten wurde von den Qualitätsmedien Brasiliens teilweise scharf verurteilt. Zu hoffen sei, daß Lula nicht aus parteipolitischen Gründen mit den Attacken gegen die Pressefreiheit paktiere, hieß es. Die von der Universalkirche kontrollierte Republikanische Partei(PRB) gehöre immerhin zu seiner Regierungsallianz und stelle Lulas Vize Josè Alencar. Bei diesem handelt es sich um einen Milliardär, Großunternehmer und früheren Diktaturaktivisten.Nachdem in jüngster Zeit zahlreiche Analysen über Machenschaften und wirtschaftliche Strategien evangelikaler Sekten veröffentlicht worden waren, hatte die Universalkirche als größte und ökonomisch stärkste neupfingstlerische Wunderheilersekte mehr als fünfzig Schadenersatzklagen von Gläubigen und Pastoren gegen wichtige Zeitungen sowie einzelne Journalisten angestrengt. Die Prozesse waren über das gesamte Riesenland von der 24-fachen Größe Deutschlands verteilt worden. Viele  wurden sogar in schwer zugänglichen Orten Amazoniens eingereicht. Der Transport von Anwälten und Angeklagten zu den Gerichtsverhandlungen verursacht den betreffenden Medien daher enorme Kosten. Die brasilianische Journalistenvereinigung, aber auch internationale Rechtsexperten haben die Sektenklagen als Angriff auf die Pressefreiheit bezeichnet, die Medien und deren Mitarbeiter sollten eingeschüchtert werden. Bischof Edir Macedo, Gründer und Chef der Universalkirche, gilt als Milliardär, weil ihm unter anderem Brasiliens zweitgrößte TV-Anstalt “Rede Record” gehört. Macedo und sein aus 32 weiteren Bischöfen bestehender Führungszirkel, so hatten die Medien berichtet, kontrollierten bereits die meisten TV-Stationen und besäßen den größten Teil der vom Staate vergebenen Sendelizenzen. Die Universalkirche sei zu einem bedeutenden Wirtschaftskonzern mit vielen Auslandsfilialen aufgestiegen. Die evangelikalen Sekten Brasiliens hatten ihre Anhängerschaft massiv für den Wahlsieg Lulas mobilisiert.

18. Februar 2008

Kulturrelativismus: Toleranz gegenüber Kindstötung bei Indios
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 20:52

Das brasilianische Nachrichtenmagazin „Isto è“ hat der staatlichen Indianerschutzbehörde FUNAI vorgeworfen, statistische Angaben über die bei Indiostämmen übliche Ermordung von Kindern, den sogenannten Infantizid, zu verheimlichen. Edson Suzuki, Direktor der NGO Atini, erklärte gegenüber „Isto è“, es sei absurd, unter welchem Vorwand auch immer, die Augen vor diesem Genozid an Kindern zu verschließen. „Man darf keine Kultur schützen, die gegen das Leben ist. Schwarze Sklaven zu besitzen, war auch bereits einmal ein kulturelles Recht.“ Die Anwältin Maira Barreto, die den Infantizid für ihre Doktorarbeit an der Universität von Salamanca untersucht, nennt ihn gegenüber dem Nachrichtenmagazin eine „schädliche traditionelle Praxis“. „Am schlimmsten ist, daß die FUNAI vom Kulturrelativismus angesteckt ist , der den Genozid als richtig hinstellt“, erklärte zudem Henrique Afonso, Kongreßabgeordneter der Arbeiterpartei PT. Afonso formulierte laut „Isto è“ einen Gesetzesentwurf, der vorsieht, jeden Nicht-Indio zu bestrafen, der ein Kind nicht rettet, das zur Tötung vorgesehen ist.

