Der digitalisierte Bildermarkt ist gesättigt. Der deutsche Fotomarktplatz ist der zweitgrößte auf der Welt. Seine Reviere sind abgesteckt und aufgeteilt. Bei Fotografen herrscht große Unsicherheit über die Zukunft des Bilderverkaufs. Große Wissenslücken über Workflow, Digital Rights Management, Archivsysteme und Strategien beim Anbieten und Bildsuche werden weder in Aus- oder Weiterbildung geschlossen. Nur ein Trend, der allen Umbrüchen und Neuanfängen eigen ist, läuft auf Hochtouren: Viele Anbieter wollen am Umfeld verdienen.
Technologien, die vor zwei drei Jahren noch das Allerheilmittel schienen, sind heute schon wieder überholt. Ingenieure und Programmierer tüfteln an einem Super-Google für den kommerziellen Bildermarkt. Ob es diesen Vertriebsweg schon gibt oder nicht, ist unerheblich: Es existieren schon sinnvolle Standards, die in etwa 40 Millionen online verfügbaren Bildern angewendet worden sind.
Die Suche nach einem Bild basiert auf Sprache. Tags, EXIF-Daten (Aufnahme-Parameter aus Digitalkameras) und Dateiinformationen nach dem IPTC-Standard sind die Ziele automatisierter Suchanfragen im World Wide Web oder auch offline. Das 1965 gegründete Konsortium International Press Telecommunications Council hat die Datenfelder, Stichwortlisten und Thesauren schon vor Jahrzehnten entwickelt. Seit den späten siebziger Jahren versucht der IPTC, den Austausch von Medien-Daten zu standardisieren.
Die erste Regel für jeden Journalisten, der online vermarkten will, lautet daher, Bilder umfangreich, sinnvoll und strikt nach IPTC-Normen zu verschlagworten. Wem diese Fleißarbeit zu mühsam ist, kann hier aufhören zu lesen und sein Bildmaterial stattdessen einer Agentur zum Verkauf überlassen. Die Agentur beschriftet und vermarktet dann die Bilder. Sie behält dafür mindestens die Hälfte der Prozent der Verkaufserlöse ein. Sinnvoll ist ein Agenturvertrag trotzdem für Fotografen, die lieber mehr fotografieren wollen oder keine "Schreibtisch-Typen" sind.
Wer jetzt weiter liest, will es wagen! Zuvor muss sich eine Fotografin oder ein Fotograf vorbereiten, um am digitalen Bildermarkt in eigener Regie teilzunehmen. Für den Einstieg ist eine signifikante Menge digitaler Bilder erforderlich, die selbstverständlich mustergültig beschriftet werden sollten. Je nach Qualität und vor allem Bedarf des Marktes kann ein Start mit 300 bis 500 gefragten Motiven in kurzer Zeit zum Erfolgserlebnis führen. Zehntausende Bilder, die niemand wirklich braucht oder, die - mangelhaft beschriftet - auf einem wenig frequentierten Server nicht zu Abdrucken führen, werden nach wenigen Monaten zur Motivations-Bremse für die Bildautoren.
Zweitens muss ein Teilnahmer am Online-Markt kontinuierlich Foto produzieren. Der aktuelle und journalistische Bildermarkt verlangt gnadenlos immer "frische" Bilder. Nicht die Menge entscheidet, sondern das prägnante Motiv, das Millionen Zeitungslesern im Bildgedächtnis bleibt, hat Chancen des mehrfachen Abrufs. Ein vor 30 Tagen aufgenommenes Bild der Bundeskanzlerin ist auf dem Markt hundert Jahre alt, weil täglich - grob geschätzt - tausend neue von ihr belichtet werden und Dutzende bis Hunderte davon in die Bilderdienste gehen.
Der Online-Vermarkter muss lange "Halbwertzeiten" für seine Bilder erreichen. Lokale Ereignisse, Sportfotos und Motive aus der Entertainment-Sparte haben einen zeitlich sehr begrenzten Marktwert. Der einzelne Bildjournalist sollte seine Themen- und Kompetenzfelder im Lokalen mit überregionalem Interesse verbinden. Bildermangel herrscht beispielsweise bei den Themen Demographie, Schule, Migration, Alltagssituationen oder den abstrakten Themen wie Konflikte, Einsamkeit, Emanzipation und Harmonie. Wer einen Themenkreis gefragter Motive kontinuierlich anbietet, wird schon nach einem Jahr als Kompetenzpartner angenommen.
