Analyse
Journalismus in Zeiten der Cholera
von Prof. Dr. Klaus Meier
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Neun Thesen zum Strukturwandel der Medien
Wer sich derzeit durch die unzähligen Meldungen, Analysen und Kommentare zur Lage der Medien und des Journalismus fräst, bleibt erschöpft und ratlos zurück. Die Krise ist nicht einfach zu deuten, wenn man nur auf die aktuellen Ereignisse starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. Die kurzfristigen Aktivitäten und Trends in der Medienbranche sind gegenläufig und widersprechen sich.
In den USA scheint die Analyse leichter: Die Trends sind im Mutterland der Massenpresse eindeutig. Von März 2007 bis März 2009 stellten mindestens zwölf Großstadtzeitungen die Printausgabe ein (vgl. www.newspaperdeathwatch.com). Viele weitere große und kleine Zeitungsunternehmen sammelten horrende Schulden an, so dass zum Beispiel die Tribune Company (u. a. Chicago Tribune, Los Angeles Times) Insolvenz beantragen musste und die New York Times nur durch die Finanzspritze des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim (noch) überleben kann.
Journalistische Online-Angebote dagegen melden Erfolgsgeschichten: Die Los Angeles Times nahm Ende 2008 mit Online-Werbung so viel Geld ein, dass sie damit die Personalkosten für 600 Print- und Online-Journalisten bezahlen kann. Blogs werden ebenfalls für die Öffentlichkeit relevant und ökonomisch tragfähig. So hat sich die Huffington Post – das Blog-Projekt von Arianna Huffington – vor allem während des US-Wahlkampfs als politisches Medium mit zunehmendem Einfluss etabliert.
In Deutschland schlägt die Finanz- und Wirtschaftskrise voll auf die Redaktionsetats durch. Markante Beispiele für die Krise im Verlagswesen sind die WAZ-Gruppe, die bei ihren vier NRW-Zeitungstiteln 300 von knapp 900 Print-Redakteursstellen streicht und im Gegenzug die Online-Redaktion derwesten.de von 20 auf 40 Journalisten ausbaut, sowie Gruner&Jahr, wo die Zeitschrift Park Avenue eingestellt wurde und die Redaktionen von Financial Times Deutschland, Capital, Impulse und Börse online zusammengelegt werden sollen.
Doch es geht auch innovativen Online-Angeboten an den Kragen. Der Holtzbrinck-Konzern zum Beispiel schloss watchberlin.de und zoomer.de, investierte aber gleichzeitig kräftig in die gedruckte Tageszeitung. Der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont kaufte vor kurzem die Berliner Zeitung, den Berliner Kurier und die Hamburger Morgenpost für 152 Millionen Euro. Die Verlagsgruppe Madsack in Hannover erwarb für 310 Millionen Euro Beteiligungen der Axel Springer AG an Regionalzeitungen (u. a. Leipziger Volkszeitung, Lübecker Nachrichten).
Haben sich DuMont und Madsack damit noch mehr Vergangenheit eingekauft? Oder ging es ihnen um etablierte journalistische Marken, die sie in die digitale Zukunft führen wollen?
Es ist nicht leicht, zwischen der derzeitigen Wirtschafts- und Anzeigenkrise und dem strukturellen Medienwandel zu unterscheiden, vor allem, weil die aktuelle Krise den Strukturwandel beschleunigt. Die folgenden Thesen konzentrieren sich auf langfristige Entwicklungen mit Schwerpunkt auf Print- und Online-Journalismus.
1 Die Tageszeitung verliert nicht nur junge Leser, sondern auch „News Junkies“ im mittleren Alter ans Internet.
Nur noch 26 Prozent der 14- bis 19-Jährigen lesen nach Studien des Instituts für Demoskopie eine regionale Tageszeitung. Kohortenanalysen der vergangenen Jahrzehnte ergeben, dass Menschen, die als Jugendliche nicht zur Zeitung greifen, dies auch später nicht mehr tun.
Es geht nicht mehr nur um die jungen Leser: Zeitreihenanalysen zeigen, dass die Tageszeitung vor allem in den Alterssegmenten zwischen 25 und 44 Jahren ans Internet verliert, und zwar bei den Intensivlesern. Die „News Junkies“ informieren sich mehrmals täglich im Internet und greifen seltener zur Tageszeitung, selbst wenn sie die noch abonniert haben.