Geschildert wurde der Fall des Indiojungen Amalè vom Stamme der Kamaiurà im Teilstaate Mato Grosso: Im November 2003 wird er von seiner Mutter Kanui kurz nach der Geburt lebendig eingegraben. Kanui folgte damit einer Stammesvorschrift, derzufolge Kinder alleinstehender Frauen lebendig verscharrt werden müssen. Damit das Kind auch wirklich umkommt, treten die Großeltern die Erde über dem Baby fest. Zwei Stunden später entschließt sich die Tante von Amalè, ihn auszugraben. Laut „Isto è“ wiederholt sich diese Praxis bei vielen Stämmen in ganz Brasilien mit Duldung der FUNAI. „Bevor ich Amalè ausgrub, hatte ich dort bereits die Schreie von drei anderen lebendig begrabenen Kindern gehört“, sagte Kamiru, 36. „Ich versuchte sie alle wieder auszugraben, aber Amalè war der einzige, der überlebte.“

Wissenschaftler haben laut Isto è die Praxis des Infantizids bei mindestens 13 Ethnien, darunter den Yanomami, Tapirapè und Madiha entdeckt. Yanomami-Führer Davi Kopenawa Yanomami weilte unlängst in Berlin, besuchte Politiker und wurde interviewt, jedoch auch von den über solche Tötungen bestens informierten Menschenrechtsorganisationen nicht auf den Infantizid angesprochen. 2004 wurden laut Angaben von „Isto è“ 98 Yanomami-Kinder per Infantizid ermordet. Die Kamaiurà, Stamm des Jungen Amalè, töten danach zwischen 20 und 30 Kinder pro Jahr.

„Außer den Kindern alleinstehender Frauen sind Babies mit körperlichen und geistigen Behinderungen zum Tode verurteilt. Zwillinge können ebenfalls umgebracht werden… Zu den sehr banalen Motiven zählt, wenn Indiokinder wegen simpler Hautflecken getötet werden - denn solche Kinder, heißt es, könnten dem Stamme Schlechtes bringen. Tötungsmethoden sind das lebendige Eingraben, das Ertränken oder Ersticken der Babies. Im allgemeinen muß die eigene Mutter das Kind töten, doch gibt es Fälle, in denen sie dabei vom Medizinmann unterstützt wird.

Laut „Isto è“ überlebten dank der NGO Atini, der protestantische Missionare und katholische Aktivisten angehören, mindestens zehn Indiokinder, die derzeit in Brasilia betreut werden.

Klaus Hart

17. Februar 2008

“Tropa de Elite” gewann “Goldenen Bären” der Berlinale - politisch korrekte Mainstream-Kritiken blieben auf Jury ohne Wirkung
Abgelegt unter: Ausland | Klaus Hart um 19:29

Regisseur Padilha: Kritik, die den Streifen als faschistisch klassifiziert, war besonders stupide

Brasilien ist begeistert über den Berlinale-Preis für “Tropa de Elite” - ein hochaktueller sozialkritischer Film über den widerspruchsvollen Kampf der Polizei-Sondereinheit “BOPE” Rio de Janeiros gegen das in den Slums neofeudal, terroristisch  und diktatorisch herrschende organisierte Verbrechen. Die Jury hatte sich offenbar von den überwiegend sehr oberflächlichen, politisch korrekten Mainstream-Kritiken vieler Medien nicht beeindrucken lassen. Regisseur Josè Padilha wurde kurioserweise u.a. vorgeworfen, einen argumentativ schwachen Film ohne Tiefgang, eine monotone Gewaltorgie vorgelegt zu haben. Die Berlinale-Kritiker, hieß es, hielten den brasilianischen Streifen nicht für einen Favoriten. Daß Padilha führende Gewaltforscher und Sozialwissenschaftler Brasiliens, wie Luiz Eduardo Soares und Alba Zaluar, an seiner Seite hatte, wurde nicht berichtet. Padilha und Hauptdarsteller Wagner Moura erklärten, da man von der Kritik  falsch interpretiert worden sei, handele es sich um eine große Anerkennung. Brasiliens größte Qualitätszeitung “Folha de Sao Paulo” betonte, der Film sei von der ausländischen Kritik abgelehnt, negativ aufgenommen worden. Jury-Präsident Constantin Costa-Gavras habe indessen hervorgehoben, daß der Streifen bei den Jury-Mitgliedern “komplette Akzeptanz” gefunden habe, die jedes Filmdetail diskutiert hätten. Laut Regisseur Padilha, so die Zeitung, hätten viele den Film einfach nicht verstanden, obwohl er keineswegs schwer verständlich sei. “Ich meine, die Mehrheit der Brasilianer hat diesen Film verstanden.”

