28. August 2009
ARD-Tatort-Phantom Niklas Becker
Repräsentanten der ARD beschwören bei öffentlichen Auftritten den föderalen Senderverbund gern als “große Familie”. Den Familiensinn hatte Doris J. Heinze, die Leiterin der Fernsehfilmabteilung des Norddeutschen Rundfunks (NDR), zu wörtlich genommen. Über viele Jahre beschäftigte sie unter dem Namen Niklas Becker ein Phantom, hinter dem der eigene Ehemann steckte. Für den NDR holte sie bis dahin jede Menge Meriten und war “eine Art Ikone des Fernsehspiels”, wie sie die Süddeutsche Zeitung bezeichnete, die den Fall Niklas Becker öffentlich machte. Heinze zeichnete pikanterweise für die Tatort und Polizeiruf 110 Serien verantwortlich bis sie vom Dienst suspendiert wurde. Ein Dutzend ARD-Fernsehfilme aus dem Programm der ARD und N3 gingen pro Jahr über ihren Schreibtisch. Sie war unter Stars wie Veronica Ferres oder Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler zu Hause.
Mit jedem neuen Korruptionsskandal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bröckelt aufs Neue eine Erklärung aus dem Jahr 2005, die der damalige ARD-Programmdirektor Günter Struve abgab. Er hatte das Marienhof-Debakel und den damit verbundenen Skandal um product placement als bedauerlichen Einzelfall deklariert. Zehn Jahre lang wollte niemand in der ARD gemerkt haben, was da gegen öffentlich-rechtliche Prinzipien lief und in wessen Taschen Geld floss. Sportchefs von HR und MDR mit zu viel Eigennutz, Distanzlosigkeit zum Profi-Radsport, Auskunftsunwillen beim WDR und nun eine gefakte Drehbuchautoren-Biographie? Auf welchem Nährboden können solche Fehlentwicklungen gedeihen?
Um es vorweg zu nehmen: Sie liegen nicht im öffentlich-rechtlichen System. Sein Prinzip, die Grundversorgung unabhängig von Profit- und Staatsinteressen zu sichern, ist edel und nützlich zugleich. Hinter der Fassade des stetig Guten muss es ein über Jahrzehnte gewachsenes Geflecht von guten Beziehungen, alten Freunden und vor allem Abhängigkeiten geben, die sich um die jährlichen zur Verfügung stehenden Milliarden in den Geldtöpfen der Sender scharen. Fehlende Transparenz der Finanzen und die Procedere der Vergabe von Aufträgen im Wechsel von Eigenproduktionen und Fremdvergabe sind inzwischen ganz offensichtlich so kompliziert und undurchschaubar, dass es einer leitenden Redakteurin über einen Zeitraum von vielen Jahren gelang, dem eigenen Arbeitgeber und dem engen Kollegenkreis einen Bären im Jumbo-Format aufzubinden. Wäre es nicht so, müsste es eine Menge Mitwisser gegeben haben. Schon bei Durchsicht öffentlich zugänglichen Materials treten Fragen zu Personengeflechten auf. Unter dem Pseudonym Niklas Becker hatte der Ehemann Drehbücher von der Gattin ankaufen lassen. Wer ist Niklas Becker? Den scheuen Autor bekommt niemand zu Gesicht. Im Ruhrgebiet aufgewachsen, solle er von Kanada aus schreiben. So belügt eine NDR-Broschüre für Journalisten die Öffentlichkeit.

PR-Broschüre des NDR verbreitet die gefakte Becker-Biographie.
Was trieb das Ehepaar an, dieses Verwirrspiel zu inszenieren? Geld allein kann es nicht gewesen sein. Wenn die Drehbücher des Ehemanns den Ansprüchen der ARD genügt haben, so hätte er sie bei einer anderen ARD-Redaktion anbieten können. Nur nicht bei seiner Ehefrau.
Wie in Schockstarre, verweigern auf Anfrage beteiligte Firmen und Personen Aussagen zur momentanen Lage im “Tatort Niklas Becker”. Die Produktionsgesellschaft Allmedia Pictures GmbH in München hat beispielsweise Drehbücher des Niklas Becker für den NDR in Filmproduktionen umgesetzt. Hartmut Schulz, Pressesprecher der Allmedia Pictures GmbH, warb gegenüber Berliner Journalisten um Verständnis, momentan nichts sagen zu wollen. Unser Verständnis hielt sich in Grenzen und selbst die Nachfrage, ob es bei Allmedia Pictures keine Neugier gegeben hätte, wer sich hinter dem Stoff verbarg, den die Firma für den NDR dreht, blieb unbeantwortet.
