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9. März 2010

Zur Zukunft des Qualitätsjournalismus im Internet und zur Lage auf dem deutschen Zeitungsmarkt
Abgelegt unter: Medien | Richard Schnabl um 10:22

Sorgt das Internet für einen Verlust an Qualität im Journalismus? Bei der Tagung “Qualität unter Druck - Journalismus im Internetzeitalter” an der Evangelischen Akademie Tutzing gingen Medienmacher und Medienwissenschaftler zwei Tage lang dieser Frage nach. Zudem skizzierten sie, wie sich Qualität im Netz verwirklichen lässt. Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur sueddeutsche.de. stellt 10 Thesen zur Zukunft des Journalismus in Zeiten des Internets auf, die auf Evangelisch.de dokumentiert werden. Seine Thesen, Online und Paper sind keine Gegensätze, vielmehr ergänzen sie sich, Online ist nicht die alleinige Ursache der Zeitungskrise und auch guter Online-Journalismus ist nicht umsonst zu haben. “Das Internet löst Probleme der Zeit und des Raums, … alles ist verfügbar” nur einen Mausklick entfernt, aber “die Kunst von Journalisten, alltägliche, besondere oder auch profane Vorkommnisse in Texte zu fassen, macht ihre Bedeutung, gelegentlich auch ihren Ruhm aus”. Folgt man den Thesen von Hans-Jürgen Jakobs, muss es eine enge Verzahnung von Print und Online geben, Online bedeutet aber nicht den Untergang von Print.
Das Leibnitz-Institut für Länderkunde veröffentlichte eine Studie zur Situation der Tageszeitungen in Deutschland.
“Die Verkaufsauflagen der deutschen Tageszeitungen sind seit 1999 um rund ein Fünftel gesunken. Gleichzeitig brachen die Anzeigen- und Werbeeinnahmen ein, sodass viele Verlage ihre Redaktionen verkleinern und zusammenlegen mussten, um rentabel zu bleiben. Die Auflagenentwicklung und die räumlichen Verflechtungen der deutschen Abo-Tageszeitungen werden auf den jetzt in Nationalatlas aktuell verfügbaren Karten und Grafiken des Leibniz-Instituts für Länderkunde erkennbar. Es zeigt sich, dass besonders viele ostdeutsche Tageszeitungen von hohen Auflageverlusten  betroffen sind. Auch beim Vergleich der Marktstrukturen werden wesentliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland deutlich, die ein Erbe der stark divergierenden Zeitungslandschaften in der DDR und der Bundesrepublik sind. Während im Osten – nach wie vor – wenige Zeitungen mit vergleichsweise großen Verbreitungsregionen den Markt dominieren, teilen sich im Westen viele kleinere, meist miteinander verflochtene Verlage eine Region.”
Die Studie ist für alle Medieninteressierten eine gute Übersicht zur Entwicklung des Printmarktes in Deutschland. Das Kartenmaterial emöglicht einen schnellen Überblick auf den Konzentrationsprozess im Zeitungsmarkt.

Für Jutta Limbach, Vorsitzende des Medienrates der MABB, “ist die Bezahlung des Journalismus eine Schlüsselfrage für die Medienzukunft”, denn “Kreativität muss sich auszahlen. Wenn das nicht der Fall ist, dann stirbt der Ehrgeiz, etwas Neues schaffen zu wollen. Das kann uns nicht gleichgültig lassen.” (Tagesspiegel)

Für Detlev Brechtel sind die so genannten Qualitätsmedien an ihrem Elend selbst schuld, denn sie “bieten in breiter Front ein jämmerliches Schauspiel”. Vielen Zeitungen und Magazinen ist ihr Profil abhanden gekommen, Themen werden nur noch “alibihaft” aufgegriffen. “Aber das eigene Terrain aufzugeben, in der Belanglosigkeit dahin zu suppen, bei Interviews bestenfalls noch den Stichwortgeber statt den gut informierten, unbequemen Rechercheur zu geben – das ist unentschuldbar.” Für Brechtel der Grund für das  “eigentliche Scheitern, nicht in der veränderten Mediennutzung oder dem Umschichten von Kommunikationsinvestments. Gutes Themensetting ist keine Frage des internen Budgets!” Die Presse ist zu zahm, frisst den Anzeigenkunden aus der Hand, überall Mainstream, “Fakten, Fakten, Fakten” aber kein Profil.

Hat schon der “Qualitätsjournalismus” kein oder allenfalls sehr wenig Profil, so steht es um den Wirtschaftsjournalismus noch schlimmer. “Wie ein ergrauter Stadtarchivar dem ersten Computer”  stand der “deutsche Wirtschaftsjournalismus  dem globalen Finanzmarkt gegenüber” (Darin unterscheidet er sich nicht von der Politik) Aufgabe der Medien ist es nicht, mit Kampagnenjournalismus (Schwarzarbeit, Florida-Rolf, Sozialneid, Manager-Gehälter, Sozialhilfe-Missbrauch) Politik zu machen, Medien werden aber zur “Frühwarnung” gebraucht. “Von Mitte des Jahres 2007 an hätten die Massenmedien ihrer Rolle als Frühwarnsystem gerecht werden können und müssen.” Das haben sie aber nicht getan, viemehr hingen die untersuchten Medien SZ,FAZ und HB ihrem Dogma “Marktgläubigkeit” an. “SZ und FAZ … haben bis zum offenen Ausbruch der Krise pure Desorientierung geliefert”. Den öffentlich-rechtlichen Anstalten kommt so eine herausragende Stellung zu. “Die privaten Sender sind so sehr Unterhaltungsmaschinen, dass man kaum noch auf die Idee kommt, den Anspruch auf Information und Orientierung zu erheben, trotzdem liegt heute der Legitimationsdruck bei den Öffentlich-Rechtlichen.”
(Otto Brenner Stiftung - Wirtschaftsjournalismus in der Krise)

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Aktuelles Heft Nr. 3-2010
Titelthema:
Europa

Titelbild: NDR/Pro7, Willi Weber







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