Debatte
Schwarz-Weiß-Denken
von Pamo Roth, Fotos: Edith Held
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Das Magazin Dummy ist für seine kreativen Titel schon mehrfach ausgezeichnet worden. Zuletzt wurde über den Schweizer an sich gelästert. Die Ausgabe zum Thema „Türken“ zeigte viel stark behaarte Gesichtshaut. Die Ankündigung, das geplante Heft über Rassismus und Blackpower mit „Neger“ zu betiteln, verursachte jetzt einen Krieg im Internet. Die verantwortlichen Redakteure erhielten sogar Morddrohungen.
Neger“ – die Ankündigung des neuen Titels entfachte einen Wirbel, der von der Dummy-Redaktion trotz des kalkulierten Aufsehens nicht erwartet worden ist. Blanke Wut schlug den Machern des preisgekrönten unabhängigen Magazins entgegen. „Wir hatten das Wort ‚Neger‘ als Titel für die nächste Ausgabe vorgeschlagen, in der es um Rassismus, Diskriminierung von schwarzen Menschen geht, weil es nicht nur die rassistische Bezeichnung einer Personengruppe ist, sondern den Diskurs um begriffliche Zuschreibung und Diskriminierung gleich mit beschreibt“, sagt Chefredakteur Oliver Gehrs. Die ersten Reaktionen seien dann auch von Schwarzen gekommen, die in ihr Büro kamen und die Redaktion beglückwünschten: „Das ist modern und endlich mal extrem wenig scheinheilig.“ Natürlich sollte der Titel provozieren. Das sei aber nicht der einzige Grund gewesen, sich für ein Wort zu entscheiden, das als rassistische Beleidigung verstanden wird.
„Alarmistische und wenig trennscharfe Argumente“
Man hätte auch die Bezeichnung ‚Schwarze‘, ‚Farbige‘, ‚Maximal Pigmentierte‘, ‚Coloured People‘ oder ‚People of Colour‘ – die politisch korrekte Form – nehmen können. „Wir leben in einem Land mit vielen verkappten Rassisten, die ja gerade mit Worten wie ‚farbige Mitmenschen‘ ihren Rassismus kaschieren. Wir wollten aber das Kind beim Namen nennen. Alles andere negiert die gesellschaftlichen Umstände. Wir können nicht so tun, als ob Menschen nicht zwischen ‚weißen‘ und ‚schwarzen‘ Leuten unterscheiden“, fasst Gehrs die Überlegungen der Dummy-Macher zusammen.
Kaum war die Idee online, entbrannte im Internet eine Diskussion um die Definitionsmacht, ein Krieg um das „N-Wort“ und wie sich die Debattenteilnehmer den Umgang damit vorstellen. Dummy wurde selbst als rassistisch gebrandmarkt. „Wir wurden mit alarmistischen und wenig trennscharfen Argumenten angegriffen. Ist es nicht seltsam, dass ausgerechnet Leute, die sich für Liberalität und Toleranz einsetzen, einen stigmatisieren als Rassisten, weil man auf die rassistische Realität hinweisen möchte?“
„Das Gesellschaftsmagazin aus der Hauptstadt“ streift oft Schmerzgrenzen. Beim Porträt zweier Pädophiler, von denen nur einer von sich behaupten kann, nicht aktiv gewesen zu sein, zum Beispiel. Oder der Reportage über eine Party von Zoophilen, Tierliebhabern im wörtlichen Sinn. Besonders die Titel stechen ins Auge – mehrfach ausgezeichnet unter anderem durch Lead Awards. Sie verschlagworten sensible Themen zu einem Begriff, der den Zündstoff und Diskussionsbedarf gleich mittransportiert: Sex, Juden, Frauen, Türken, Revolution. Oft wird dabei mit Klischees gespielt. Bisher wurde erkannt, dass dabei stereotype Vorstellungen unterlaufen werden sollen. „Mutig“, „mit Herzblut“, „intelligent“, „derber, rauer“, „politisch unkorrekt“ und „ästhetisch“ lauten die Urteile in der Branche über das links orientierte Magazin.
Die Ausgabe „Schweiz“ hat den Titel: „Schweizer können kein Deutsch. Sie sind langweilig und bieder. Sie verstecken das Geld von Diktatoren und im Fußball sind sie totale Nieten. Den Rest lesen sie im Heft.“ Der Titel über Deutschland lautet: „Achtung: es wird gleich anstrengend und frustrierend und deprimierend und langweilig und grau und auch ein wenig nervig. Willkommen in Deutschland. PS: Und das Wetter wird auch Scheiße.“
„Dogmatismus ist nicht fördernd“
Abini Zöllner, Feuilleton-Redakteurin der Berliner Zeitung, sagt: „Manchmal müssen Dinge beim Namen genannt werden. Nicht immer gelingt das hyperkorrekt und konsensfähig. Aber ,Neger‘, da gibt es nichts zu verniedlichen, ist ein abwertender Begriff, der durch seine verächtliche Verwendung lange seine Unschuld verloren hat. Deswegen darf man bei diesem Synonym nicht so tun, als sei es selbstverständlich oder gesellschaftsfähig.“ Die Argumentation der federführenden Dummy-Gegner wie „Der braune Mob“, eine Mediawatch-Initiative Schwarzer Deutscher, kann sie nicht teilen. Deren Fragenkatalog „Bin ich ein Rassist?“ dokumentiert das aktuellen Dummy-Heft: „Sie finden, dass Schwarze super singen können? Und dass Schwarze besser tanzen als Weiße? Sie kennen viele Schwarze und denken deshalb, sie wären kein Rassist?“, ein einziges „Ja“ reicht aus, um durchzufallen. „Man kann doch wegen Klischeedenkens nicht umgehend als Rassist gelten. Das Problem der Initiative Schwarze Deutsche (ISD) ist, Menschen über die Hautfarbe definieren zu wollen. Das ist, als wolle man Rassismus mit Rassismus begegnen. Das ist nicht glaubwürdig.“
Nicht nur als Journalistin beschäftigt sich Zöllner intensiv mit rassistischen Diskriminierungsformen. Sie hat sie selbst erfahren als Kind eines nigerianischen Vaters. Ihre Strategie gegen Rassismus im Alltag ist im Privaten wie im Öffentlichen der Dialog, das Erkennen und Drüberreden – nicht das Belehren: „Ich kann doch nicht alle Menschen unter Generalverdacht stellen. Damit verliere ich doch die Menschen, die aufgeklärt, überzeugt oder von ihrem Schablonendenken abgebracht werden können. Deshalb finde ich die ISD mit ihrem Dogmatismus nicht fördernd.“
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