Und es muss Mitwisser gegeben haben. Auf den Websites des NDR wird Niklas Becker gelegentlich als Co-Autor geführt. So beim Film “Katzenzungen” aus dem Jahr 2005. Das Buch sollte aus der gemeinsamen Feder von Niklas Becker und Torsten C. Fischer stammen. Eine virtuelle Fernbeziehung? Schreibt man so gemeinsam Drehbücher?
Versäumnisse muss es in der Vertragsabwicklung gegeben haben. Der NDR erklärt in einer Stellungnahme, dass sich Niklas Becker durch eine Anwaltskanzlei hätte vertreten lassen. Wer hat dort eigentlich die Vollmacht unterschrieben und wer hat sie beim NDR nicht kontrolliert? Ein Auftragnehmer, der über Jahre fünf prominente Filme schreibt und nicht einmal telefonisch erreichbar ist, kommt selten vor. Und dann wird auf die Verantwortung der Produktionsfirma verwiesen, die die Verträge im Auftrag abgewickelt hat. Keiner will’s gewusst haben.
Warum wählten Heinzes das Pseudonym Niklas Becker? Eine zynische Hommage auf den berühmten Autor Jurek Becker ? Er hatte viele Bücher (Jakob der Lügner), auch Drehbücher für die ARD, geschrieben. Als Erfolgsautor der Serie “Liebling Kreuzberg” arbeitete Jurek Becker mit seinem Freund Manfred Krug zusammen. Der hat wiederum über 40 Tatort-Serien beim NDR in Hamburg gedreht. Jurek Becker hat einen Sohn, den Freunde Nik oder Niklas nennen. Sein richtiger Name ist Nikolaus Becker. Auf Nachfrage dieser Redaktion konnte sich Nikolaus Becker keinen Reim darauf machen, ob er als Namenspate gedient habe. Die Verwechslungsgefahr mit seinem Namen hält er für perfide und Teil einer Tarnstrategie. Da der Name aber abgewandelt verwendet wurde, bleibt ihm nach erstem Eindruck keine Möglichkeit, dagegen rechtlich vorzugehen.
Unsere Recherchen des heutigen Tages sprechen von entmutigten Menschen, die teils Angst vor Mobbing, der Macht und dem Einfluss einzelner Akteure haben. So berichtete ein inzwischen pensionierter ARD-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht öffentlich genannt sehen will, von einem “unheiligen Corpsgeist” von Entscheidern, der ihn bis ins Grab verfolgen würde, wenn er offen über Vergabe und Personalfragen reden würde. Ein Mitarbeiter (auch dieser Name ist der Redaktion bekannt) einer Produktionsgesellschaft, die sich regelmäßig um ARD-Aufträge bewirbt, sprach von einem “ungeheueren Druck”, dem seine Firma ausgesetzt sei. Auf die Nachfrage, ob auch schon mal über persönliche Provisionen geredet worden sei, sagte er: “Dazu will ich mich lieber nicht äußern.”
Es bleibt also die Frage, wer wußte beim NDR und den Produzenten was von wem? Die Skandale haben eine neue Dimension erreicht. Günter Struve konnte 2005 im Fall Marienhof noch alle Verantwortung der ARD auf die Produktion bei der Bavaria abwälzen. Im aktuellen Fall wurde eine - wie in den meisten Pressemeldungen bezeichnete - einflußreiche ARD-Chefin selbst betrügerisch tätig. Beschwichtigendes Krisenmanagement alá Einzelfalltheorie wie es im Webauftritt des NDR steht, reicht nicht mehr aus. Der NDR und die ARD müssen durch lückenlose Aufklärung und vor allem durch neue Methoden mit Transparenz und durch effizientes Controlling in der Vergabe von Aufträgen derartige Verwerfungen in Zukunft verhindern. Nur so können sie das Vertrauen der Zuschauer und Gebührenzahler zurückgewinnen.





