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Besser im Netz recherchieren
von Thomas Mrazek
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Auch ohne technische Finessen lässt sich das Web 2.0 hervorragend in die Recherche-Arbeit integrieren. Gute Rechercheure können damit ihre Arbeit noch effizienter gestalten.
Der Begriff „Web 2.0“ ist unter Journalisten nicht unumstritten: „Das ist nur eine Kopfgeburt von Marketingmenschen“ oder „Web-Zwo-Null? Für so was kann ich keine Zeit verschwenden!“. Zwischen aufgebauschtem Hype und Zeitvergeudung auf diese beiden Pole lässt sich das Thema herunterbrechen. Beide Ansichten entsprechen zumindest teilweise der Realität. Wenn vom Mitmach-Internet, dem Web 2.0, die Rede ist, funkeln beispielsweise bei PR- und Marketingstrategen die Augen. Wie leicht man doch damit die Zielgruppen erreichen und sogar zum Mitmachen bringen könne, welche sagenhaften Umsatzpotenziale doch noch darin steckten. Tatsächlich haben sich die Mitmach-Möglichkeiten im Internet in den vergangenen Jahren sprunghaft vermehrt. An allen Ecken und Enden des World Wide Webs können sich Internet-Nutzer mit anderen Menschen auf einfachste Art und Weise vernetzen, mit anderen Bilder, Filme, Texte, Lesezeichen oder was auch immer austauschen, an Blogs und Wikis mitschreiben, Dinge und Dienstleistungen (auch journalistische) bewerten. Man verzettelt sich jedoch auch sehr schnell. Also doch mehr Fluch oder Segen? Das lässt noch nicht seriös bewerten. Ein erster Tipp, der banal klingt: Betrachten Sie die rasante Entwicklung des so genannten Web 2.0 als Journalist gelassen, am besten mit bekannten journalistischen Urtugenden wie Skepsis aber vor allem auch Neugier.
Googleisierung
Die Neugier bei der Internet-Recherche reduziert sich jedoch nicht selten auf ein Werkzeug: Google. 2005 prägte der jetzige Chefredakteur von Focus Online, Jochen Wegner, den Begriff von der „Googleisierung des Journalismus“ (siehe Linktipp „Bauer Poppe und die Googleisierung). Zumindest einen positiven Aspekt kann Wegner dieser Fixierung auf eine Suchmaschine abgewinnen: „Die minimale Fallhöhe, mit der das wunderbare Google-Archiv mittlerweile alles mediale Streben versieht, kann das allgemeine Niveau nur gehoben haben.“ Der versierte Umgang mit Google und unbedingt auch weiteren Suchmaschinen stellt nur einen Baustein für Internet-Recherchen dar (siehe Linktipp „Bessere Online-Recherche“). Weitere nützliche Werkzeuge sollen hier kurz vorgestellt werden.
Soziale Netzwerke
Für Personenrecherchen sind die so genannten sozialen Netzwerke mittlerweile zu einer bedeutenden Quelle geworden. Immerhin rund acht Millionen Deutsche sind derzeit in rund 160 Netzwerken registriert. Laut einer Studie des englischen Informationsdienstleisters Datamonitor könnten bis 2012 über 20 Millionen Deutsche Mitglied in einem solchen Verbund sein. Zu den bekanntesten gehören StudiVZ, Xing, Lokalisten oder Wer-kennt-wen. Die Nutzer kommunizieren dort untereinander, stellen sich selbst und ihr eigenes Freundes- und oder Kollegennetzwerk dar. Was sich relativ banal anhört, stellt häufig einen interessanten Einstieg oder eine Ergänzung zu Recherchen über Personen dar.
Es können beispielsweise auf legalem Wege relativ persönliche Daten zu Beruf und Hobbys eingesehen werden; nicht selten werden die Verbindungen zu anderen Personen in den Profilen offen gelegt. Die sozialen Netzwerke sind aufgrund ihrer offenen Strukturen leider ein Paradies für Schnüffler, aber ebenso können seriös arbeitende Rechercheure diese Datenquellen für ihre Arbeit nutzen. Dass Journalisten die Offenheit in diesen Netzwerken schon missbrauchten, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben (siehe Linktipps „Deckname Moser“). Dass diese Quellen in Zukunft allerdings wieder versiegen werden, ist nicht zu erwarten: Gerade die große Transparenz und Offenheit ist für viele Nutzer sozialer Netzwerke ein wichtiger Vorteil und mitunter der Grund für die Teilnahme. Restriktivere Datenschutzbestimmungen von Seiten der Anbieter würden diese Anreize
Lesezeichen finden und verwalten
Als praktisches Werkzeug für Internet-Recherchen haben sich Lesezeichen-Sammeldienste wie Delicious oder Furl etabliert. Alle beim Recherchieren gefundenen Seiten können mithilfe dieser auch Social Bookmarking genannten Angebote, auf einfachste Art und Weise gesammelt und beliebig verschlagwortet und kommentiert werden. Ohne technische Vorkenntnisse kann man sich so einen leicht zu verwaltendes Archiv schaffen. Die gesammelten Lesezeichen können entweder öffentlich oder nur für den Privatgebrauch publiziert werden.
