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13. März 2008

Post von ZAPP
Abgelegt unter: Medien | Sabine Pamperrien um 22:27

Dass wir hier langsam zum ZAPPblog mutieren, entspricht eigentlich nicht der Planung. Inzwischen tun sich jedoch spannende Dinge. Julia Salden hat eine Brief- und Telefonaktion gestartet, um zu erreichen, dass der Blogeintrag über die unsägliche Sendung zur Berlinale aus dem Blog entfernt wird. Ausgerechnet am Tag der Meinungsfreiheit im Internet. Warum Salden nicht einfach von der Kommentarfunktion Gebrauch gemacht hat, werden wir wohl nie erfahren.

Viel ist an der Vorgehensweise der ZAPP-Autorin verwunderlich - wir werden weiter berichten. Besonders darüber, dass der NDR solche Spirenzchen gestattet. Bisher nutzte Salden zur Beweisführung vorwiegend die Insinuation, nun startet sie auch noch eine Desinformationskampagne. Wohin das wohl führt? Sämtliche Redakteure, Korrespondenten, der Vorsitzende des DJV Berlin wurden beehrt. Noch ist nicht ganz klar, ob Salden auch an Eltern und Geschwister und die Bundeskanzlerin schrieb.

Mich erinnerte die Aktion an die Briefaktion, die Salden unmittelbar nach dem ersten ZAPP-Bericht über Feuerherz startete. Damals waren diverse Redaktionen, die zuvor über Mehari berichtet hätten, die Adressaten. Ziel der Umfrage war wohl, Fehlereingeständnisse zu veranlassen. Das Ergebnis fiel jedoch etwas anders aus. Es hagelte massive Kritik insbesondere aus dem eigenen Senderverbund.

Arnd Henze (WDR):

„Wir können die unterschwellige Annahme des Zapp-Beitrags, es habe in Eritrea keine Kindersoldaten gegeben, nur mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen.

„Hat sich Zapp möglicherweise für einen zynischen Geschichts-Revisionismus einspannen lassen?“

“Im konkreten Fall aber fürchten wir, dass Ihr Beitrag von letzter Woche den selbstgesetzten Standards einer sorgfältigen Recherche nicht standhalten.”

Christoph Bungartz (NDR):

„Selten habe ich ein Stück gesehen, das derart massiv Vorwürfe erhebt und sie so wenig untermauert. Für mich hat der Beitrag vom vergangenen Mittwoch dieselbe Eindimensionalität, die er allen anderen vorher veröffentlichten Beiträgen vorwirft.”

„Wenn der Rest der Journalisten vielleicht angesichts der „Feuerherz“-Story Tränen in den Augen hatte, dann hat ZAPP jetzt Schaum vorm Mund. Gegen ein Stück - im Sinne des „audiatur et altera pars“ -, das eine Gruppe von Menschen zeigt, die den Wahrheitsgehalt eines Buchs vehement anzweifeln, ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Aber dieses Stück ist nicht gelaufen”

„…es geht um nachvollziehbare Argumente und, pardon, auch für ZAPP um die journalistisch klare Benennung von Roß und Reiter. Ob am Ende Frau Meharis Buch eine Reihung von Lügen ist, die Medien alles schuld sind oder die ELF in Wahrheit ganz anders war, wird sich ja womöglich zeigen. Der ZAPP-Beitrag hat aus meiner Sicht noch nicht zur Aufklärung beigetragen.”

Seither befindet ZAPP sich unter Rechtfertigungszwang. Schon in den Antworten Saldens auf die kritischen – und durchaus wohlwollenden - Anmerkungen der erfahrenen Kollegen ist eine an Intransigenz grenzende selektive Argumentation erkennbar. Das Dossier, das ZAPP damals veröffentlichte, habe ich zur besseren Anschauung verlinkt.

Salden behauptet neuerdings, ZAPP habe an keiner Stelle behauptet, es gebe keine Belege für Kindersoldaten in Eritrea. Im vergangenen Jahr antwortete sie Arnd Henze vom WDR auf dessen kritische Anmerkungen mit einem langen Brief. Da heißt es unter anderem zu seinem Vorwurf, unterschwellig behaupte ZAPP, es habe gar keine Kindersoldaten in Eritrea gegeben:

„Wir haben in dem Film bewusst nicht behauptet, in Eritrea hätte es keine Kindersoldaten gegeben. Es ging einzig und allein um die Frage, ob die in „Feuerherz“ geschilderte persönliche Lebensgeschichte wahr ist. Aber natürlich haben wir uns in diesem Zusammenhang auch die Frage gestellt, ob zur Zeit des Unabhängigkeitskampfes in Eritrea systematisch Kinder an Waffen ausgebildet und an der Front eingesetzt wurden. Ob es zumindest so gewesen sein könnte, wie Senait Mehari in ihrem Buch beschreibt. Die Antwort: es gibt dafür keine Belege. Sie verweisen auf das Dokument „The Use of Children as Soldiers in Africa“. In der Tat: dort steht dieser Satz: „Children were used as soldiers by Eritrea in the war of independence“. Welcher Unabhängigkeitskampf gegen Äthiopien ist gemeint? Wer hat Kinder eingesetzt – die ELF oder EPLF? Welche Belege gibt es für diese Aussage? Herausgeber dieses Berichts ist die „Coalition to Stop the Use of Child Soldiers“. Also haben wir nachgefragt, bei Andreas Rister dem Sprecher der Koordination in Deutschland. Seine Antwort liegt uns schriftlich vor: weder die Internationale Kindersoldatenkoalition noch „terre des hommes“ haben Informationen über Kindersoldaten in Eritrea. Wir wurden weiter verwiesen auf „Amnesty international” und die Hamburger Universität. Die Universität verwies uns auf den Wissenschaftler Günter Schröder. “Amnesty international“ in Deutschland teilte uns mit, ebenfalls keine Erkenntnisse über Kindersoldaten in Eritrea zu haben. „Amnesty international“ in London wusste auch nichts, verwies uns ebenfalls auf Günter Schröder, den wir später interviewt haben. Schröder hatte immerhin 2002 in einer Expertise für ein Gericht geschrieben, die ELF habe Kinder und Jugendliche gezielt rekrutiert. Inzwischen hat er weiter geforscht, mehr als 800 Seiten Interviews mit ehemaligen eritreischen Kämpfern gesammelt. Diese Passage seines Gutachtens sei nicht mehr haltbar, sagt er heute, Kämpfer im Alter von 7 bis 14 Jahren habe es seinen Forschungen zufolge nicht gegeben. Wir recherchierten weiter – doch weder die UNO, noch UNICEF noch irgendeine Universität konnte uns Belege für Kindersoldaten in Eritrea nennen. Der UNO Report „The Impact of armed conflict on children“ von 1996, auch „Machel Report“ genannt, gilt als Standardwerk im internationalen Kampf gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Wir haben die Autoren in den USA ausfindig gemacht, doch auch die haben keine Kenntnisse über Eritrea. Trotz all dieser Recherchen würde ich nicht behaupten, es hätte keine Kindersoldaten in Eritrea gegeben. Wir könnten etwas übersehen haben, etwas falsch verstanden haben. Es war – wie gesagt aber auch nicht das Thema unseres Films. Warum Sie uns aber vorwerfen, der Beitrag setze sich nicht mit diesen Studien auseinander und sich damit auch noch in der Zeitung zitieren lassen, macht mich ratlos.“

Mir kam damals schon die Beweisführung etwas merkwürdig vor. Ich befragte die Befragten also nochmals und überprüfte die angegebenen Quellen.

Als Andreas Rister von Terre des Hommes erfuhr, dass die Autoren des Beitrags ihn als einen der institutionellen Zeugen dafür anführten, dass es keine Belege für Kindersoldaten in Eritrea gebe, fiel er aus allen Wolken. Rister hatte der Redaktion von ZAPP auf Anfrage mitgeteilt, der Erhebungszeitraum liege vor dem Gründungsdatum der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers. Dort werden seit 1998 Informationen über aktuelle Konflikte mit Beteiligung von Kindersoldaten zusammen getragen. Es konnte dort also gar keine Informationen über den Bürgerkrieg im Befreiungskampf der Eritreer Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre geben. Aktuell weist der Child Soldiers Global Report Eritrea als eines der Länder aus, in denen Kindersoldaten zwangsrekrutiert werden. Im Januar 2004 äußerte UNICEF Sorge darüber, dass alle eritreischen Schüler bereits im Abschlussjahr kaserniert und als Bestandteil der Armee angesehen werden. Flüchtlinge aus Eritrea berichteten, dass etwa 30 Prozent der Rekruten noch keine 18 Jahre alt sind, manche wurden im Alter von 15 Jahren eingezogen.