Bezeichnend, daß die Scheiterhaufen-Szene, ein Beleg und Symbol für den brutalen Terror der Slum-Diktatoren gegen Millionen von Verelendeten, für gravierende Menschenrechtsverletzungen, von den meisten Kritikern und Medien unterschlagen worden ist- was Bände spricht. Immerhin wurden immer wieder Bürgerrechtler, und sogar ein angesehener investigativer Journalist, Opfer jener zynisch “Microondas”, Mikrowelle, genannten Hinrichtungsart.

Der erste Goldene Bär für einen brasilianischen Spielfilm ging 1998 an “Central do Brasil” des Regisseurs Walter Salles.

Eine sehr interessante  Perlentaucher-Kritik von Ekkehard Knörer:  http://www.perlentaucher.de/artikel/4455.html

Klaus Hart, Sao Paulo

14. Februar 2008

Brasilianische Sekten verfolgen kritische Journalisten - gesteuerte Prozeßlawinen
Abgelegt unter: Medien | Klaus Hart um 15:26

Evangelikale Sekten Brasiliens starten zunehmend Prozeßlawinen gegen Medien und einzelne Journalisten, die kritische Berichte über Machenschaften und wirtschaftliche Strategien dieser Religionsvereinigungen veröffentlicht hatten. Brasiliens Journalistenverband und Medienexperten haben dies als “Einschüchterung und Zensurversuch” sowie als Angriff auf die Pressefreiheit scharf verurteilt. Sie kritisierten besonders Brasiliens größte neupfingstlerische Wunderheilersekte, die “Universalkirche vom Reich Gottes”, welche kürzlich eine ganze Serie von Prozessen gegen die auflagenstärkste Qualitätszeitung “Folha de Sao Paulo” und deren Religionsexpertin Elvira Lobato sowie gegen die populäre Tageszeitung “Extra” gestartet hatte. Anlaß waren jüngste Artikel, die den Weg der Universalkirche zu einem bedeutenden Wirtschaftskonzern mit vielen Auslandsfilialen nachgezeichnet hatten. So wurden allein gegen die Qualitätszeitung und ihre Journalistin von Pastoren und Sektenanhängern fast fünfzig Schadensersatzklagen angestrengt, die in den wichtigsten Formulierungen identisch sind. Durchweg hieß es, die kritischen Artikel hätten jedem einzelnen stark moralisch geschadet. Die Prozesse waren über das gesamte Riesenland von der 24-fachen Größe Deutschlands verteilt worden, viele Gerichtsverhandlungen fielen auf den selben Tag. Daher mußte die Rechtsabteilung der Zeitung ein sehr kostenaufwendiges logistisches System entwickeln, um teilweise sogar per Schiff ihre Anwälte zu den Prozeßorten zu bringen.

