Nur noch vier Monate, und dann schaut die ganze Welt nach Beijing, der Hauptstadt einer aufstrebenden Macht, wo Anfang August die XXIX. Olympischen Spiele der Neuzeit als sportliches Mega-Event eröffnet werden. Eine Veranstaltung der Superlative steht ins Haus, die der Weltgemeinschaft das positive Bild einer neuen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kraft vermitteln soll. Doch schon im Vorfeld dieses weltweit größten Spektakels trübt sich das Bild, denn Teile der tibetischen Bevölkerung, Mönche wie einfache Bürger, ein winziger Stachel im Fleisch des Riesenreiches, haben mit ihrem berechtigten Protest der Weltöffentlichkeit den wahren Charakter der chinesischen Führung deutlich gemacht. Dass mehrere Dutzend Menschen ihr Leben verloren und nun wohl hunderte in chinesischen Kerkern leiden müssen, ist indiskutabel. Doch die Opfer bestätigen auch den heuchlerischen Charakter des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), das weder demokratisch legitimiert ist, noch einen nachhaltigen Beitrag zur Völkerverständigung oder zum Frieden geleistet hätte. Vielmehr hat dieses Komitee ein intransparentes Eigenleben entwickelt und vielfach die eigenen so gern zur Schau gestellten hehren Regeln verletzt. Und die Spiele in Beijing sind nur der vorläufige und zweifellos traurige Schlusspunkt einer langen Phase von Heuchelei, Kungelei und Big Business.
Parallelen zum ersten Sündenfall der olympischen Bewegung, den Spielen 1936 in Nazi-Deutschland, drängen sich geradezu auf. In nie zuvor gekannter Perfektion und Ästhetik, verstanden es damals die Nazi-Größen unter Adolf Hitler, der Welt ein gigantisches Potemkinsches Dorf zu präsentieren und der olympische Grundidee ihres Gründers Pierre de Coubertin die Unschuld zu nehmen. Statt Sport als wichtigen Teil der Völkerverständigung unter dem Gedanken “Dabei sein ist Alles“ weiterzuentwickeln, setzten die Nazis ihre Propagandamaschinerie perfekt ein, um aufkeimende Gerüchte von Rassismus und Judenhass zu zerstreuen. So ist zum Beispiel der spektakuläre Fackellauf eine Erfindung der Nazis, dessen mediale Wirkungskraft seine Zielsetzung nie verfehlt und deshalb auch heute noch fester Bestandteil des “Festes der Völker“ ist. Die Welt kam als Gast, und auch schwarze US-Sportler fanden den Weg nach Berlin und gewannen dort - sehr zum Verdruss der Gastgeber - mehrere Goldmedaillen.
Tokio 1964 war der zweite Sündenfall. Denn während noch vier Jahre zuvor in Rom leichtgewichtige Leistungssportler wie Armin Hary, Wilma Rudolph oder Livio Berutti wie Gazellen über die rote Aschenbahn flogen, stampften in Tokio die neu gezüchteten, muskelbepackten Helden mit ihren getunten Körpern kraftvoll über die Rennbahn. Das Wort Doping nahm zwar noch keiner in den Mund, aber jeder, der sich ein wenig für den Leistungssport interessierte, wusste damals, dass eine neue Zeitrechnung angebrochen war. Denn die Muskeln der Sportler wuchsen, und zugleich hatten zahlreiche Sportlerinnen wegen ihrer männlichen Stimmlagen Sprechverbot, und deren Busen begannen nach und nach hinter den künstlichen Muskelbergen zu verschwinden.
