Report
Der getarnte Riese
von Werner Hinse
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Nach über 30 Jahren steht das WAZ-Modell im Ruhrgebiet vor dem Ende. Die WAZ-Mediengruppe, eine der größten Deutschlands, krempelt gerade das Ruhrgebiet, ihr publizistisches Kernland, um. Dabei geht es aber auch um den Erhalt der Presse- und Meinungsvielfalt in einer der bevölkerungsreichsten Regionen Europas.
Die schlechten Nachrichten aus der Medienbranche nehmen kein Ende. Entlassungen von Redakteuren, Ausgründungen von Redaktionsteilen und zusammengelegte Titel sind seit zwei Jahren fast wöchentlich zu beobachten. Aber was seit Herbst vorigen Jahres im Ruhrgebiet vor sich geht, hat eine ganz andere Dimension. Wenn es nach dem Willen der beiden Geschäftsführer der Mediengruppe, Bodo Hombach und Christian Nienhaus, geht, dann werden wahrscheinlich über 250 Redakteure vor die Tür gesetzt. Die Zahl überrascht, denn immerhin glaubt der journalistische Großkonzern, auf mehr als ein Viertel seiner journalistischen Mitarbeiter verzichten zu können – wenn die Pläne denn wirklich so wie angekündigt umgesetzt werden.
Vor allem aber steht im dicht bevölkerten Ruhrgebiet das über 30 Jahre alte WAZ-Modell, seit Mitte 1970er ein publizistisches Vorzeigestück, vor dem Ende. Die Konstruktion von vier untereinander konkurrierenden Zeitungstiteln und -redaktionen, der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), der Westfälischen Rundschau (WR), der Neuen Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ) und der Westfalenpost (WP), unter einem gemeinsamen Geschäfts- und Vertriebsdach, hatten Anfang November 2008 die vier Chefredakteure Reitz, Oppers, Lenzer und Zapp selbst mit ihrem „Content-Desk-Modell“ ins Wanken gebracht. Das Mantelkonzept verabschiedet sich von der öffentlichen Zusage der WAZ-Gruppe, gemacht vor über drei Jahrzehnten in einer kartellrechtlich prekären Situation, die Presse- und Meinungsvielfalt in einer der bevölkerungsreichsten Regionen Europas auf jeden Fall erhalten zu wollen.
Spätestens seit dem 1. Januar 2009 geht alle Journalisten und Leser in Mitteleuropa das rigorose Sparen bei der Essener WAZ-Mediengruppe etwas an. Der Konzern bringt nämlich mit seinen Spar-Plänen nun auch den deutschen Nachrichten-Großlieferanten Deutsche Presseagentur (dpa) in eine Schieflage. WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz hat das Abo der dpa gekündigt – mit starken finanziellen Konsequenzen für die Nachrichtenagentur der Verlage. Einen „unsolidarischen Alleingang“ nannte diese Kündigung das NDR-Medienmagazin ZAPP. Der Medienwissenschaftler Prof. Jürgen Wilke (Mainz) geißelte dies als einen Verfall „an Medienkultur und journalistischer Kultur“. Reitz, der 2008 auch zum Geschäftsleiter für alle Zeitungsredaktionen der Mediengruppe ernannt wurde, kündigte in dem TV-Beitrag an, dass sich die WAZ-Redaktionen künftig kostenlos bei anderen Nachrichtenquellen im Internet (und damit indirekt bei der dpa) bedienen wollen. Begründung: Dadurch werde Geld gespart – im Gegenwert von 25 Redakteursstellen.
Damit ist Reitz, der zentrale Neu-Gestalter der Medienlandschaft an Rhein und Ruhr, quasi ein Wiederholungstäter. Schon während seiner Zeit als Chefredakteur bei der Rheinischen Post im benachbarten Düsseldorf hatte er dpa abbestellt, auf Kosten aller Journalisten und Verlage in Deutschland gespart, damit aus der großen Regionalzeitung eine „Autorenzeitung“ nach Reitzscher Prägung werden konnte.
Das WAZ-Modell hat die Presse-Landschaft Nordrhein-Westfalens geprägt. Schleichend hatte die WAZ zu Beginn der 1970er Jahre im Ruhr-Revier kleinere Zeitungen geschluckt, Auflagen hinzugekauft und ihr Verbreitungsgebiet nach und nach vergrößert. Die Angst der NRW-Politiker vor der „Meinungsmonotonie und dem Monopoljournalismus“ hatte 1975 für diese Modellkonstruktion gesorgt. Der Zusammenschluss des Werbe- und Anzeigenmarktes der WAZ-Tageszeitungen im Ruhrgebiet wurde dabei von der Politik der WAZ zugestanden, damit die vier großen Tageszeitungen publizistisch unabhängig blieben. Es ging darum, die Meinungsvielfalt an Rhein und Ruhr zu sichern.
Was sich mit dem gemeinsamen Online-Auftritt der WAZ-Mediengruppe „Der Westen“ vor Jahresfrist schon andeutete, kommt jetzt auf voller Breite in den WAZ-Tageszeitungsredaktionen an. Ein „Content-Desk“ in Essen soll bald zentral alle anderen „Titelredaktionen“ mit Textmaterial zu Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Sport, Kultur und Vermischtem beliefern. Daraus werden dann die Mantelseiten der Titel WAZ, NRZ und WR jeweils von einer Rumpf-Redaktion entsprechend dem gewohnten Profil zusammengestellt. Nur die Hagener WP soll einen eigenen „Heimatzeitungs“-Mantel produzieren dürfen. Ergänzt werden könnte es durch Regio-Desks im Lokalsektor, die noch nicht einmal komplett erprobt sind. Und die Verantwortung dafür hat Reitz im Namen der WAZ-Gruppen-Chefredakteure stolz übernommen.
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