 Die “Folha de Sao Paulo” hatte berichtet, daß die Universalkirche vor allem in der Medien-, Finanz-und Immobilienbranche aktiv sei, eine Privatkrankenkasse, Plattenfirmen und Buchverlage, eine Tourismusagentur sowie ein Luftttaxi-Unternehmen besitze. Über Beteiligungsgesellschaften halte die Universalkirche Aktienanteile in verschiedensten Wirtschaftssektoren. Der Sektengründer und selbsternannte Bischof Edir Macedo gilt als Milliardär, weil ihm unter anderem Brasiliens zweitwichtigste TV-Anstalt „Rede Record“ gehört, die zunehmend erfolgreicher mit der Nummer Eins, dem Fernsehkonzern „TV Globo“ konkurriert. Macedo und sein aus 32 weiteren Bischöfen bestehender Führungszirkel, so hieß es weiter, kontrollierten inzwischen die meisten TV-Stationen und besäßen den größten Teil der vom Staate vergebenen Sendelizenzen. In ganz Brasilien habe Macedo zudem eine Radiokette mit vierzig Stationen, 36 weitere Rundfunkstationen seien angemietet. In dem von Deutschstämmigen geprägten Südstaat Rio Grande do Sul gehört der Universalkirche die zweitgrößte Tageszeitung – die landesweit erscheinende Wochenzeitung „Folha Universal“ hat inzwischen eine Auflage von 2,3 Millionen. ”Folha de Sao Paulo” führt den raschen wirtschaftlichen Erfolg der Sekte auf „ausgeprägten kapitalistischen Unternehmergeist“ und aggressive Marketingtechniken zurück. Zudem seien die mehreren Millionen Anhänger mittels Heils-und Prosperitätsversprechen permanent zu Spenden angeregt worden.
Noch in den neunziger Jahren hatte Sektenchef Macedo regelmäßig im überfüllten Maracanà von Rio, dem damals größten Fußballstadion der Welt, regelmäßig Wunderheilungen zelebriert und war wegen Scharlatanerie zeitweilig im Gefängnis. Über zwanzig Gerichtsverfahren, darunter wegen Steuerhinterziehung, konnten zunehmend rascher abgewehrt werden, da den Analysen zufolge auch der politische Einfluß der Universalkirche deutlich anwuchs. Sie dominiert Brasiliens Republikanische Partei, die mit Josè Alencar, einem Milliardär und Großunternehmer, sogar den Vize von Staatspräsident Luis Inacio Lula da Silva stellt. Es wird damit gerechnet, daß der Sektengründer bei den nächsten Präsidentschaftswahlen im größten katholischen Land erstmals einen eigenen Kandidaten ins Rennen schickt. Religionsexperten führen auch auf den zunehmenden politischen Einfluß der Wunderheilersekten zurück, daß die strengen Gesetze gegen Scharlatanerie seit Jahren nicht mehr angewendet werden.

Klaus Hart, Sao Paulo

Brasiliens Befreiungstheologe Frei Betto über CIA und evangelikale Sekten

http://www.ila-bonn.de/brasilientexte/2007/ciasekten.htm

13. Februar 2008

Landgericht Hamburg zivilisiert das Internet! Oder nicht?
Abgelegt unter: Allgemein, Medien | Sabine Pamperrien um 21:06

Stefan Niggemeier hat die Begründung des Urteils online gestellt, das vom Hamburger Landgericht wegen eines zu spät gelöschten Kommentars in seinem Blog gegen ihn erging.

Die Begründung macht durchaus plastisch, was in der deutschen Blogosphäre im Hinblick auf die Güterabwägung zwischen dem Grundrecht auf Meinungs- und Pressefreiheit auf der einen und dem grundrechtsanalogen allgemeinen Persönlichkeitsrecht auf der anderen Seite im Argen liegt. Ich finde es eher abstoßend, dass sich zig Leute an etwas wie Call-Active hoch ziehen - und keiner redet von den Versäumnissen der Medien z.B. in der Berichterstattung über Afghanistan. Die Kritik von Ulrich Tilgner oder auch des Autors und ehemaligen Bundeswehrsoldaten Achim Wohlgethan an einer gefährlichen Hofberichterstattung gehören an exponierter Stelle auf die Agenda der deutschen Medienkritiker, solcher Kiki wie Call-Active doch wohl erst unter “ferner liefen”.

Dennoch: eine schlüssige Begründung, warum Niggemeier verurteilt wurde, o b w o h l  er den inkriminierenden Kommentar kurz nach dessen Erscheinen löschte, gibt das Gericht nicht.

Hier ein Auszug aus der Urteilsbegründung:

Je mehr konkreter Anlass zu der Befürchtung besteht, dass es durch Kommentare auf einer Internetseite zu Persönlichkeitsrechtsverletzungen Dritter kommen wird, und je schwerwiegender die zu befürchtenden Verletzungen sind, umso mehr Aufwand muss der Betreiber auf sich nehmen, um die auf seiner Seite eingestellten Kommentare einer persönlichkeitsrechtlichen Überprüfung zu unterziehen (…) Es besteht somit ein gleitender Sorgfaltsmaßstab mit einem Spektrum abgestufter Prüfungspflichten: Ist mit großer Sicherheit vorhersehbar, dass es zu schweren Persönlichkeitsrechtsverletzungen kommen wird, so kann die Prüfpflicht des Betreibers demnach an dem einen Ende des Sp ektrums bis hin zu einer Dauer- und Vorabkontrollpflicht anwachsen. Die Kammer verkennt nicht, dass die sich daraus ggf. ergebenden Überwachungspflichten für die Betreiber von Internetseiten mit erheblichen Belastungen verbunden sein können. Das Erfordernis des soeben beschriebenen gleitenden Sorgfaltsmaßstabes folgt nach Auffassung der Kammer jedoch zwingend aus dem Umstand, dass in der verfassungsrechtlich gebotenen Abwägung zwischen Meinungs- und Medienfreiheit einerseits und dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht andererseits keines dieser Rechtsgüter einen generellen Vorrang beanspruchen kann.

Der “gleitende Sorgfaltsmaßstab” gilt grundsätzlich für die journalistische Sorgfaltspflicht. Und da wird en passant etwas vom LG Hamburg voraus gesetzt, was andernorts zu heftigen Diskussionen führt. Bloggen bloggende Journalisten als Journalisten? Sind sie als Blogger Normalos? Sind alle Blogger Journalisten (was die behaupten, die scharf auf die Rabattfunktion des Presseausweises sind). Aus eben dieser besonderen Sorgfaltspflicht konstruiert das LG die besondere Pflicht des Bloggers Niggemeier.  Letztlich läuft die Entscheidung auf die Verpflichtung hinaus, alle Kommentare vor der Veröffentlichung auf ihre juristische Relevanz hin zu überprüfen. Man kennt ja im deutschen Recht die Rechtsfortbildung durch die Rechtsprechung. (So kann sich auch hier die Scharia einschleichen ;-), dazu unbedingt diesen Beitrag lesen.

Jeder, der durch Blogs pflügt, kennt diese Threads, in denen schlaue Kommentare einander jagen, ohne Sinn und Verstand, aber vorwiegend mit viel Temperament und oft in grotesker Ehrerbietung vor dem Herrn des jeweiligen Blogs und seinen Argumenten. Das alles ist Stoff für tiefschürfende Studien.

Das Urteil kann als die Zusammenfassung der (wie ich finde) berechtigten Kritik am Ton deutscher Internet-Kommunikation gelesen werden. Die zur Begründung zusammen getragene Fallsammlung spricht in der Tat für sich. Rein argumentativ kann ich mit Formulierungen wie

Entscheidend ist vorliegend allein, dass er durch seinen zumindest außerordentlich scharfen und polemisierenden Beitrag für die sich daran anschließende Diskussion einen Ton angeschlagen hat, der ersichtlich geeignet war, bei einzelnen Diskussionsteilnehmern persönlichkeitsrechtliche Grenzüberschreitungen zu provozieren, zumal die Diskussion ein ohnehin in erheblichem Maße emotional aufgeladenes Thema betraf.

sehr gut leben. Ich denke, ich gehe sogar in mich und werde die Anti-Eigen-Polemik-Schere im Kopf etwas nachschleifen. Oder eben - wie wir es handhaben - Kommentare erst prüfen und dann veröffentlichen.

Nur ist aus der pauschalen und ziemlich richtigen Zustandsbeschreibung des Gerichts trotz gegenteiligen Bemühens kein rechtswidriges Tun Niggemeiers ableitbar. Solange es keine verbindlichen Regeln zur Blog-Hygiene gibt, kann m.E. einem Blogger nicht stichhaltig vorgehalten werden, z u  s p ä t eingegriffen zu haben, wenn er von sich aus einen Beitrag schon längst gelöscht hat, den er nach der Güterabwägung für grundrechtsverletzend hält.  Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass eine gerichtlich definierte Handlungspflicht hinsichtlich des Zeitrahmens r ü c k w i r k e n d Anwendung finden darf. Und fraglich sollte auch sein, ob die Verschärfung der Sorgfaltspflicht wegen des Zulassens von Pseudonymen angesichts der allgemein üblichen Pseudonymisierung im Internet rechtlich überhaupt haltbar ist.  

