9. August 2009
Internet: Spiegel fordert mehr Kontrolle

Erinnern Sie sich noch an den Spiegel vom 6.Juli? Damals lautete die Titelgeschichte: “Der verschenkte Frieden - Warum auf den ersten Weltkrieg ein zweiter folgen musste.” Merkwürdige Logik, dachte man als geschichtlich halbwegs informierter Leser. Sollten also wirklich die Westalliierten Frankreich, England und die USA schuld sein, dass es so gekommen ist? Nicht Adolf Hitler und seine Nazis im Verbund mit ihren Helfern sinds gewesen - nein der Versailler Vertrag war schuld. Der Artikel wurde kontrovers diskutiert. Und jetzt eine Titelgeschichte über die missbrauchte Freiheit im Internet. “Netz ohne Gesetz - Warum das Internet neue Regeln braucht.”
Über mehr als 12 Seiten werden die Gefahren des Internets beschrieben (“Die Refugien der Diebe, Rufmörder, Kinderschänder entziehen sich weitgehend der Kontrolle des Rechtsstaats.”) und die hilflosen Versuche der Staaten, mittels nationalem Recht nationale Rechte, privates Recht, Sitten, Anstand und Moral im Internet zur Geltung zu verhelfen, bzw. daran zu scheitern. Der Bogen spannt sich von “Zensursula” (”Es mangelt … schlicht an Sachverstand…”) über Terrorgefahren, Hasspredigern, Bombenbauanleitungen, Lehrermobbing bis zur Selbstzurschaustellung von Jugendlichen in sogenannten “Sozialen Netzwerken”. Da muss, so der Spiegel, für Ordnung gesorgt werden, so kann es schließlich nicht weitergehen! Bundesjustizministerin Brigitte Zypries: “Was offline verboten ist, ist online ebenso verboten”. Wie soll man aber an einen unbekannten mutmaßlichen Straftäter herankommen? “Der Autor der Seite ist unbekannt, der Server steht in Aserbaidschan, die Domain gehört einem Rechtsanwalt aus Liechtenstein”. Ursula von der Leyens Vorstoß “dilletantisch angepackt, (hat) Netzbefreier genauso auf die Palme gebracht wie Verfassungsrechtler”. Wer soll also für Ordnung sorgen? “Recht ohne Staat: Möglicherweise ist das allmächtige Netz die erste globale Entscheidungsstruktur, die tatsächlich dem internationalen Zirkus der von Staaten angetrieben Konsenssuche ersetzen kann”, so der Spiegel. Demokratische Kontrolle ist dann wohl nicht mehr nötig? Schon vor einer Woche wurden wir ja über das Wesen des Internets belehrt: “Doch wir werden weiter Diskussionen führen, wie wir Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet im richtigen Maß erhalten. Sonst droht das großartige Internet ein rechtsfreier Chaosraum zu werden, in dem man hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen kann”, so Frau von der Leyen im Hamburger Abendblatt. In die gleiche Kerbe schlägt der Spiegel. Am 2.3. hatte der Spiegel schon eine Titelgeschichte über das “böse” Internet (Fremde Freunde). Thomas Knüwer schrieb auf Handelsblatt.com damals von der “zweifelhaften journalistischen Qualität eines Spiegel -Titels”. (UPDATE 11.8.) Für Torsten Engelbrecht (Spiegelblog) wandelt das Magazin auf den Spuren von Ursula von der Leyen, ein “Ausweis dafür, wie staatstragend das Magazin immer wieder daherkommt “. Für Burkhard Schröder (Burks´Blog) ist ” der Spiegel-Artikel … gerade gut genug für die Klientel der Von-der-Leyen-Wählerinnen: alt, weiblich, reaktionär und Internet-abstinent”, und mutmaßt, dass “so ein Quatsch … zustande (kommt), wenn man nicht recherchiert, sondern das Getratsche in der Kantine wiederkäut”. Matthias Schwenk schreibt auf carta.info: “Eine weitere Fehlleistung ist es, Ängste vor “Scheußlichkeiten” (im Internet R.S.) zu schüren und dabei (unterschwellig) vermitteln zu wollen, die Politik brauche nur das Mandat ihrer Bürger, dann könne sie alles Schlimme verhindern und so etwas wie “das rechte Maß an Meinungsfreiheit” herstellen. Dem ist natürlich nicht so, wir wissen es aus unserer Geschichte.” Dazu leiste der Spiegel nun auch noch “Schützenhilfe”. Schwenk nennt das Ganze eine Phantomdebatte. Auch der Auftritt der Spiegel-Redakteurin Kerstin Kullmann im ZDF-Morgenmagazin kann getrost als journalistische Kostbarkeit gelten.