2 Die Anzeigenkrise verschärft den Wettbewerb zwischen Print und Internet, aber der Online-Werbezuwachs kann die Print-Verluste nicht ausgleichen.
Nicht nur auf dem Publikumsmarkt, sondern ebenso auf dem Werbemarkt entwickelt sich das Internet zunehmend zur Konkurrenz für die klassischen Medien. Während die Werbeeinnahmen der Tageszeitungen in Deutschland in der Krisenzeit von 2000 bis 2003 um ein Drittel sanken und seitdem allenfalls stagnieren, verzeichnen Online-Angebote Wachstumsraten zwischen acht Prozent in Krisenjahren und 100 Prozent in Boomjahren.
Nach Angaben des Zentralverbands der Werbewirtschaft sind die Netto-Werbeeinnahmen aller Medien 2006 und 2007 um 2,6 und 2,0 Prozent gestiegen – die Online-Werbung um 49 und 39 Prozent (ohne Suchmaschinenwerbung). Die Anzeigenkrise, die uns 2009 noch im Kern bevorsteht, machte sich schon 2008 bemerkbar: Während Publikumszeitschriften fünf Prozent und Tageszeitungen ein Prozent weniger Anzeigeneinnahmen erzielten als im Jahr zuvor, war der Online-Zuwachs mit 27 Prozent durchaus solide. Allerdings sind die Werbeeinnahmen durch journalistische Angebote im Internet auf zu niedrigem Niveau, als dass dadurch die Verluste der Print-Werbung ausgeglichen werden könnten.
3 Crossmedialer Journalismus in integrierten Print-Online-Redaktionen ist nach wie vor ein tragfähiges Konzept, um starke Print-Marken in die digitale Zukunft zu führen.
Schon vor zwei Jahren wurde Arthur Ochs Sulzberger, der Verleger der New York Times, mit den Worten zitiert: „Ich weiß wirklich nicht, ob wir die New York Times in fünf Jahren noch drucken werden. Und wissen Sie was? Es interessiert mich auch nicht.“ Heute wird ernsthaft darüber spekuliert, dass die Times schon viel früher nicht mehr gedruckt erscheint. Sulzberger sieht es als wesentliches Ziel „den Übergang von Print zum Internet zu bewerkstelligen“.
Auch in Deutschland werden redaktionelle Print-Ressourcen durch das „Kreuzen der Medien“ am crossmedialen Newsdesk und im integrierten Newsroom praktisch ins Internet geschoben. Aktuelles Beispiel ist der neue Newsroom der Frankfurter Rundschau. Allerdings geht das nicht automatisch, denn der Online-Journalismus braucht andere Konzepte und Arbeitsweisen als der Print-Journalismus.
4 Nachrichten sind nichts mehr Wert.
Immer weniger Menschen wollen für Nachrichten bezahlen. Paid-News-Modelle im Internet sind in den vergangenen 15 Jahren weltweit gescheitert – bei gleichzeitiger Kannibalisierung des Tageszeitungsmarkts. In vielen Ländern Europas wurden Gratistageszeitungen auf dem Markt durchgedrückt. In Dänemark lag der Marktanteil bei 62 Prozent, in der Schweiz bei 34, in Spanien bei 55 und in Italien bei 46. Auch im gratisfreien Paradies Deutschland ist die verkaufte Auflage der Tageszeitungen von 25 Millionen im Jahr 1998 auf 20 Millionen 2008 gesunken.
Dass es inzwischen kostenlos Nachrichten an jeder Ecke gibt, glauben sogar Chefredakteure wie Ulrich Reitz von der WAZ, der deshalb die Dienste der Deutschen Presse-Agentur (dpa) gekündigt hat. Dem NDR-Medienmagazin ZAPP sagte er über seine Nachrichtenredakteure: „Die sind den ganzen Tag im Internet. Die haben vielfältige Quellen aus dem In- und Ausland, die sind in allen Medien ständig unterwegs und surfen sich durch. […] Und so, wie wir Informationen von dpa benutzen oder weiter daran arbeiten, so machen wir es aber auch mit anderen Informationsquellen, ohne für diese Informationsquellen zu bezahlen. Vielleicht ist das ein Stück weit die neue Welt. Die Zahl der Quellen hat sich ja auch dramatisch vermehrt.“
Ob das (unabhängige) Nachrichtensystem erhalten werden kann, wenn sich sowohl Medienunternehmen als auch das Publikum umsonst bedienen, darf allerdings bezweifelt werden.
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