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19. Februar 2009

17 Hippies kopieren die Allüren von Weltstars - ein mediales Ärgernis im Admiralspalast
Konzertbeginn 17 Hippies im Admiralspalast Foto: BERND LAMMEL

Foto: BERND LAMMEL-Admiralspalast|Konzert 17 Hippies

Die 17 Hippies kommen in die Stadt. Und da ist sie. Die Erinnerung an den Film Halbe Treppe von Andreas Dresen. Der phantastische Axel Prahl und die 17 Hippies hatten dem Film diese Authentizität gegeben. Seitdem glaubte ich, die müssen echt sein und richtig am Leben dran. So sympathisch die Musik. Und dann war da unser Defizit im Medienmagazin. Seit fünf Jahren am Markt, hatten wir erst zweimal über das Medium Musik berichtet. Musik und Fotografie haben ein inniges Verhältnis. Bei den 17 Hippies würde das garantiert harmonieren. Da waren wir uns in der Redaktionskonferenz einig. Mimik, Gestik, sparsames Licht und die Schweißperlen auf der Stirn des Geigers bei der Zugabe. Diese Musikstile aus aller Welt würden unsere Leser assoziieren – auch ohne Tonfilm. Unsere Leser haben schließlich Phantasie. Im Seitenplan sah ich schon eine tolle Doppelseite in der Rubrik „Medien im Foto“ – die 17 Hippies im Admiralspalast! Auf den freundlichen Kontakt mit den Hausherren im Admiralspalast folgte die Ernüchterung am Abend.

Personal, das vorgab, die 17 Hippies zu vertreten, gab die Spielregeln bekannt: „Fotografieren – nur die ersten drei Titel“. Und mit Gönnermiene folgte der Hinweis: „Es ist sogar Blitzlicht erlaubt.“. Ich war weit und breit der einzige Fotojournalist. Ehrlich gesagt, war ich über das mangelnde Interesse meiner Zunft schon etwas erstaunt. Bestimmt waren die KollegInnen klüger gewesen, hatten sich vorher über die Bedingungen informiert und sind gar nicht erst gekommen. Aber warum dann solch unsinnige Reglements? Hier war ich doch nicht am Parcour der Eitelkeit oder dem roten Teppich der Berlinale, oder? Ich gab zu bedenken, dass die Musiker sich in den ersten drei Titeln noch gar nicht richtig warm gespielt hätten und dann gäbe es in einem so emotionalen Genre auch noch gar nichts zu fotografieren. Ich wäre eher auf die Zugaben und Interaktionen mit dem Publikum gespannt. Aber da könne man partout nichts machen, musste ich erfahren. Anweisung vom Management und ich müsse akzeptieren, das sei „international so üblich“. Eine halbe Stunde verzögert begann das Konzert, und wie erwartet, waren die optischen Eindrücke am Anfang eher als behäbig zu bezeichnen.

Im Admiralspalast: Warten auf Begeisterung bei Titel zwei | Foto: BERND LAMMEL

Im Admiralspalast: Warten auf Begeisterung bei Titel zwei Foto: BERND LAMMEL

Nach drei Titeln packte ich die Kamera ein und wusste, dass ich das erwartete Bild nicht hatte. Schon fünf Titel später schoben sich auf der Bühne die Bilder zusammen, die das Herz eines Bildredakteurs hätten höher schlagen lassen. Konzertbesucher hielten ihre Fotohandys, Digicams und kleinen Videokameras in die Höhe und zeichneten auf, was sich ihren Augen und Ohren bot… Ich ging nach Hause und erinnerte mich, was ich auf der Website der 17 Hippies gelesen hatte: „…2008 betouren wir 10 Länder, nehmen unser neues Album El Dorado auf und haben gemeinsame Auftritte in Berlin und Dortmund … Was kann jetzt eigentlich noch alles kommen?“ Ja, was? Was immer nach dem Hochmut des Managments kommt…

Bei Titel drei: ganz vorsichtig ans Publikum ran Foto: BERND LAMMEL

Hippies gehen bei Titel drei ganz vorsichtig ans Publikum ran Foto: BERND LAMMEL

Mein Heimweg ist nicht kurz und mir fielen noch viele Vorschläge für die Kommunikationsexperten aller Branchen ein. Im Bundestag sollte man nur noch die ersten drei Politiker fotografieren und filmen lassen, auf der Messe Berlin nur noch die ersten drei Aussteller. Auf der Berlinale nur noch die ersten drei Filmstars. Was ist schon Hollywood? Die Sportschau sollte besser nur noch die ersten drei Spielminuten der Bundesliga übertragen. Das reicht doch, oder? Und ehe ich es vergesse: Konzertkritiker sollten auch nur noch während der ersten drei Titel anwesend sein. Danach kann ihnen das Managment gleich noch die fertige Rezension in die Hand drücken! Noch besser: alles zum Download – Bilder und Texte - persönliches Erscheinen ist nicht mehr nötig. Wäre ein toller Service und die Redaktionen könnten in der Krise so richtig sparen. In anderen Ländern nennt man das Zensur.