Eine solche Ausrichtung muss zwischen Brot-und-Butter-Jobs und freien Arbeiten geplant werden. Das Abarbeiten von Termin und Pressekonferenzen von Firmen nach dem Zufallprinzip wird niemals zur einem scharfen Profil führen. Ganze Bereiche wie Reise-, Theater- und TV-Fotos sind mittlerweile vom Markt abgeschnitten, weil Tourismus-Verbände, Theater, Konzertveranstalter, Stadtverwaltungen oder die Musikindustrie tonnenweise honorarfreie Bilder auf den Markt werfen, die oft und kritiklos in redaktionellen Beiträgen wieder auftauchen.
Erst jetzt ist der Autor so weit, die Entscheidung zu treffen, wo er seine Bilder künftig anbieten wird. Sind erst einmal ein paar tausend Motive auf einen Server geladen, ist ein Umstieg mangels Erfolg ein unerfreulicher Mehraufwand. Es ist wie im wahren Leben: vorher gründlich prüfen, dann lange binden. Der größte Anfängerfehler ist, die Entscheidung nur von den Kosten abhängig zu machen. Zahlt ein Fotograf inklusive Übertragungskosten und allen anderen Nebenkosten nur 50 Euro im Monat ,ist das viel zu viel, wenn er keinen Umsatz macht. In einem Jahr hat er dann 600 Euro und in fünf Jahren 3000 Euro zum Fenster hinausgeworfen. Andererseits gibt es Bildautoren, die monatliche Kosten von 300 bis 500 Euro mit ihrer Online-Marktpräsenz wegtragen müssen. Diesen Kosten stehen mitunter Einnahmen von mehreren tausend Euro gegenüber. Hochgerechnet auf die vorgenannten Zeiträume ist das ein wirklich guter Deal.
Die zweite Frage ist, ob das Online-Angebot zum Bildautor passt. Es gilt zu prüfen: Welche der eigenen Themen können das ausgewählte Angebot bereichern? Wer im Bereich Wirtschaft tolle Bilder anzubieten hat, sollte sich auf einem Portal oder Server tummeln, der bereits Wirtschaftskompetenz hat.
Dritte und wichtigste Frage ist die Akzeptanz des Onlineangebots. Downloadstatistiken sind wichtig. Sie geben allerdings nur den Erfolg des Portals im Durchschnitt an. Top-Seller stehen Anbietern gegenüber, die noch nie einen Download hatten. Ein wichtiger Prüfstein sind die Referenzen. Die sollte jeder Anbieter benennen können. Aus denen sollte sich der Autor die für ihn interessanten Bildnutzer heraussuchen. Ein persönlicher Anruf bei einem Referenzkunden lohnt sich gleich doppelt. Der Bildautor erfährt aus erster Hand, ob Online-Angebote willkommen sind und vor allem welche Fotos! Ein Redakteur wird auch nicht verhehlen, ob er das Referenzportal gern besucht, nur gelegentlich oder mal notgedrungen drauf zurückgegriffen hat. Schönster Nebeneffekt ist, dass vielleicht ein neuer Redaktionskontakt erschlossen wurde.
In den nächsten Jahren werden wir noch viele positive Überraschungen erleben. Die Portale werden nicht mehr, eher weniger werden. Interessante Innovationen sind für die Bildnutzer zu erwarten. Mehr Bilder kann nur verkaufen, wer es den Kunden einfacher macht. Die gewohnten Preisstrukturen werden nicht fortbestehen. Die alten Werte wie Kategorien in Schwarzweiß und Farbe, einer halben oder achtel Seite werden künftig durch Pixelmaße und ganz neue Marktbedürfnisse ersetzt werden. Ein schönes Symbolmotiv einer Familie kann gern auch für ein bis fünf Euro im Maß von 200x100 Pixeln auf privaten Homepages genutzt werden. Kommen in einem weltweiten Online-Markt 5 000 Nutzungen zustande, ist es für den Urheber ein tolles Geschäft. Sofortkauf-Optionen mit einem automatisierten Vertragsabschluss oder sicheres Mikropayment müssen den Flaschenhals der heutigen Online-Systeme weiten. Zuvor kommen noch die wichtigsten Investitionen der Urheber - Ideen, Organisation, Fleiß und Zeit.
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IPTC-Standard: www.iptc.org
Aus Heft 8_4/2006
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