Mir drängt sich insgesamt der Verdacht auf, dass das LG Hamburg einen Präzedenzfall für “Sauberkeit im Internet” schaffen wollte. Von der Wichtigkeit der Materie war das Gericht ja offenbar so durchdrungen, dass man den im deutschen Recht gebräuchlichen Begriff Pressefreiheit schon mal zu “Medienfreiheit” modernisierte.  Ich bin sehr gespannt, ob die Entscheidung des LG der nächsten Instanz stand hält.  Nein, machen wir mal Nägel mit Köpfen: ich wette eine Flasche Prosecco von Il pane Quotidiano, dass die nächste Instanz Niggemeier Recht gibt!  

Das geht bis vor’s Bundesverfassungsgericht. Und dort wird dann im Jahre 2011 das Regelwerk abgesegnet, nach dem alle, die große Hoffnungen auf die verbindende Funktion des Internet setzen, lechzen. Vom bahnbrechenden Niggemeier-Urteil reden dann noch die Generationen, die in tausend Jahren mit bildschirmoptimierten eckigen Augen höflich wie jetzt schon die Japaner in der Welt herum bloggen.  Man munkelt dann “Damals!” “Die Hunnen!” ”Ruckelten Steaks auf ihren Schreibtischstühlen mürbe!” Das werden noch Zeiten gewesen sein! Und wir waren mitten drin!

11. Februar 2008

Benefizkonzert im Konzerthaus für die Rosenbaum Stiftung
Abgelegt unter: Veranstaltungen und Termine | Sabine Pamperrien um 16:39

Gern leite ich diesen Veranstaltungshinweis aus der Bremer Landesvertretung weiter:

Liebe Freunde Bremens,

am 5. April 2008 findet im Konzerthaus Berlin ein Benefizkonzert der Stiftung Rosenbaum  statt. Schirmherr der Veranstaltung ist Bürgermeister a.D. Hans Koschnick.

Herzliche Grüße
Kira Ferse
Presse und Veranstaltungen

———————————-
Kira Ferse
bei der
Bevollmächtigten der
Freien Hansestadt Bremen beim Bund
Hiroshimastrasse 24
10785 Berlin
 
T: 030/ 269 30 182
F: 030/ 269 30 100
 
mailto:kira.ferse@lvhb.bremen.de
 
www.landesvertretung.bremen.de
 

Rechtspluralismus als Katalysator der Integration in Europa
Abgelegt unter: Allgemein | Heinrich Bergstresser um 16:31

Politikerreden oder Reden angesehener Wissenschaftler, Künstler, Wirtschaftskapitäne oder vergleichbarer Multiplikatoren entfachen gelegentlich heftige und manchmal auch nützliche Debatten, die dann Demokratie als etwas Lebendiges und Wünschenswertes erscheinen lassen. Doch was sich am 7. Februar im Lambeth Palace in London abspielte, geht weit über diese Normalität des politischen Diskurses hinaus. Denn kein geringerer als der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, hielt eine Rede zum britischen Rechtssystem, was für sich allein genommen noch niemanden sonderlich bewegt hätte. Die politische und religiöse Brisanz seines Vortrages und des Interviews mit der BBC lag aber in seiner These, dass die teilweise Einführung des Islamischen Rechtssystems “Scharia“ in das britische Rechtssystem (Common Law) auf Dauer unausweichlich sei. Denn nur so ließe sich der wachsende gesellschaftliche Gegensatz zwischen den Einheimischen und den aus den ehemaligen Kolonien Eingewanderten und deren Nachkommen verringern und der soziale Zusammenhalt stärken. Diese Aussage wurde über die weltumspannende BBC Internetplattform in Windeseile verbreitet, und in christlichen Kreisen gingen denn auch die Wogen hoch. Trotz aller Emotionen berühren aber die Ausführungen des geistlichen Oberhauptes der Anglikanischen Kirche eine bislang weitgehend verschwiegene und ignorierte Entwicklung in Europa und werden schon bald weitreichende Auswirkungen auf den dringend notwenigen Diskurs zum multikulturellen Zusammenleben ausüben.