Kommentar oder Leserbrief

Torsten K. aus 41460 Neuss schrieb am 19.02. um 12:07

“Mittlerweile hört man derartige Lustigkeiten aus allen möglichen Ecken. So macht weder das Arbeiten Spaß noch das Lesen der daraus resultierenden Artikel mit den zwangsläufig immer gleichen Bildern.”

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Lars Reimann, Fotojournalist aus 10115 Berlin schrieb am 19.02.2009 um 11:06 Uhr

“…die Regelung ist ja nicht neu, ich habe es auch schon erlebt, daß auf dem Fotopass stand: die ersten 0 Lieder, was meinte, den Künstler vom Betreten der Bühne bis zur Ankunft am Klavier fotografieren zu dürfen. Das ergab satte 15 Sekunden. Deine Kritik halte ich für absolut gerechtfertigt. Klinische Fotos, die so entstehen, schaden auch meiner Meinung nach, dem Künstler eher als daß sie ihn durch das Zeigen seines Einsatzes sympathisch erscheinen ließen…Manchmal denke ich, daß sich das Management mit solch unsinnigen Restriktionen, die völlig kontraproduktiv sind, die eigene Existenzberechtigung verschaffen will…”
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Marco Urban, Fotojournalist aus Berlin schrieb am 19.02.2009 um 12:03 Uhr

Ich habe schon früher mal vorgeschlagen, ein Gespräch mit der Musik-Industrie zu führen, das hat ja keinen Sinn, sich vor Ort zu beklagen. … Grundsätzlich denke ich aber, dass man so etwas bewegen könnte. Man müsste noch die Nachrichtenagenturen ins Boot holen und dann ein Round-table mit Verantwortlichen der ewig jammernden Musik-Industrie.

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Christian Strupp, Fotodesigner aus Dortmund schrieb am 19.02.2009 um 12:02 Uhr

Moin,
ich hatte mal eine Beratung durch Dr. Martina Mettner. Sie sagte sinngemäß: “Vergessen Sie Musiker-Fotografie. Die Musiker, an die Sie rankommen, haben kein Geld. Die Labels glauben, sie hätten auch kein Geld. Wenn Sie an die Musiker rankommen, die Geld haben, machen Sie wieder Werbefotografie nach Layout der Agentur. Wollen Sie das? Fotografieren Sie Konzerte nur, wenn Sie dafür bezahlt werden. Sonst dürfen Sie bei schlechtem Licht die ersten drei Titel fotografieren und sich dabei vor der Bühne mit 40 Edelamateuren rumschubsen, die die gleiche Ausrüstung haben.” … Der Rat hat mir viel Zeit und Geld gespart.

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Joerg P. Bongartz, Fotojournalist aus 77815 Buehl / Baden schrieb am 19.02.2009 um 12:17 Uhr

…ich kenne das auch so und das ist im Prinzip seit Jahren Usus, wenn Du nicht für die Band fotografierst. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, dass ein Musiker aus London, der einstmal viel Erfolg mit einem Lied über eine deutsche Zechenstadt hatte, bei einem Konzert mit englischen Verträgen auftauchte, in denen die Veröffentlichungen aufgeführt werden sollten und noch einige andere etwas merkwürdige Bestimmungen über die Nutzung des Bildmaterials drinnestanden. Das war Ende der 90er Jahre…
Ausserdem bestand das Management einer bedeutenden deutschsprachigen Streichinstrumentalistin darauf, die Bilder freigeben zu wollen, die ich und ein Kollege für ein Konzerthaus als Pressebilder während eines Konzertes machten. … aber ich denke, das ist auch heute nicht anders…. Nach dem dritten Lied war im Graben Feierabend mit Foto… Fernseh ging immer. …
Oft genug ist es leider das Management oder sind es irgendwelche Pressesprecher, die sich aufplustern und wichtig tun wollen. …
Ja, der liebe Gott hat einen großen Tierpark… ;-))

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Dominique Leppin, freier Fotograf aus 38122 Braunschweig schrieb am 19.02.2009 um 12:49 Uhr

Das geht noch besser! Herbert Grönemeyer hat letztes Jahr an einem Open-Air teilgenommen, bei dem ich war. Klare Anweisungen von den Sicherheitsgurus vorne weg: NUR VON DER RECHTEN SEITE FOTOGRAFIEREN!! Wir suchten vergeblich die Ursachen: Narben, Schönheits-OP, krumme Nase oder so ;-)
Demnächst müssen sich alle Fotografen vor dem Künstler oder deren Management in tiefer Ehrfurcht verneigen ob der grossen Gnade die ihnen zu Teil wurde, Fotos vom erlauchten Event zu machen.
Da nehme ich lieber meine Kamera, lege eine CD ein und waehrend der ersten drei Lieder fotografiere ich meine Kids. Da habe ich mehr Ausbeute, meine Frau und ich freuen uns :-)
Gut Licht in die Republik

