Titelthema: Finanzen und Wirtschaft
Betteln im Pelz - Aufstieg und Fall der Schaeffler-Gruppe
Von Jens Berger
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Noch vor wenigen Jahren
kannte kaum jemand Maria-
Elisabeth Schaeffler und ihr
Unternehmen, die Schaeffler-Gruppe.
Mit nicht eben publicityträchtigen Produkten
wie Wälzlagern wurde über die
Jahrzehnte aus dem fränkischen Familienbetrieb
ein Big Player. Die Familie
Schaeffler wurde plötzlich in der Forbes-
Liste der reichsten Menschen der
Welt geführt. Da war sie – die Deutschland
AG, groß geworden durch die berühmt-
berüchtigten deutschen Sekundärtugenden,
mit unternehmerischen
Wurzeln im Dritten Reich. Doch auch
die Deutschland AG hat sich zu Zeiten
des Casino-Kapitalismus neu erfunden.
Mitten auf dem bisherigen Höhepunkt
der Finanzkrise unternahm die
Schaeffler-Gruppe den Versuch, den
dreimal so großen Dax-Konzern Continental
AG zu übernehmen. Aus der
blonden Unternehmerin wurde die
„listige Witwe“ (SPIEGEL). Doch wie
bei so vielen Überfliegern, deren Flügel
mit Wachs befestigt sind, fand der
Höhenflug der „listigen Witwe“ ein jähes
Ende. Nur noch die große Politik
kann mit Hilfe von Steuergeldern den
Einfluss der Familie Schaeffler im eigenen
Unternehmen sichern. Warum
aber sollte der Steuerzahler spekulationswütige
Milliardäre retten?
Die Vorgeschichte
aus dunklen Zeiten
Glaubt man der offiziellen Firmengeschichte,
die mit dem Jahre 1946 beginnt,
ist die Schaeffler-Gruppe erst
kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden,
in den Trümmern des zerbombten
Deutschlands. Blickt man
hinter die Kulissen, entdeckt man aber
schnell, dass auch der sagenhafte Aufstieg
der Schaefflers nicht bei Null
begann. Wie so viele andere Unternehmer
auch, konnten die Gebrüder
Schaeffler auf einem Grundstock aufbauen,
der aus Zeiten stammt, über
die man heute nicht so gerne spricht.
Firmenmitgründer Wilhelm Schaeffler
verdiente im Dritten Reich sein Geld
damit, für die Dresdner Bank Wirtschaftlichkeitsprüfungen
zu erstellen.
1939 stieß er bei seinen Prüfungen auf
die Davistan-Werke im oberschlesischen
Katscher, ein Großunternehmen,
das zuvor der jüdischen Familie David
gehörte und seit der „Arisierung“ von
einem Bankenkonsortium verwaltet
wurde. Der Bankangestellte Wilhelm
Schaeffler übernahm das Unternehmen
und gab ihm den Namen „Schaeffler
AG“. „Davistan“ war zu jener Zeit
ein denkbar unpopulärer Name, erinnerte
er doch stets an den „Davidsstern“,
und somit an die enteigneten
Vorbesitzer. Wie ein Bankangestellter
den Kauf eines vier Werke umfassenden
Unternehmens finanzieren konnte,
ist bis heute unbekannt.
Zunächst produzierte Schaeffler in
Oberschlesien Textilien und die Wehrmacht
wurde schnell zu seinem besten
Kunden. 1941 stieg er in die Fertigung
von Nadellagern für Panzerketten ein,
das Know-How und die Maschinen
hierfür erhielt er vom Rüstungsunternehmer
Georg Schäfer, dem die FAGKugelfischer
gehörte, ein Unternehmen,
das die Schaeffler-Gruppe 2001
übernehmen sollte. Oberschlesien war
durch die geographische Lage prädestiniert
für kriegswichtige Rüstungsproduktion
– der „Reichsluftschutzkeller“
lag außerhalb der Reichweite
der alliierten Bomber. Als im Januar
1945 die Rote Armee auf Oberschlesien
vormarschierte, ließen die Schaefflers
in vierzig Eisenbahnwaggons ihre Maschinen
und ihre wichtigsten Angestellten
nach Franken bringen.
Vom Wirtschaftswunder
zum Big-Player
Im fränkischen Herzogenaurach etablierten
die Schaefflers in der Nachkriegszeit
ein Unternehmen, wie es
dem Bilderbuch des Wirtschaftswunders
entsprach. Starthilfe kam von der
US-Army, für die die Schaefflers Ersatzteile
fertigten, bis die wachsende
deutsche Automobilindustrie zum
zahlungskräftigen Kunden für Nadellager
wurde. Schwerter zu Pflugscharen
– Nadellager werden nicht nur für
Panzerketten, sondern auch in Getrieben
für zivile Automobile benötigt.
Wilhelm Schaeffler starb 1981, und
sein Bruder Georg Schaeffler 1996. Zu
diesem Zeitpunkt war die Schaeffler-
Gruppe bereits ein unsichtbarer Riese,
eines der größten Familienunternehmen
in Deutschland.
Nach dem Tode Georg Schaefflers
wurde die Unternehmensgruppe von
dessen Witwe Maria-Elisabeth geführt,
die zusammen mit dem gemeinsamen
Sohn Georg F. W. Schaeffler auch alleinige
Eigentümerin ist. Einem breiteren Publikum wurde Maria-Elisabeth
Schaeffler bekannt, als sie im Jahre
2001 den Konkurrenten FAG-Kugelfischer
übernahm.
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