Das Goethe-Institut Sao Paulos veranstaltete im August vier Tage lang in der städtischen Rechtsfakultät ein hochkarätiges, brisantes Expertenseminar mit Marianne Birthler über Vergangenheitsbewältigung. Führende Menschenrechtsaktivisten aus ganz Lateinamerika debattieren indessen vor leerem Saal - von rund 1000 Plätzen sind stets nur zwischen 20 und 50 besetzt. Brasiliens Medien berichten nichts, obwohl zahlreiche unbekannte Details der kaum aufgearbeiteten Diktaturvergangenheit zur Sprache kommen. Beispiel Ivan Seixas: Der frühere politische Gefangene, heute Präsident des Menschenrechtsrates im Teilstaat Sao Paulo sowie Leiter einer Gedenkstätte des Widerstands gegen die Militärdiktatur, des “Memorial da Resistencia”, erklärt auf dem Expertenseminar, daß Instrukteure der Bundesrepublik Deutschland in den siebziger Jahren eine Foltertechnologie, den sogenannten “Eisschrank”, nach Brasilien gebracht hätten:”Es handelt sich dabei um einen geschlossenen, völlig dunklen Raum, in dem sehr tiefe rasch mit sehr hohen Temperaturen wechseln, alles begleitet von sehr hohen, schrillen Tönen. Die gefolterte Person kann wegen dieser Einwirkungen das Bewußtsein verlieren, wird dann aber plötzlich in einen extrem hellen Raum geführt. Diese Foltertechnologie wurde von deutscher Seite etwa vom Jahr 1971 an nach Brasilien gebracht. Es gab Folterinstrukteure der CIA aus den USA, ferner aus Großbritannien, Frankreich und eben auch aus der Bundesrepublik Deutschland.
Wir schrieben am 16.1.2009 über die Ungenauigkeit von Wahlprognosen: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ (zugeschrieben Karl Valentin, Mark Twain, Winston Churchill u.a.) Dieses Bonmot beschreibt recht gut die Qualität der Meinungsumfragen zu den bevorstehen Wahlen im Superwahljahr 2009. Trotzdem überbieten sich die Medien regelmäßig mit immer neuen Vorhersagen. weiterlesen…
Bei Schlämmer ist eigentlich alles übertrieben, aber Übertreibungen haben einen Vorteil: Sie machen deutlich. Und es ist einiges deutlich zu machen, zum Beispiel, warum Politiker nicht viel sagen und die Presse nicht viel zu berichten hat. Das erklärt dann unter anderem, warum immer weniger Menschen zur Wahl gehen und immer weniger Menschen Zeitungen lesen. Watergate wäre in Deutschland heute aus dem Grunde unnötig, weil die Konkurrenz auch nicht mehr weiss als man selbst und die eine Redaktion so wenig investigativ ist wie die andere. All das kommt in der Persiflage von Hape Kerkeling wunderbar zum Ausdruck. weiterlesen…
Repräsentanten der ARD beschwören bei öffentlichen Auftritten den föderalen Senderverbund gern als “große Familie”. Den Familiensinn hatte Doris J. Heinze, die Leiterin der Fernsehfilmabteilung des Norddeutschen Rundfunks (NDR), zu wörtlich genommen. Über viele Jahre beschäftigte sie unter dem Namen Niklas Becker ein Phantom, hinter dem der eigene Ehemann steckte. Für den NDR holte sie bis dahin jede Menge Meriten und war “eine Art Ikone des Fernsehspiels”, wie sie die Süddeutsche Zeitung bezeichnete, die den Fall Niklas Becker öffentlich machte. Heinze zeichnete pikanterweise für die Tatort und Polizeiruf 110 Serien verantwortlich bis sie vom Dienst suspendiert wurde. Ein Dutzend ARD-Fernsehfilme aus dem Programm der ARD und N3 gingen pro Jahr über ihren Schreibtisch. Sie war unter Stars wie Veronica Ferres oder Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler zu Hause.
Mit jedem neuen Korruptionsskandal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bröckelt aufs Neue eine Erklärung aus dem Jahr 2005, die der damalige ARD-Programmdirektor Günter Struve abgab. Er hatte das Marienhof-Debakel und den damit verbundenen Skandal um product placement als bedauerlichen Einzelfall deklariert. Zehn Jahre lang wollte niemand in der ARD gemerkt haben, was da gegen öffentlich-rechtliche Prinzipien lief und in wessen Taschen Geld floss. Sportchefs von HR und MDR mit zu viel Eigennutz, Distanzlosigkeit zum Profi-Radsport, Auskunftsunwillen beim WDR und nun eine gefakte Drehbuchautoren-Biographie? Auf welchem Nährboden können solche Fehlentwicklungen gedeihen? weiterlesen…
27. August 2009
Tagesspiegel: Hilft der MDR der CDU vor den Wahlen?
Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hat sein Fernsehprogramm für den heutigen Donnerstag geändert. Die Ratgebersendung „Escher“ wird statt um 20 Uhr 15 eine Viertelstunde später um 20 Uhr 30 beginnen. Grund dafür ist ein Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Thema „Wie weiter im Osten?“, berichtet der Tagesspiegel. Im Blog carta.info schreibt Heiko Hilker von einem Althaus Malus und Merkel-Bonus. „Kein anderer Sender präsentiert so kurz vor den Landtagswahlen einen Spitzenpolitiker einer Partei exklusiv im Interview….Wer so kurzfristig das Programm ändert, kann nur einen Grund haben: er will die Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen beeinflussen. Intendant Prof. Udo Reiter wäre gut beraten, die Programmänderung zurückzunehmen und so dafür zu sorgen, dass der MDR sich auch in Wahlkampfzeiten an den Staatsvertrag hält.“
Der Althaus CDU in Thüringen scheint das Wasser bis zum Halse zu stehen. Jetzt sollen sogar Journalisten getäuscht worden sein. Dass der rechtskräftig wegen fahrlässiger Tötung verurteilte Ministerpräsident Althaus trotz seiner Vorstrafe wieder zur Wahl antritt ist eigentlich mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass wegen des Benutzen eines Dienstwagens im Urlaub eine Ministerin zurücktreten sollte. weiterlesen…
Unter der Überschrift: “Sind Zeitungen systemrelevant” veröffentlichen die Blätter für deutsche und inernationale Politik einen Beitrag von Heribert Prantl, den wir unseren Lesern empfehlen möchten.
In zweiter Instanz sind die Macher der Web-Site “Hartplatzhelden” gegen den Württembergischen Fußballverband vor dem OLG-Stuttgart unterlegen. Das Gericht befand, dass der Verband aufgrund der Erbringung von organisatorischen Leistungen das Recht habe, Foto- und Filmaufnahmen auch von Amateurfußballspielen auf der Seite “Hartplatzhelden” nicht zu dulden. Obwohl das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, die Sache liegt zur Entscheidung beim BGH, meinen andere Landesverbände des runden Leders sich auf das Urteil berufen zu können. weiterlesen…
24. August 2009
Tagesspiegel: Langweiliger Wahlkampf?
Abgelegt unter: Medien, Politik | Richard Schnabl um 22:54
Die Kanzlerin duckt sich weg, der Vizekanzler meint zwar “er kann Kanzler”, Kanzlerkandidat kann er aber nicht. Trotzdem ist der Wahlkampf nicht langweilig, meint Malte Lehming im Tagesspiegel, denn “die Republik (steuert) auf einen spannenden Endspurt zu. Eine historisch tiefengeschärfte Koalitionsdebatte bahnt sich an. Ausgang offen….Rot-Rot-Grün contra Schwarz-Gelb….Am Ende lautet die Frage: Was ist weniger appetitlich? Eine Koalition mit den geistigen Erben von Mauerbau und Stacheldraht, wo die DDR seit 20 Jahren der Vergangenheit angehört? Oder ein Bündnis mit den geistigen Erben der größten Finanz- und Wirtschaftskrise in der deutschen Geschichte, deren volle Folgen noch nicht in der Gegenwart angekommen sind? Diese Alternative markiert, worum es im Kern am 27. September geht. Das ist alles andere als langweilig.”
Die so genannten Achtundsechziger wollen nicht mit Springer-Chef Mathias Döpfner über die Vergangenheit diskutieren. „Die maßgeblichen Akteure der 68er-Bewegung haben unser Gesprächsangebot leider zurückgewiesen“, erklärt Döpfner. Er sprach von einer “kläglichen Verweigerungshaltung”, wollte er doch “ausdrücklich auch die journalistischen Fehler, die unser Haus damals gemacht hat” zur Sprache bringen. weiterlesen…
Reporter ohne Grenzen verurteilt Mord an afghanischen Journalisten
Abgelegt unter: Pressefreiheit | Richard Schnabl um 19:15
Reporter ohne Grenzen (ROG) verurteilt die Ermordung des afghanischen Journalisten Dschanullah Haschimsada am 24. August in der Nähe der Stadt Jamrud in der Khyber-Stammesregion im Nordwesten Pakistans. Der 37-Jährige wurde erschossen als Unbekannte das Feuer auf einen Kleinbus, in dem er saß, eröffneten. weiterlesen…
23. August 2009
Buchempfehlung: Peter Bofinger - Ist der Markt noch zu retten?
