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Titelthema: Finanzen und Wirtschaft

Wer pleite ist soll pleite gehen


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Deutschland befindet sich in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit mehr als siebzig Jahren. 2008 hätte kaum jemand geglaubt, dass Banken, die sich verspekuliert haben, nach dem Staat rufen. Noch weniger vorstellbar war die Tatsache, dass das Parlament ein Gesetz zur Enteignung von Banken beschließen würde. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages, Otto Fricke (FDP), über Rezession, Bonizahlungen und müde Minister.


Herr Fricke, wie viel schlaflose Nächte haben Sie als Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages schon gehabt?
Seit dem 15. September 2008 einige. Was da alles passiert ist, war schon sehr extrem. Die Fragen, wie das alles erklärbar sein soll, waren schwer zu beantworten, selbst für mich, der ich ein Zahlenmensch bin.

Sind wir in einer Weltwirtschaftskrise?
Ja, und die Frage ist jetzt, wie schlimm sie wird. Ist die Weltwirtschaftskrise Teil einer Rezession, die nur eine gewisse Zeit dauert ...

... sind Sie da optimistisch?
Noch ja. Da ist ein Stein eine dunkle Schlucht hinunter gefallen und wir wissen nicht wann er aufschlägt. Die schlechten Nachrichten nehmen kein Ende. Bilanzrechtler wissen, dass sich die Krise noch verschärfen wird, obwohl die Bilanzen warnen, dass das nicht passieren darf. Viele denke, die Krise ist bereits am Tiefpunkt angekommen, aber sie wird noch schlimmer werden.

Konnte die Krise keiner vorhersehen?

Es wird immer so getan, als wäre alles völlig überraschend über uns hereingebrochen, aber das es mit der Wirtschaft bergab gehen würde, war für viele erkennbar.

Seit wann?

Die Auftragseingänge und die Industrieproduktion waren seit August, bzw. Mai 2008 rückläufig, spätestens da wusste man, dass etwas passiert. Die Finanzkrise in den USA jedoch zeichnete sich durch die Schieflage bei Bear Stearns, Freddie-Mac und Fannie Mae bereits früher ab, und es war ebenfalls erkennbar, dass diese Entwicklung nicht spurlos an uns und unserer Wirtschaft vorüber gehen würde.

Entgleitet den Medien und der Gesellschaft die Verhältnismäßigkeit in der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage?

Die Gefahr, vor der sich Politiker und Medienleute hierzulande hüten müssen, ist die Tendenz der Deutschen, auf hohem Niveau zu jammern. Ich persönlich glaube, dass die Lage im Moment besser ist, als ihr zugeschrieben wird. Aber sie könnte in den nächsten Monaten tatsächlich so schlecht werden, wie sie jetzt beschrieben wird.

Ist die Wirtschaftsberichterstattung Ihrer Meinung nach überspitzt oder verharmlost sie die Situation?

Wir beschäftigen uns leider immer noch nicht damit, wie wir aus der Krise wieder herauskommen. Die Berichterstattung über das Konjunkturpaket beispielsweise ist geprägt vom Glauben an den Staat als denjenigen, der das schon alles regeln und lösen kann.

Aber das Konjunkturpaket begreift doch gar keiner.

In der Frage, was ist volkswirtschaftlich, was ist makroökonomisch gemeint, verstehen es sicher nur sehr wenige. Aber natürlich begreifen es die Menschen, wenn die Sporthalle inihrer Stadt durch Mittel aus dem Konjunkturpaket endlich ein neues Dach bekommt. Auch die Abwrackprämie ist real. Aber zu erkennen, dass kurzfristige Lösungen langfristige möglicherweise kaputt machen, ist schwerer nachzuvollziehen. Wenn ich zum Beispiel jetzt Geld ausgebe, fehlt es später für Zukunftsinvestitionen. Und das kann man auch nicht in zwanzig Sekunden in der Tagesschau vermitteln.

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Heft Nr. 2-2009
Titelthema:
Finanzen
Wirtschaft
Medien

Titelfoto: Bernd Lammel

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