Öffentliche Bookmark-Sammlungen gibt es zu Tausenden und in allen Sachgebieten. Oftmals werden sie von Experten oder Fans mit viel Akribie und vor allem Sachverstand geführt, so dass sie für Recherchierende eine gute Vorauswahl möglicher Quellen bieten. Über die Betreiber solcher Sammlungen kann man wiederum auf weitere Experten und mögliche Ansprechpartner stoßen. Der Einstieg erfolgt am besten über die Suchfunktion der jeweiligen Dienste, für Recherchen ist kein Registrieren notwendig. Vorteilhaft beim Angebot von Furl ist es, dass dieser Dienst nicht nur die gesammelten Lesezeichen speichert sondern – in den meisten Fällen – auch die Inhalte der jeweils abgespeicherten Seite.
RSS-Feeds
Gute Bookmark-Sammlungen werden von ihren Betreibern regelmäßig aktualisiert. Nun könnte man hin und wieder diese Angebote besuchen und nachschauen, ob etwas Neues hinzugekommen ist. Auch hier kann man sich die Arbeit mit einem technisch sehr einfach einzurichtenden Werkzeug erleichtern: Ein RSS-Feed liefert dem Leser, wenn er einmal abonniert wurde, automatisch neue Einträge. Ähnlich einem Nachrichtenticker liefert der RSS-Feed die Überschriften mit einem einem kurzen Textanriss und einem Link zur Originalseite (vgl. Wikipedia). RSS-Feeds kann man freilich nicht nur für Bookmark-Sammlungen einrichten sondern insbesondere für Websites, etwa Nachrichten-Seiten wie Spiegel Online oder für Blogs. Als Werkzeug benötigt man lediglich einen Feedreader (siehe Linktipps Wikipedia „Feedreader“). Mithilfe von RSS-Feeds lassen sich längere Recherchen effizienter gestalten, ohne großen Aufwand kann man in seinem Fachgebiet ständig auf dem Laufenden bleiben. Sehr bewährt, um auf dem Laufenden zu bleiben, haben sich die Google-Alerts. Per E-Mail können bestimmte Suchwünsche via Google auf einfachste Art und Weise abonniert werden. Selbstverständlich bietet Google keine Garantie für die Vollständigkeit der gelieferten Ergebnisse, dennoch ist dieses Werkzeug zumindest als Ergänzung empfehlenswert.
Brauchen wir Gezwitscher?
Noch umstritten als journalistisches Recherchewerkzeug ist Twitter (siehe Linkstipps „Twitter für Journalisten“). Twitter gilt auch als soziales Netwerk: „Angemeldete Benutzer können dort SMS-ähnliche Textnachrichten, die ‚Updates‘ oder ‚Tweets‘ (maximal 140 Zeichen), über verschiedene Dienste versenden. Diese Nachrichten werden anschließend an alle Benutzer verteilt, die sich für das jeweilige Thema, den Autor die Gruppe angemeldet haben“, beschreibt die Wikipedia Twitter. Der Autor nutzt Twitter seit drei Monaten und konnte bislang nur wenige Rechercheerfolge damit verbuchen. Wie bei all den anderen Angeboten ist es jedoch zu empfehlen, auch dieses mal ausprobiert zu haben. Das Risiko, Zeit zu vergeuden besteht immer, doch dieses Risko nimmt man bei jeder Recherche auf sich.
Weiterführende Links
Jochen Wegner: Bauer Poppe und die Googleisierung, Januar 2005
tinyurl.com/akcsu
Christina Elmer, Sebastian Möricke-Kreutz: Präsentation „Bessere Online-Recherche“,
Juni 2008 (PDF, 49 S., 5,71 MB)
tinyurl.com/4ukz54
Thomas Mrazek: Deckname Moser. Juni 2008 tinyurl.com/3jte3d
Wikipedia: Feedreader
tinyurl.com/4xaa4l
Peter Schink: Twitter für Journalisten, Juni 2008 (PDF, 9 S., 1,6 MB)
tinyurl.com/49nckd
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Autor
Thomas Mrazek
arbeitet als freier Journalist in München. Er ist Vorsitzender des Fachausschusses Online im Deutschen Journalisten-Verband und leitet das Portal Onlinejournalismus.de.
Foto: Bernd Lammel