1. Juli 2009
Noch 4. Gewalt? Verleger rufen nach dem Staat
Wenn es nach dem Willen der Zeitungsverleger geht, soll gefälligst der Staat das Internet überwachen. Natürlich nur, um “ungerechtfertigte Nutzung von Inhalten” zu unterbinden. Konkret geht es um eine Einschränkung des Zitatrechts. “Nicht der “Qualitätsjournalismus” ist wichtig für die Demokratie, sondern die Existenz einer freien Presse. Die Presse ist aber nur frei, wenn sie von staatlichen Einflüssen unabhängig bleibt. Doch genau das lehnen Zeitungsverleger jetzt ab: Sie rufen nach dem Staat,” schreibt Anja Seeliger auf Perlentaucher.de. Die Autorin beschäftigt sich in ihrem Beitrag ausführlich mit dem Verhältnis der Verlage zu den neuen Möglichkeiten des Internets. Insbesondere geht es den Verlagen um einen erweiterten Schutz ihrer Inhalte. “Ein Leistungsschutzrecht für Verlage bedeutet, dass Verlage künftig auch ohne Einverständnis ihrer Autoren - ja sogar gegen den Willen ihrer Autoren - Zitate aus Artikeln in ihren Zeitungen schützen und damit kostenpflichtig machen können…. Nicht für die Verbreitung ganzer Texte, das ist heute schon illegal, sondern für Zitate!” Das würde bedeuten, dass die Verlage zum “Schutz” ihrer(?) Artikel einen weitreichenden Eingriff in das Zitatrecht erhielten und Internetblogs oder Internetpresseschauen staatlich überwacht werden müssten, um “Ansprüche” der Verlage gegebenenfalls durchzusetzen. “Gegründet werden soll eine “Verwertungsgesellschaft der Verlage. Eine Gema für Onlinetexte, die im Netz nach illegaler Nutzung fahndet - und fällige Gebühren eintreibt,” so die FTD. “Google dürfte keine Überschriften mehr zitieren ohne zu bezahlen. Und Leser - oder ihre Kinder - die im Netz zum Beispiel in Kommentaren aus Zeitungsartikeln zitieren, werden künftig ebenfalls von den Verlagen zur Kasse gebeten. Ob zu Recht, kann man dann vor Gericht mit den Anwälten der FAZ ausfechten. Gegen den Perlentaucher führen FAZ und SZ seit Jahren einen Prozess wegen seiner Berichterstattung über ihre Berichterstattung,” so Anja Seeliger. Besucht man die einschägigen Online-Auftritte der Printmedien, kann man leider ganz schnell feststellen, dass die Medienhäuser den Sinn des Internets wahrscheinlich noch gar nicht begriffen haben. Die Medienseiten der Verlage stehen im Netz als elektronische Wandzeitung, als Kurzform der gedruckten Presse. Es wird zwar auch zitiert, aber es fehlen grundsätzlich die entscheidenden Links zu den Quellen. Somit übernehmen es die Blogs, zu zeigen (so auch der Blog von “Berliner Journalisten” ) wie mittels Zitat und mit Links versehen eine internet- und damit zeitgemäße Übersicht über die Widerspiegelung des Zeitgeschehens in den Medien möglich ist. Wohlgemerkt: in den Medien. Der Leser von heute möchte nicht nur eine Meinung lesen, sondern sich mittels Mausklick eine Übersicht über die Vielfalt der Meinungen schaffen. Die “Wandzeitungen” der Verlage sind dazu offensichtlich nicht in der Lage. Wird zum Beispiel über die Arbeitslosenzahlen berichtet, fehlen Links zur Quelle Bundesagentur, es fehlen auch Links zu kritischen Kommentaren oder Stellungnahmen von beispielsweise Verbänden, um nur ein Beispiel zu nennen. Ist die Presse wirklich noch die 4. Gewalt? Dazu noch einmal Anja Seeliger: “In Sachen Berichterstattung über das Internet ist die Presse weithin keine vierte Gewalt mehr, sondern ein Lobbyist, der sich unter dem Deckmantel des Journalismus dem Staat andient.” Und weiter: “Die Verlage scheinen sich ganz sicher zu sein, dass die staatliche Überwachungsmaßnahmen, die sie zur Sicherung ihrer Profite fordern, nie sie selbst betreffen werden. Wie nah müssen sie sich der Regierung fühlen. In eigener Sache haben die einstigen Kontrolleure von Parlament, Verwaltung und Rechtsprechung ihren Anspruch aufgegeben, vierte Gewalt zu sein. Die vierte Gewalt ist jetzt im Netz.”
Meedia.de lässt die Chefs der Online-Portale zu Wort kommen, die Meinung von Hubert Burda lesen Sie auf FAZ.Net und Google-Vize Drummond blickt optimistisch in die Zukunft von Print. Matthias Schwenk meint auf carta.info: “Hubert Burda … unterstellt den Suchmaschinen, sie würden Verlagsangebote “umgehen”. Deshalb müsse der Gesetzgeber durchsetzen, dass Verlage in Suchmaschinen nach “objektiven und nachvollziehbaren Kriterien” gefunden werden können. Zudem müssten sie an den Erlösen (also am Umsatz, nicht am Gewinn!) der Suchmaschinen partizipieren. Dass ein Mann wie Hubert Burda sich dazu hergibt, einen solchen Unsinn zu fordern, ist schon erstaunlich. Diese Forderungen zeigen aber auch, dass unsere Verlage praktisch immer noch nichts von der Funktionsweise einer Suchmaschine verstehen….Gegen Google helfen keine Gesetze. Google muss man mit seinen eigenen Waffen schlagen. Warum also nicht dort ein paar gute Leute abwerben? Heute noch sind viele Verlage voll von Redakteuren und Managern, die das Internet nicht verstehen und es auch nicht verstehen wollen. Diesen Augias-Stall sollten sie ausmisten, Herr Burda! Schaffen Sie rigoros Platz für neue Leute und holen Sie sich diese anfangs von Google, Facebook, Amazon und Twitter.”





