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Titelthema: Bildung

Wer Künstler werden will, melde sich!

von Heide-Ulrike Wendt, Fotos Bernd Lammel

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Alle zwei Jahre startet die JugendTheaterWerkstatt (JTW) Spandau in der Hochhaussiedlung im Falkenhagener Feld ein generationsübergreifendes Theaterprojekt. 2008/2009 ist es Amerika! von Franz Kafka. Regisseur Carlos Manuel und der Bühnenbildner Fred Pommerehn verknüpfen die kafkaeske Welt mit der Lebenswelt der Menschen, die dort leben, und beziehen sie und ihre Erfahrungen mit Auswanderung und Migration in den künstlerischen Prozess ein.


Der Flyer, den die JugendTheaterWerkstatt Spandau Anfang 2008 in ganz Berlin verteilen lässt, hatte folgenden Wortlaut: „Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort!“

Die Studentin Marfa Polikarpova (23) entdeckt den Flyer im Studententheater Lux im Tiergarten, der Schüler Arthur Romanowski (16) im Foyer des Theaters in der Parkaue in Lichtenberg. Der angehende Schriftsteller Gökhan Caliskan (29) erfährt von dem Projekt in einem Schauspielkurs, den er jeden Montag in der JugendTheaterWerkstatt besucht. Alle drei melden sich sofort für das Theaterprojekt an, „das jeden brauchen kann ...“

Die Verheißung stammt aus Kafkas Romanfragment „Amerika“, auf dessen Grundlage die JugendTheaterWerkstatt im Januar 2008 begann, in einem halbjährigen Dramaturgie-Projekt eine Bühnenfassung zu erarbeiten. Fünfzig Leute beteiligten sich daran. Anschließend sollten die Proben zum Stück beginnen, und zwar mit allen, die mitmachen wollten. Es waren schließlich vierzig Darsteller zwischen fünfzehn und fünfundsechzig Jahren – Marfa, Arthur und Gökhan gehörten dazu.

Kafka war nie in Amerika. Es sind nur seine Vorstellungen von diesem Land, die er zwischen 1911 und 1914 niederschrieb. Sein Held, der 16jährige Karl Roßmann, wird von seinen Eltern nach Amerika geschickt, weil er von einer Hausangestellten verführt worden ist, die ein Kind von ihm bekommt. In New York trifft er durch Zufall seinen reichen Onkel, der ihn bei sich aufnimmt. Karls gesellschaftlichem Aufstieg in der neuen Welt scheint damit nichts im Wege zu stehen, bis ihn der Onkel verstößt. Auf sich allein gestellt in der Zivilisation der „Neuen Welt“, unterliegt Karl im Konkurrenzkampf um Jobs und Lohn, kann sich nicht wehren gegen Missgunst, Habgier und Niedertracht. Ob er in diesem Land jemals irgendwo ankommen wird, bleibt offen.

So, wie sich die deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts auf den Weg machten, um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Freiheit, Gleichheit und Wohlstand zu finden, kommen heute Flüchtlinge und Migranten aus aller Welt nach Deutschland – mit ähnlichen Wünschen und Hoffnungen.

In der Spandauer Hochhaussiedlung Falkenhagener Feld leben viele russische, türkische und arabische Einwanderer. Die Arbeitslosenquote ist hoch. Was verkörpert Deutschland für diese Menschen? Wohlstand? Gleichheit? Brüderlichkeit?

Mit ihrem Theaterstück Amerika! verknüpfen der Regisseur Carlos Manuel und der Bühnenbildner Fred Pommerehn die kafkaeske Welt mit der Lebenswelt der Menschen, die im Falkenhagener Feld leben und beziehen sie und ihre Erfahrungen mit Auswanderung und Migration in den künstlerischen Prozess mit ein. Die Lebendigkeit, die Kraft und die Realität der Menschen fließt ein in die Kunst, und die Kunst hilft den Menschen im besten Falle, diese Wirklichkeit klarer zu erkennen.

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Heft Nr. 1-2009
Titelthema:
Bildung

Titelfoto: Bernd Lammel

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