23. Juni 2009
Medienforum: Die Demokatie braucht die Presse
Bundestagspräsident Prof. Dr. Nobert Lammert hat ein eindeutiges Bekenntnis zur Tageszeitung abgelegt. Das Internet könne und dürfe die Zeitung nicht verdrängen, betonte der CDU-Politiker beim Internationalen Printkongress im Rahmen des 21. medienforum.nrw. Die Zeitung sei als Leitmedium in der Demokratie unverzichtbar. „Das Internet ist da, wo es sorgfältig ist, eher lexikalisch als analytisch“, sagte Lammert. Bei der Tageszeitung sei das umgekehrt. In den elektronischen Medien verdränge das Unterhaltsame zunehmend die analytische politische Berichterstattung, kritisierte der Bundestagspräsident. Effektvolle Schlagzeilen, Personalisierung und Schnelligkeit seien wichtiger als inhaltlicher Tiefgang. Gleichzeitig „diktieren die elektronischen Medien immer mehr die Geschäftsbedingungen der Printmedien“, sagte Lammert. Die alte Regel, wonach eine Nachricht erst veröffentlicht werden dürfe, wenn sie von zwei Quellen bestätigt worden sei, gelte offenbar nicht mehr. Das habe „verheerende Folgen für die Qualität“, erklärte Lammert.
Der Politiker gab zu bedenken, dass sich mit der zunehmenden Nutzung des Internet auch das Kommunikationsverhalten der Menschen dramatisch verändere. „Das hat Folgen für das zukünftige Urteilsvermögen der deutschen Bevölkerung“, sagte Lammert. Er warnte davor, die Produktionsbedingungen des Internet auf die Tageszeitungen zu übertragen. Bei Printprodukten sei inhaltlicher Tiefgang wichtiger als Schnelligkeit. „Ich wünsche mir starke Medien, auch und gerade aus politischem Interesse.“
Die enorme gesellschaftliche Bedeutung der Tageszeitung machte auch Andreas Krautscheid deutlich. „Wenn Zeitungen eingestellt werden, dann verliert die Bevölkerung mehr als ein Medium“, sagte der Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Zeitung genieße bei den Menschen nach wie vor die größte Glaubwürdigkeit. Das habe eine aktuelle Umfrage der Landesregierung ergeben.
Prophezeiungen, die Tageszeitung sei dem Tod geweiht, halten sowohl Lammert als auch Krautscheid für „voreilig“. In dieser Einschätzung stimmten ihnen die Verleger auf dem Podium einhellig zu. Angesichts einbrechender Anzeigenerlöse, rückläufiger Abonnentenzahlen und noch nicht abzuschätzender Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftskrise machten sie jedoch deutlich, dass die Überlebensfähigkeit von Printprodukten nur mit neuen Strategien gesichert werden könne.
Martin Kall, Geschäftsführer von Tamedia (Zürich), setzt dabei vor allem auf Investitionen. 1987 habe sein Verlag eine neue Sonntagszeitung aufgebaut, zehn Jahre später habe sie erstmals Gewinne erwirtschaftet. Über die Gratiszeitung „20 Minuten“ sei es Tamedia gelun-gen, junge Leser anzusprechen. Sie habe mittlerweile eine Auflage von 800.000 Exemplaren erreicht. Dass dieses kostenlose Angebot zulasten der Kaufzeitungen gehe, sei bisher nicht zu beobachten. „Mir ist ein Gratiszeitungsleser lieber als gar kein Leser“, betonte Kall. Er riet anderen Verlagen, vor allem in den Journalismus zu investieren: „Wir können uns das Heruntersparen der Redaktionen nicht leisten.“
Auf Qualität setzen, das ist auch das Erfolgsrezept der Tageszeitung Der Standard in Wien. „Wir berichten unabhängig, fair und auf Augenhöhe mit den Lesern“, skizzierte Gründer und Herausgeber Oscar Bronner seine Strategie. „Je mehr gute Journalisten mir zur Verfügung stehen, desto mehr guten Journalismus kann ich produzieren“, betonte er. Es sei unablässig, auch jüngere Leser mit der kompletten Zeitung anzusprechen. Der Standard verzeichnet leicht steigende Auflagen – auch bei jüngeren Lesern. Die Liebe zur tiefgründigen Berichterstattung sei den Zeitungen in den vergangenen zehn bis 15 Jahren verloren gegangen, beklagte der Berater Allan Marshall, Principal iMedia Advisory Services Ltd. Der Journalismus müsse zurück zu seinen Wurzeln und sich wieder auf die Stärke der analytischen Berichterstattung besinnen. Dabei sei es unerheblich, über welchen Kanal die Inhalte dem Nutzer zur Verfügung gestellt würden. Für seinen Verlag kündigte Marshall an, die Inhalte der Print-Redaktionen noch stärker mit den digitalen Angeboten zu verknüpfen. Vor allem das Handy werde in dieser Hinsicht noch für Furore sorgen, kündigte er an.
Mehr Qualität bei geringeren Kosten, das will auch die WAZ-Mediengruppe erreichen. Sie hat für drei ihrer vier Ruhrgebietstitel eine Gemeinschaftsredaktion gegründet, die den einzelnen Blättern in der überregionalen Berichterstattung zuarbeitet. Dies geschehe, ohne inhaltlichen „Einheitsbrei“ zu erzeugen, versicherte Geschäftsführer Christian Nienhaus. Er sagte voraus, die Auflagen der Zeitungen würden weiter sinken und die Anzeigen „wohl nicht zurückkommen“. Daher sei es dringend erforderlich, die Mittel effizienter einzusetzen.
Die Krise sei jedoch für Verleger auch eine Chance, betonte Clemens Bauer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Mediengruppe Rheinische Post und Vorstandsvorsitzender des Zeitungsverlegerverbandes Nordrhein-Westfalen. In den USA hätten viele Zeitungshäuser den Fehler gemacht, notwendige Investitionen hinauszuschieben und allein auf möglichst hohe Renditen zu setzen. „Das sind keine Vorbilder für Deutschland“, sagte Bauer. Ebenso wie Nienhaus appellierte er an die Verlage, die regionale Verwurzelung der Zeitungen zu stärken. „Zeitungen müssen sich auch inhaltlich verändern“, erläuterte Bauer. „Sie werden in Zukunft weniger nachrichtenlastig, sondern hintergründiger berichten.“ Informationen sam-meln und verbreiten – das sei seit jeher die Stärke der Zeitungen, auf die sie sich nun wieder besinnen müssten, forderte Bauer: „Wir dürfen nicht warten, bis Google uns hier das Wasser abgräbt.“