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Thomas Rosenthal, freier Fotograf in Berlin und Kassel schrieb am 19.02.2009 um 14:49 Uhr

…die ganz große Farce, die man heute von solchen Mustermanagern zurechtkonstruiert bekommt, nahm schon vor locker 25 Jahren Ihren Anfang. Ich entsinne mich da noch an paradiesische Zeiten, wo ich als noch blutiger Amateur ganze Riesen-Fototaschen völlig unkontrolliert durch die Einlässe bekam und von sonstwo und solange ich mochte aus dem Zuschauerraum fotografieren konnte. …
Keine 5 Jahre später, inzwischen hier und da offiziell beauftragt und nicht mehr allein zum Spaß dort, wurde … der Verbleib mit Kamera über die ersten 3 Stücke hinaus verboten, “weil das den Künstler und die Show stört”. Ich habe auch schon folgendes in der Berliner Waldbühne erlebt - Rolling Stones
‘98: Ansage an den Fotografenpulk war: “keine Fotos, solange die Stones nicht auf der Bühne stehen”. Die Bühne war noch leer und ein Kollege wagte es, sich aus dem Graben zum Zuschauerraum zu drehen und ne imposante Totale des Publikums zu fotografieren. Es dauerte keine 10 Sekunden und ein Muskelpaket mit Ich-Bin-Wichtig-Anhänger hat ihn mitsamt Fotoausrüstung am Kragen aus dem Graben und Bühnenbereich nach draußen gezerrt. Was hat diese faschistoide Nummer noch zB. mit Nutzungsrechtsblabla zu tun???
…Nicht erst seit Bohlen und Klum ist das Bühnenleben zur reinen Prostitution für die “freie Presse” verkommen. Hier wurde die letzten 20 Jahre systematisch an allen Hebeln gedreht, die komplette Medienwelt auch noch in die Taschen der Manager arbeiten zu lassen - die Künstler wissen ja meistens selbst nix von den Aktionen um Verträge und Restriktionen. Die gucken nur, ob am Ende genug Kohle aufs Konto tröpfelt und denken sich: ach wie schön, dass ich mit Musik meinen Lebensunterhalt verdienen kann…
Und ist die Tour (mit vorab breit gestreutem, von eigenen Knipsern vorproduziertem PR-Material) schon Monate vorab ausverkauft, dann ist das bisschen Presse mit der Nachberichterstattung nur ein lästiger Furz im Winde. Selbst nach dem Robbie-William-Boykott hatten nur die wenigsten Blätter weiße Flächen auf der Seite. Die meisten Speichelleckerblätter haben dann eben ein altes Archivbild oder gleich nochmal das PR-Foto von vorher genommen. … das ist eigentlich ne verkappte Kaffeefahrt und anstelle der Rheumadecken und Topfsets, kaufen die Fans eben noch T-Shirts, Bücher, Mützen, Poster, Klingeltöne…achja…und auch Platten/mp3s und so. Wer also solche Knebelverträge mit Schutz vor verbotenem Merchandising rechtfertigt, ist eiskalter Heuchler und vertickert auch noch die eigene Mutter ans Showbiz, wenn er daran mitverdienen darf. Und die lassen sich bestimmt nicht von entgegengehaltenen Paragraphen des deutschen Urheberrechts beeindrucken. Die verlieren nicht einen Cent vom Geschäft, wenn dann mal von AP, DPA & Co. 3 Bilder weniger gedruckt werden. Also: der Zug ist längst abgefahren und Ich habe das Gejammer schon vor Jahren aufgegeben und nehme die Knipse höchstens noch zu kleinen Clubkonzerten und reinem Spaß mit. Da hat man auch noch persönlichen Kontakt zum Künstler, so ganz OHNE Businesskasper dazwischen. Jeder der meint, für ein paar lausige Euro noch zur Security-Bespaßung im Graben vor der Bühne beitragen zu müssen, der ist - mit verlaub - selbst Schuld… ;o)
Gute Jobs und einen allseits aufrechten Gang jenseits der 3-Stücke- Zone wünscht allen Fotografen der Thomas
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Vielen Dank für die zahlreichen Reaktionen! Ein Kollege schickte einen interessanten Link zum stern , wo die Situation auch ganz anschaulich beschrieben wird.

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Aktuelles Heft Nr. 3-2010
Titelthema:
Europa

Titelbild: NDR/Pro7, Willi Weber







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