Abgelegt unter: Lektüretipp | Richard Schnabl um 23:24
Peter Bofinger (55) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Seit März 2004 ist er Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Fünf Wirtschaftsweisen). Sein soeben erschienenes Buch beleuchtet die Hintergründe der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise, seine Ursachen und das Versagen der Politik. weiterlesen…
” Die geplante und weitgehende Fusion der Redaktionen von Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung ist zunächst auch verschoben. Das werden die wichtigsten Informationen sein, die die Mitarbeiter der Berliner Zeitung hören wollen, wenn die neuen Chefs aus dem Rheinland das neuerworbene Blatt morgen inspizieren werden.” So hieß es noch am 23.März 2009. Jetzt wurden erste Fusionspläne bekannt. weiterlesen…
Wenn es geschäftlich nicht mehr so läuft, soll der Staat es richten. Dass das ZDF ein Satellitenprogramm ausstrahlen will (wir berichteten), welches sich an junge Familien richtet, lässt RTL Sprecher Tobias Schmid in der FAZ bemerken, das sei ein “politische Fehlentscheidung”. weiterlesen…
20. August 2009
Markwort will sich den Focus nicht madig machen lassen
10-Jahre Focus 2003 - Da war die Welt noch in Ordnung - Nun sind die fetten Jahre vorbei! ……………..Foto:R.Schnabl
So kann es wohl nicht weitergehen. Deutschlands “modernes Nachrichtenmagazin”, 1993 von Helmut Markwort gegründet um den damals noch etwas kämpferischen Spiegel ein Infomagazin (Leitspruch: Fakten,Fakten,Fakten) entgegenzusetzen, dass auf das Häppcheninformationsbedürfnis einer börsenaffinen Yuppiegeneration abzielte, ist in die Jahre gekommen und wirkt auf einmal ganz schön altbacken, sind die goldenen Zeiten an den Börsen doch vorbei. weiterlesen…
19. August 2009
ZDF_neo: Digitalkanal für junge Familien
Abgelegt unter: Fernsehen, Medien | Richard Schnabl um 23:20
“Am 1. November 2009 geht der neue Zielgruppenkanal des ZDF an den Start. Jetzt hat das jüngste Kind der ZDF-Familie auch einen Namen: ZDFneo”, so der ZDF-Infotext. Der “ZDF-Infokanal” wird eingestellt.
“Der neue Kanal will mit einem Programmkonzept überzeugen, das sich an der Lebenswelt junger Familien und den Nutzungsgewohnheiten der Zuschauer zwischen 25 und 49 Jahren orientiert. weiterlesen…
Dass wir als Medienmagazin den Medienmarkt kritisch beobachten, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Für die Medien sollte es auch eine Selbstverständlichkeit sein, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. Stattdessen beobachten wir einen publizistischen Niedergang ohne Beispiel. Das soeben bei Droemer erschienene Buch “Meinungsmache - Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen” des Nationalökonomen Albrecht Müller beleuchtet auch die Rolle der Medien. weiterlesen…
In den letzten Jahren hat das Bundesverfassungsgericht wichtige Urteile zur “inneren Sicherheit” gefällt, die Regierungshandeln begrenzten. Weitere Entscheidungen, etwa zur Vorratsdatenspeicherung und zum BKA-Gesetz werden erwartet. Regierungshandeln steht auf dem Prüfstand. Nachdem das BVerfG das Begleitgesetz zum Lissabon-Vertrag gestoppt hat, gibt es jetzt Bestrebungen, die Rechte des BVerfG einzuschränken. weiterlesen…
60 Jahre DPA: Große Vergangenheit - neue Herausforderungen für die Zukunft
Am 18. August 1949 wurde die Nachrichtenagentur dpa gegründet: Ihre rund 190 Gesellschafter sind ausschließlich Medienunternehmen, von denen keines mehr als 1,5 Prozent an der dpa halten darf, was die Unabhängigkeit garantieren soll. weiterlesen…
17. August 2009
Ulrich Tilgner:”Berichte über die Wirklichkeit sind beim ZDF nicht gefragt”
Ulrich Tilgner ist als Korrespondent im Nahen Osten unterwegs. Er berichtet für das Schweizer Fernsehen DRS. Für das ZDF arbeitet er nicht mehr. Seine Begründung: “… ich möchte weiterhin über die Wirklichkeit berichten. Ich will keine Berichte liefern, die beliebig sind. Ich möchte sagen, was ich denke. Dafür stehe ich gerade und für sachliche Richtigkeit. Ich möchte keinem redaktionellen Druck nachgeben, der Konzessionen bedeutet, die ich nicht mehr eingehen mag. Diese Grenze ist beim ZDF an einigen Punkten verschwommen”, so Ulrich Tilgner gegenüber dem Tagesspiegel.