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Titelthema: Arbeit

Unterschätzte Macht

Interview führten B. Schellong-Lammel und S. Pamperrien

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Deutsche Gewerkschaften leiden unter Akzeptanzproblemen. Dabei haben sie einiges für die Arbeitnehmer erreicht. Berliner Journalisten analysierte im Gespräch mit dem DGB-Vorsitzenden Michael Sommer die aktuelle Lage.


Sie haben während des Studiums als Eilbote bei der Post gejobbt. Erinnern Sie sich, wie gut man damals als Student verdient hat?
Ja, ich bekam in Berlin 18,20 DM die Stunde. Und es gab Schicht- und Sonntagszulagen. Damals, Mitte der 70er Jahre, verdiente man bei der Post richtig gutes Geld. Wir hatten unsere Autos in Reinickendorf und haben sie am Sonntag mit warmem Wasser gewaschen – heute unvorstellbar. Mit den VW-Bussen sind wir gesprungen. Wissen Sie, wie das geht? Sie legen den 4. Gang ein, geben Vollgas und lassen Sie die Kupplung los. Dann springt der Bus richtig hoch. (Er steht auf und kommt lachend mit dem Modell eines alten VW-Busses zurück.)

Welche Motivation hatten Sie, sich in der Gewerkschaftsarbeit zu engagieren? War es die Arbeit bei der Post?
Die Arbeit mit den Kollegen hat mir immer Spaß gemacht, und ich war links. Und damals war es für alle, die links waren ganz selbstverständlich, in die Gewerkschaft einzutreten. Es war ja die Zeit nach 68 – ich bin ja kein 68er – ich bin ein Nach-68er – und das ist prägend für mich. Anfang der 70er Jahre löste sich die 68er-Bewegung auf, in alle möglichen Formen von Sektiererei. So bin ich zum Antisektierer geworden: Ich wollte Klarheit, ich wollte es mehrheitsfähig, ich wollte es menschlich, ich wollte es demokratisch, ich wollte es freiheitlich. Deshalb bin ich Gewerkschafter geworden. Bei uns zählt die große Zahl der Mitglieder, die Solidarität, die Zusammengehörigkeit über Parteigrenzen hinweg – auch über Ideologien hinweg. Das Miteinander und die Solidarität war mir immer wichtig – schon damals bei der Post.

Gibt es diese Art von Solidarität heute noch? Ist die Gewerkschaft für einen jungen Menschen, der am Anfang des Arbeitslebens steht, noch attraktiv? Und ist diese Art von Solidarität für junge Menschen noch erfahrbar?
Was die Solidarität angeht – ich befürchte nein. Und zwar deshalb, weil sich die Bedingungen der Arbeitswelt verändert haben. Ein Beispiel: Früher hatten wir sogenannte Rentnerbezirke bei der Post. Es war selbstverständlich, dass ältere oder leistungsgeminderte Kollegen einen Zustellbezirk bekamen, in dem sie nur die Hälfte der bisherigen Zustelladressen übernehmen mussten. Für das gleiche Geld, damit sie bis zur Rente durchhalten konnten. Jüngere Kollegen haben die Mehrarbeit übernommen. Und das hat niemand infrage gestellt. Es war selbstverständlich. Es war Solidarität. Das ist heute, aufgrund der immensen Leistungsverdichtung, sicher nicht mehr so.

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Heft Nr. 4-2008
Titelthema:
Arbeit

Titelfoto: Bernd Lammel

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