Ein Blick auf eine Weltkarte der säkularen Rechtssysteme hilft, sich dem Problem des Rechtspluralismus etwas anzunähern. Demnach gelten im Festlandeuropa, auf dem Gebiet der untergegangenen Sowjetunion und in Lateinamerika Rechtssysteme, die sich aus dem römisch-germanischen Recht herausgebildet haben (Civil Law). Auf der britischen Insel, in Nordamerika und Ozeanien haben sich dagegen Formen des angelsächsischen Rechts entwickelt (Common Law). Aber schon im frankophonen Teil Kanadas und im US-Bundesstaat Louisiana bestehen Elemente beide Rechtssysteme. Auf den ersten Blick verwirrend ist dagegen die Situation in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten und in Süd- und Ostasien. Denn hier herrscht von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen ein ausgeprägter Rechtspluralismus vor, der dem europäischen Rechtsempfinden und Denken grundsätzlich zu widersprechen scheint. So sind die französischen und britischen Rechtssysteme in den früheren Kolonien in modifizierter und angepasster Form staatliches Recht, aber neben ihnen bestehen traditionelle Rechtssysteme und je nach Land Varianten des Islamischen Rechts. Denn die Kolonialmächte ließen in der Regel beide tradierte Rechtsformen bestehen und nutzten sie geschickt zur effizienteren Herrschaftsausübung aus. So existiert in Indien, Jordanien und Nigeria, um nur einige Staaten zu nennen, säkulares staatliches, islamisches und traditionelles Recht nebeneinander, ohne dass dies die in Europa so oft beschworene Rechtssicherheit in irgendeiner Form bedroht hätte. Dabei umfasst traditionelles Recht auch tradiertes Recht von Christen, Hindus und anderer Religionsgemeinschaften. Selbst in Ägypten, wo der Islam Staatsreligion ist und das Islamische Recht als Hauptquelle der Gesetzgebung dient, gilt französischem Recht nachempfundenes säkulares Recht. Lediglich das Personenstandsrecht (Heirat, Tod, Erbschaft, Sorgerecht) basiert auf dem Islamischen Recht bzw. dem Recht der Koptischen Kirche.

Es dauerte lange, bis auch die Politik akzeptierte, dass Westeuropa ein Einwanderungsgebiet ist. Das heißt aber nicht, dass sie sich ernsthaft mit den tatsächlichen und möglichen Konsequenzen auseinandersetzt. Deshalb ist der Beitrag des anglikanischen Erzbischofs Rowan Williams so wichtig wie umstritten. Und es ist natürlich kein Zufall, dass ein Brite dieses Thema auf die Tagesordnung setzte. Denn dort, in den Ballungszentren wie London, Birmingham oder Manchester, haben sich multi-ethnische und multi-religiöse Strukturen schneller entwickelt und sind bereits tiefer verankert, als auf dem europäischen Festland. Diese gesellschaftliche Wirklichkeit aufzuzeigen, war das eigentliche Ziel des Erzbischofs. Denn von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, existieren bereits rechtspluralistische Strukturen. So besteht das Schächtgebot für Muslime und Juden, und orthodoxe Juden haben ihre eigenen Gerichte (Beth Din), deren Entscheidungen nach Englischem Recht bindend sind, wenn sich die Parteien zuvor geeinigt haben, den Streit vor diesen Gerichten auszutragen. Und es gibt “Scharia-Räte“, die Muslime in Personenstandsfragen beraten, deren Entscheidungen oder Empfehlungen aber rechtlich nicht bindend sind. Dennoch ist der Trend, Scharia-Gerichte analog den Beth Din einzurichten, besonders unter strenggläubigen und radikalen Muslimen ungebrochen. Unter den insgesamt annähernd zwei Millionen britischen Muslimen ist diese Forderung jedoch sehr umstritten.

Die Kopftuchdebatte in Deutschland mit seinen geschätzten drei Millionen Muslimen und der heftige Streit um den Bau von Moscheen überdeckten bisher, dass das Islamische Recht schon seit Jahr und Tag in der bundesdeutschen Rechtssprechung angewandt wird. Bei Erbschaftssachen und bei Scheidungen von Personen aus dem islamischen Kulturkreis ziehen deutsche Gerichte in der Regel die gesetzlichen Regeln der Herkunftsländer heran. Auch das vom Bundesverfassungsgericht vor einigen Jahren zugelassene Schächten entspricht jüdischem und islamischem Recht, wobei das Gericht in diesem Fall lediglich den Gleichbehandlungsgrundsatz zugunsten der Muslime auslegte.