Die ZAPP-Autoren wollten sich fachgerecht nicht nur auf eine Quelle verlassen, sondern sprachen auch die Verfasser der Studie an, die im Jahre 1996 schlagartig die Weltöffentlichkeit mit dem Schicksal von Kindern in bewaffneten Konflikten und insbesondere dem Missbrauch von Kindern als Soldaten konfrontiert hatte. Der unter der Leitung von Graca Machel erarbeitete Report „Impact of Armed Conflict on Children“ enthält in der Tat keine Fallstudie über Eritrea. Die Experten des Machel-Reports hätten trotz entsprechender Bemühungen keine Studie erhalten. Auch daraus schließt man bei ZAPP, es gebe keine Belege für Kindersoldaten in Eritrea.

Das Zusammentragen von Informationen allein genügt nicht. Man muss sie auch auszuwerten wissen. Unberücksichtigt geblieben ist bei der Auswertung durch ZAPP offenbar der Umstand, dass Basis des Machel-Reports Länderinformationen sind. Eritrea ist aber erst seit 1993 unabhängig und gehörte zuvor zu Äthiopien. Bereits Ende 1993 verabschiedete die UNO die Resolution, auf deren Basis im Juni 1994 Graca Machel ihre Arbeit begann. Zu dieser Zeit gab es keinen bewaffneten Konflikt, an dem Eritreer beteiligt waren. Die Literaturliste des Reports fördert allerdings den Titel „Children of war in the Horn of Africa: The Bitter Harvest of Armed Conflict in Ethiopia, Sudan, Somalia and Djibouti” zutage. Der international bekannte äthiopische Wirtschaftswissenschaftler Eshetu Chole gab den Band bereits 1991 in Addis Abbeba heraus.

Im Titel dieses Buchs taucht übrigens auch der terminus technicus „Child of war“ auf, den Mehari benutzte, als sie die eigene Erfahrung von derjenigen der Frontkämpferin im engeren Sinne abgrenzen wollte. „Kind des Krieges“ hat vielleicht schon viel eher, als der zivilisierte Westen es realisierte, im hoch zivilisierten Äthiopien umschrieben, zu was Erwachsene Kinder in Kriegen missbrauchen.

Am Rande bemerkt: Eines der größten Probleme im Kampf gegen Kindersoldaten ist der Umstand, dass – wenn überhaupt - nur Länderdaten erhoben werden können. Es gibt ganz enorme Dunkelziffern. Längst spielen sich die Konflikte zwischen länderübergreifenden Gruppierungen ab und machen es der internationalen Gemeinschaft fast unmöglich, einzugreifen, weil außerhalb nationaler Strukturen kaum Druck ausgeübt werden kann.

Und noch etwas: Ich habe inzwischen mit Hermann Feldhoff und Christoph Maria Fröhder gesprochen. Beiden altgedienten und hoch angesehenen Korrespondenten ist sehr am internationalen Kampf gegen Kindersoldaten gelegen. Feldhoff habe ich so verstanden, dass er davon ausgeht, ein Kindersoldat sei ein Kind, das an der Front kämpft. Dass Jugendliche eine militärische Grundausbildung bekamen, belegte ja sein Filmbeitrag. Auf jeden Fall hätten Kinder in Eritrea auch mit Waffen agiert. Es seien allerdings alte Waffen gewesen und fern von der Front. Als er nach meinem Hinweis auf die geltende Definition sagte, dass dann ja auch jene Jungs, die am Ende des zweiten Weltkriegs zur Verteidigung der Städte abberufen wurden, Kindersoldaten gewesen seien, konnte ich nur zustimmen und hatte den subjektiven Eindruck, er verstehe jetzt erst die Definition von Kindersoldaten.

Christoph Maria Fröhder bestätigte, dass er – natürlich – den Jungen in dem Beitrag von damals nicht um eine Geburtsurkunde gebeten habe. Und es sei auch klar, dass es Aufzeichnungen über Geburtsdaten wie bei uns nicht gebe. Er erinnerte sich, dass der Junge ihm erzählt hatte, Schüler einer Oberschule zu sein. Fröhder hatte auch in dem ZAPP-Beitrag erwähnt, dass er in Schulen militärische Übungen von Kindern und Jugendlichen gesehen hatte.

Ich habe Herrn Fröhder als profunden Kenner der eritreischen Diaspora kennen gelernt und muss ihn ausdrücklich um Entschuldigung dafür bitten, dass ich je vermutete, er wolle lediglich eine Kollegin aus seinem Netzwerk schützen. Er nimmt genau jene Differenzierungen vor, um die es mir und den oben angeführten Kollegen bei den Recherchen ging. Von ZAPP wurde er dazu aber offenbar nicht befragt.

Sabine Pamperrien

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Aktuelles Heft Nr. 3-2010
Titelthema:
Europa

Titelbild: NDR/Pro7, Willi Weber







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