Die Frau Kullmann vom Spiegel: “Die Frau Kullman vom Spiegel hat ja vorgestern schon erst für einige Lacher und anschließend wohl nur für entsetztes Kopfschütteln gesorgt. Da hat der gemeine Cherno Jobatey ihr doch einfach den aktuellen Spiegel unter die Nase gehalten und sie was zur Titelstory gefragt, obwohl sie das weder selbst geschrieben noch gelesen hat. Raus kommt nichts anderes als ein erbärmliches Stammeln, eine kurze Abfrage ans Gedächtnis: “Moment, was weiss ich denn noch über das böse Internet und wie kann ich da ganz schnell eine Verknüpfung zu dem polemischen Titel ‘Netz ohne Gesetz – Warum das Internet neue Regeln braucht’ schlagen?!”, schreibt Pinguinmaedchen,lesenswert.
Jai Martin hat sich die Mühe gemacht, den Spiegel-Artikel in das 17.Jahrhundert zu verlegen und den Buchdruck unter Kontrolle zu nehmen.(Klosterspiegel 1609)”Der Kampf ums Buch findet im Verborgenen statt. In einem gesichtslosen Bibliothekskeller im Dominikanerkloster im Bistum Eichstätt sitzt im Halbrund aus fünf Lesepulten Bruder Benedikt, 47, Kreuz, schwarze Kutte, und sucht im Dickicht der mit Bleilettern gesetzten Seiten nach den Stichworten des Bösen.
Mit seinem Index-Brevier durchforstet der Fahnder der Domini Canes (DC) die Buchseiten nach Obszönitäten und Lästerungen. „Wir machen jetzt mal eine Stichprobe“, sagt er. Er blättert durch die Seiten, bis eine Kombination aus Ziffern auftaucht, darunter eine 3. „Aufschlagen.“ Schon erscheinen auf dem Folio 329 Beschreibungen von Succubi und Incubi.”
“Auch die Tatsache, dass der Mensch als Weltbürger betrachtet wird kommt aus dem Zeitalter der Aufklärung. Es war vor allem eine Sache der Wohlhabenden, also des ökonomisch erfolgreichen Bürgertums – und das ist es auch heute noch. Wissen in Form von Dokumenten und Inhalten wird so hoch geschätzt, dass man Angst vor der Alexandrinischen Bibliothek namens Google bekommt. Noch mehr Angst hat man aber, dass nun alle Zugang zu allem haben könnten,” meinen die Blogpoliloten, die sich ebenfalls sehr kritisch mit dem Spiegel-Artikel auseinandersetzen. Auffallend ist hingegen, dass die Tagespresse bisher nicht auf den Artikel reagiert hat.
Leserkommentare:
T.Engelbrecht schrieb am 12.08.2009 - 15:06 Uhr
… super Kommentar!
Ja, es ist diese unsägliche und naive bzw. schwarzweißmalende Botschaft, dass angeblich ach so kompetente Politiker das Chaos richten könnten, die der SPIEGEL hier kolportiert. Als ob die Politiker - ob nun aus Deutschland oder von der UNO - irgendetwas letztlich wirklich gerichtet bzw. geordnet hätten. Im Gegenteil, die größten Probleme der Welt wurden in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelöst bzw. haben sich noch veschlechtert.
Zunächst bräuchten wir mal anständige Regeln für die Politik und die Großkonzerne, damit die alles zersetzende Korruption endlich mal wirksam eingedämmt wird und die wahren Probleme (Hunger, Auseindanderdriften von Arm und Reich, Umweltzerstörung etc.) wirklich angegangen werden. Wenn dies geschafft ist (und um dies zu erreichen, wünscht man sich vom SPIEGEL mal einen oder besser noch mehrere entsprechende Titelstorys), dann könnte sich die Aufregung ums Internet schon in großen Teilen von selbst gelegt haben…