In der gelebten Praxis ist der Rechtspluralismus in Deutschland Realität, was im wesentlichen auch für Frankreich gilt. Gesellschaftspolitisch ist dieses Thema aber nach wie vor tabuisiert, und Auftritte wie die des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan in Köln tragen sicherlich nicht dazu bei, dieses hochpolitische und komplizierte Thema zu entemotionalisieren. In weiten Teilen der Welt ist der Rechtspluralismus dagegen Normalität, und das Verdienst des anglikanischen Bischofs besteht darin, einen heftigen und sicherlich auch schmerzhaften Denkanstoß gegeben zu haben, sich in Europa diesem Thema politisch und rechtspolitisch ohne weitere Verzögerungen zu stellen. Dass diesbezüglich auch gegen den Strich gedacht werden muss, versteht sich von selbst, macht die Sache aber keineswegs leichter. Mehr den je ist der Staat gefragt, sich um diesen Komplex zu kümmern. Denn nichts ist auf Dauer schlimmer, als dass religiöse Eiferer, versteckt in den Hinterhöfen, die Köpfe junger Muslime vernebeln und sie gezielt außerhalb der deutschen Gesellschafts- und Rechtsordnung stellen. Jeder muss ein hohes Interesse haben, dass Religion eine öffentliche Angelegenheit bleibt, denn nur dann besteht die Möglichkeit, demokratische Gesellschaftsstrukturen zu erhalten und zu stärken. Das Christentum hat diesen Prozess erfolgreich durchlebt, wenn auch widerwillig. Warum sollte das in Europa nicht auch für den Islam möglich sein, womit das Problem des Rechtspluralismus im Prinzip gelöst wäre.

Heinrich Bergstresser

5. Februar 2008

Gustav Zwo ist unkaputtbar: Elche sind trinkfest!
Abgelegt unter: Allgemein | Sabine Pamperrien um 21:20

Gerade Frontal21 gesehen! Wegen des neuen Super-Benzins wurde ganz schön Alarm geschlagen. Ich bin auf der sicheren Seite mit meinem gerade eingefahrenen 740er:

 ”Alle Volvo Benzin-Varianten, beginnend mit dem Modell 740 sind für die Verwendung von E10 … geeignet. (Antwort Volvo Car Germany GmbH vom 13.06.2007 auf Anfrage der AVIA).”

Weitere Hersteller-Antworten hier:
http://www.avia.de/cms/index.php?page=847

3. Februar 2008

Sie bewegt sich doch!
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 23:09

Klaus Harts Beitrag über die Idee einiger fröhlicher katholischer brasilianischer Karnevalisten, einen “Holocaust-Wagen” zum kathartischen Abgruseln auf den Weg zu bringen, hat mit mehreren Tagen Verspätung seinen Weg in die anderen deutschen Medien gefunden.

Und auch andere sind aufmerksam auf uns geworden: wir sind jetzt im Verteiler von Scientology, die schon frühere Artikel mit Leserbriefen garnierten. Von den unerschöpflichen pekuniären Quellen für flächendeckende PR kann unsereins nur träumen. Google-Alert - okay. Aber wieviel Leute hocken in wieviel kahlen Gemächern, um ihre Zeit mit intervenierenden Leserbriefen tot zu schlagen? Wir hier basteln an einem eigenen Guru. Aber bis der all seine missionarischen Fähigkeiten entfaltet, müssen wir mauern. Alle hübschen Knaben mit Zahnpastalächeln sind hier ab sofort unter Generalverdacht. Da kann ja jeder kommen! Kaum zugesülzt, schon ist das Gehirn gewaschen! Wir wissen Bescheid!  Und wie! Also: Contenance!!!



Aktuelles Heft Nr. 1-2010
Titelthema:
Wissenschaft

Titelfoto: Bernd Lammel







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