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Service und Wissen

Alles auf einmal oder immer schön der Reihe nach?

von Iring Koch

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Der Arbeitsalltag wird in vielen Berufen immer komplexer und dichter. Gerade für Journalisten scheint das Multitasking, also das gleichzeitige Erledigen verschiedener Dinge, eine Lösung zu sein, die wachsenden Aufgaben zu bewältigen. Für viele gilt es sogar als Allheilmittel. Aber kann man seine Aufmerksamkeit überhaupt teilen? Iring Koch, Professor für Kognitions- und Experimentalpsychologie an der RWTH Aachen, forscht seit vielen Jahren zu den Themen Aufmerksamkeit, Lernen, Informationsverarbeitung und Multitasking. Der zentrale Gegenstand dieser Forschung ist die Frage, ob man zwei oder mehrere Aufgaben gleichzeitig ausführen kann.


Der Redner steht am Pult im Hörsaal und bittet die Zuhörer um ungeteilte Aufmerksamkeit. Warum eigentlich? Ist die Fähigkeit zum Multitasking nicht eine Tugend, die man zumindest von gebildeten Menschen erwarten darf? Warum also nicht die Aufmerksamkeit aufteilen und beim Zuhören auch noch eine SMS schreiben? Aber kann man seine Aufmerksamkeit überhaupt teilen?


Die psychologische Forschung zu geteilter Aufmerksamkeit ist ein Thema, das seit Jahrzehnten sowohl grundlagenorientierte als auch anwendungsorientierte Wissenschaftler fasziniert. Der zentrale Gegenstand dieser Forschung ist die Frage, ob man zwei oder mehrere Aufgaben gleichzeitig ausführen kann (Multitasking). Diese Frage wird typischerweise in Situationen untersucht, in denen es möglich ist, die Aufgabenbelastung systematisch experimentell zu variieren. Derartige Experimente zeigen regelmäßig, dass die Leistung beim Multitasking im Vergleich zur Ausführung nur einer Aufgabe allein deutlich schlechter ist.

Vor dem Hintergrund der Forschungsergebnisse zu Multitasking kann es überraschen, dass Multitasking allgemein nicht unbedingt als negativ gesehen wird. Im Gegenteil, die gleichzeitige (parallele) Bearbeitung von verschiedenen Aufgaben gilt häufig als Ziel, und in der Welt der Computer ist längst bekannt, dass die Leistungsfähigkeit bei paralleler Informationsverarbeitung höher ist als bei serieller Verarbeitung. Kann man aber den Menschen mit einem Computer vergleichen?

Zunächst ist zu klären, was man eigentlich meint, wenn man von Multitasking redet. Eine Aufgabe beinhaltet ein intentionales (zweckbestimmtes) Ziel, das durch eine Handlung erreicht wird. Dieses Ziel und die damit verbundene Aufgabe kann sehr langfristig sein (zum Beispiel ein akademisches Studium abzuschließen oder die Habilitation anzustreben), aber häufig können Aufgaben auch in einem Schritt und mit einer Handlung gelöst werden (zum Beispiel den Lichtschalter betätigen). Normalerweise sind jedoch Aufgaben verschiedener Langfristigkeit ineinander verschachtelt, so dass man in diesem Sinne sagen kann, dass sie gleichzeitig verfolgt werden. Experimentalpsychologische Studien legen allerdings nahe, dass es selbst bei der gleichzeitigen Be­arbeitung von extrem einfachen Aufgaben (zum Beispiel auf einen Ton mit der linken Hand reagieren und auf einen Lichtreiz mit der rechten Hand reagieren) zu starken Leistungseinbußen kommt. Hier stellt sich also auch die Frage, was man eigentlich mit „gleichzeitig“ meint.

Bereits in den fünfziger Jahren wurde vermutet, dass es „Engpässe“ in der menschlichen Informations­verarbeitung gibt, die gleichsam als „Flaschenhals“ in der kognitiven Architektur eine serielle Verarbeitung erzwingen. Diese Vermutung legt den Schluss nahe, dass Multitasking eigentlich nur durch schnelles Hin- und Herwechseln zwischen den Aufgaben gelöst werden kann, weil der Engpass nicht doppelt belegt werden kann. Eine Teilung der Aufmerksamkeit auf zwei Aufgaben gleichzeitig wäre dann im strikten Sinne nicht möglich. Die Bearbeitung einer Aufgabe wird in der Kognitionspsychologie allerdings in verschiedene mentale Teilprozesse zerlegt, sodass man eine wahrnehmungsbezogene Verarbeitungsstufe der Informationsaufnahme, eine „kognitive“ Stufe der Entscheidung und Handlungsauswahl sowie eine ausführungsbezogene Stufe der motorischen Initiierung unterscheidet. Experimentelle Studien haben hier vor allem die „kognitive“ Stufe als kritischen Engpass beim Multitasking identifiziert. Damit lässt sich nun auch die Frage nach der Bedeutung von „Gleichzeitigkeit“ vorläufig beantworten. Offenbar können Teilaspekte von Aufgaben gleichzeitig (parallel) bearbeitet werden, aber mentale Entscheidungs- oder Auswahlprozesse stören sich gegenseitig. Beim Multitasking kommt es also vor allem in der Entscheidungsphase zu deutlichen Leistungsbeeinträchtigungen (das heißt längere Bearbeitungszeiten und erhöhte Fehleranfälligkeit).

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Übernahme aus der Zeitschrift Forschung und Lehre, Ausgabe 10-2008.
www.forschung-und-lehre.de




Heft Nr. 1-2009
Titelthema:
Bildung

Titelfoto: Bernd Lammel

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