Titelthema: Sex Macht Medien
Zu Risiken lesen Sie das Kleingedruckte
von Volker Mertens
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In den ersten Jahren nach der Entdeckung von HIV passte die Immunschwächekrankheit ideal zu den Anforderungen des Medienbetriebs: Das Virus war neu, es war gefährlich, und es hatte das Potential, den Alltag erheblich zu stören. Das fehlende Wissen über HIV machte die Berichterstattung allerdings auch anfällig für Übertreibungen oder Horror-Szenarien. Denn wenn die Fakten einer neuen Krankheit nicht bekannt sind, ist es für Journalisten schwierig, sich auf das Wichtige zu konzentrieren oder die Tatsachen in ihrer Komplexität zu reduzieren.
So spekulierte vor allem das Nachrichtenmagazin Der Spiegel 1983 über „Eine Epidemie, die erst beginnt“ und kündigte die „Tödliche Seuche AIDS“ an. Die Boulevard-Medien stellten primär die Schicksale von an AIDS erkrankten Menschen dar. Andere Themen wie „Ein Kuss reicht schon“ führten wiederum zur Verunsicherung der Bevölkerung hinsichtlich der Übertragungswege des Virus. Die übrigen auflagenstarken Tageszeitungen berichteten vor allem über die medizinischen Fakten von HIV und AIDS. Ab 1984 bis Anfang der 1990er Jahre griffen die Medien zusätzlich die gesundheitspolitische Auseinandersetzung über die Eindämmung von HIV als Thema auf.
Seit den ersten Berichten über HIV/AIDS waren die Medien von der Krankheit fasziniert, denn das HI-Virus berührt Tabus wie Tod, Sexualität, Drogenkonsum und Homosexualität. Nur sexuell übertragbare Krankheiten sind ähnlich tabubehaftet.
Journalisten sind bei diesem Thema deshalb besonders gefordert, Diskriminierung und Stigmatisierung zu vermeiden und auf reißerische Inhalte zu verzichten.
Gleichzeitig stehen Hilfsorganisationen vor dem Dilemma, bei Interviewwünschen der Medien auf die Ängste betroffener Menschen Rücksicht zu nehmen. Dies behindert den notwendigen, offenen Zugang zu dem Thema aus der Sicht HIV-positiver Menschen. Gleichzeitig belegt diese Zurückhaltung, dass die Integration HIV-positiver Menschen in Deutschland immer noch nicht erreicht ist.
Vancouver 1996: Wird HIV/AIDS heilbar?
Auf der Welt-AIDS-Konferenz in Vancouver 1996 berichteten Wissenschaftler erstmals einem breiteren Publikum über die Behandlungsmöglichkeiten von HIV mit einer Kombinationstherapie. Die anfängliche Hoffnung auf eine vollständige Entfernung des HI-Virus aus einem einmal infizierten Körper ließ und lässt sich mit den gefundenen Medikamenten aber noch nicht erreichen. Im Laufe der Jahre entwickelte die Forschung allerdings weitere Medikamente, die zusätzliche Kombinationen von Wirkstoffklassen ermöglichen und dadurch die Vermehrung des HI-Virus bei einer sehr großen Anzahl von HIV-positiven Patienten wirksam und langfristig hemmen kann. Aufgrund dieser Erfolge spricht die Medizin seit einigen Jahren von HIV und AIDS als einer unheilbaren, aber chronischen Krankheit. Die Überlebenszeit der Patienten hat sich in den vergangenen dreizehn Jahren sehr stark verlängert. Viele Medien aber thematisierten die medizinischen Erfolge aus Vancouver als kurz bevorstehende Heilung von HIV und AIDS. Die Enttäuschung darüber, dass HIV nicht vollständig aus dem Körper entfernt werden kann, wurde in den folgenden Jahren dagegen meist nur kleingedruckt vermittelt. Lediglich Meldungen über aufsehenerregende Laborerfolge fanden den Weg auf Seite eins oder wurden prominent auf den Wissenschaftsseiten abgedruckt.
Die Globalisierung von HIV und AIDS
Seit dem Jahr 2000 rückte die zunehmende Globalisierung von HIV und AIDS in den Focus des Interesses. UNAIDS hatte die Zahl der lebenden HIV-positiven Menschen 1990 weltweit mit knapp acht Millionen angegeben. Diese Schätzung lag im Jahr 2000 schon bei 20 Millionen Menschen. Die Berichte zeigten einen Schwerpunkt der Epidemie im südlichen Afrika. Dort schien sich das Virus so stark zu verbreiten wie es Anfang der 1980er Jahre für Deutschland vorausgesagt worden war. Auf dem UN-Millenniumsgipfel in New York hatten die nationalen Regierungen im Jahr 2000 außerdem acht konkrete Ziele zur Armutsbekämpfung festgeschrieben, die bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollen. Es wurde deutlich, dass einige dieser Ziele nur durch eine globale Bekämpfung von HIV/AIDS zu erreichen sind.
Die Berichterstattung in den Medien konzentrierte sich seit Anfang 2000 daher vor allem auf die Verbreitung von HIV/AIDS in Afrika und in Osteuropa beziehungsweise den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.
HIV und die Medien: Rituale schleichen sich ein
Aktuell erinnert die Berichterstattung über HIV/AIDS an die Rituale einer langjährigen Beziehung. Am 18. Mai, dem Welt-AIDS-Impfstofftag, steht die AIDS-Forschung im Mittelpunkt. Beim International AIDS Candle-Light Memorial Day am dritten Sonntag im Mai, an dem der Menschen gedacht wird, die an AIDS starben, berichten die Lokalredaktionen über Trauergottesdienste oder Demonstrationen. Zum Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember sind internationale und nationale Themen Schwerpunkt.
Im Zentrum der Analyse stehen die jährlichen Statistiken zu neu diagnostizierten HIV-Infektionen, aber gerade an diesem Tag greifen die Medien auch gerne individuelle Geschichten HIV-positiver Menschen auf. Da aber viele Betroffene, vor allem Frauen mit Kindern, Angst vor Diskriminierung haben, kommen nur wenige solcher Gespräche zustande. Steht kein direkt Betroffener zur Verfügung, werden die Berater aus den AIDS-Hilfen zu Gesprächspartnern. Sie berichten dann zusammenfassend über die Lage vieler HIV-positiver Menschen und geben einen Überblick zu deren gesundheitlicher und sozialer Lage. Wünschenswert wäre allerdings eine Berichterstattung, die noch stärker auf eine Analyse der sozialen Lage betroffener Menschen setzt und diese mit Veränderungen der allgemeinen Sozialpolitik verknüpft.
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