Das schien das IOK und den 15-köpfigen Exekutivrat nicht sonderlich zu stören, solange die Fassade vom ehrenhaften Amateur der westlichen und vom Staatsamateur der sozialistischen Staaten aufrechterhalten werden konnte. Aber die politischen Krisen der 1970er und 1980er Jahre und mehr noch die interne Finanzierungskrise begannen, an der Daseinsberechtigung der Olympischen Spiele zu nagen. So boykottierten die afrikanischen Staaten die Spiele 1976 in Montreal, als das IOK sich weigerte, Neuseeland auszuladen, das Sportbeziehungen zum Apartheidregime Südafrikas pflegte. Und die Invasion der damaligen Sowjetunion in Afghanistan diente dem Westen im Kalten Krieg als willkommener Anlass, den ungeliebten Spielen 1980 in Moskau fernzubleiben. Die Retourkutsche des Ostblocks sollte nun Los Angeles 1984 treffen. Doch hatte das IOK bereits den Hebel zugunsten des internationalen Big Business umgelegt, und erstmals wurden die Spiele privat finanziert. So rettete sich zwar das IOK, hatte schließlich aber seine Seele, so es denn noch eine hatte, an das internationale Kapital verkauft und die Tür für die Profis einen Spalt geöffnet, die dann ab Seoul 1988 weit offen stand: Aus Sicht des IOK sicherlich ein lukratives Geschäft, denn die Medien dieser Welt brauchen Bilder, schöne Bilder, an Hochleistung orientierte Bilder und die großen Unternehmen weltumspannende Werbeplattformen. Ob mit oder ohne Doping, spielt dabei letztlich nur eine nachgeordnete Rolle, auch wenn immer wieder die Reinheit des Sports beschworen wird. Hauptsache, die Kasse stimmt.
Aber geht diese Rechnung auch diesmal auf? Finanziell bestimmt, aber sicherlich nicht politisch. So wie das IOK mit seiner Vergabepolitik wieder einen schweren strategischen Fehler gemacht hat, vergleichbar der Vergabe der Spiele an Berlin und Moskau, so gerät China nun endlich direkt ins Fadenkreuz massiver internationaler Kritik. Die Argumentationsbasis des Regimes in Beijing hinsichtlich der Strafmaßnahmen in Tibet und den umliegenden Provinzen mit starken Minderheiten ist dünn wie frisch gefrorenes Eis, und die chinesische Führung benötigt schon jetzt enorme Schützenhilfe vom stark diskreditierten IOK und ihrem Exekutivrat unter der Führung von Jacques Rogge, um die bevorstehenden Olympischen Spiele in der chinesischen Diktatur trotz des innenpolitischen Desasters schönzureden.
Die Spiele Nazi-Deutschlands lassen grüßen, möchte man meinen. Aber im Gegensatz zu 1936 schaut die Welt diesmal genauer hin, was im Reich der Mitte geschieht, und zwar schon vor den Spielen. So werden die Olympischen Spiele und das IOK endgültig entzaubert und der Weltöffentlichkeit gezeigt, welch unheilige, heuchlerische und menschenunwürdige Allianzen im Namen des Sportes geschmiedet werden, zugunsten des schnöden Mammon und einer Machtdemonstration der chinesischen Führungsclique. Für die Machthaber in Beijing geraten nun die ins gigantische aufgeblasenen Spiele mit all ihren Nebenwirkungen zu einem schmerzhaften Lernprozess, dessen Ergebnis noch nicht vorhersehbar ist. Aber die zum Teil scharfe Kritik von außen, gepaart mit katastrophalen Lebensverhältnissen von mindestens 700 Millionen Chinesen im Gastgeberland, wird in den nächsten Jahren einiges in Bewegung setzen und die Diskussion in den Chefetagen der politischen Führungsriege über den rechten Weg nähren. Zugleich entspricht die potemkinsche Supershow im August 2008 mehr einem Spiegelbild des heutigen China. Damit deutet sich an, dass das Reich der Mitte politisch, wirtschaftlich und kulturell noch sehr weit von der Weltspitze entfernt ist, obwohl die Führungsriege in Beijing glaubt, der Spitze mit Hilfe der Olympischen Spiele schon recht nahe gekommen zu sein.
Heinrich Bergstresser