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Fußball ist für alle da
von Thomas Mrazek
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Vor drei Jahren gründete Oliver Fritsch sein erfolgreiches Web-Portal "Hartplatzhelden" (www.hartplatzhelden.de), in diesem Jahr nominiert für den Adolf-Grimme-Preis. Jetzt wird ein Rechtßtreit mit einem Fußballverband vor dem Bundesgerichtshof sein Finale finden. Ein Gespräch über eine sich wandelnde Medienwelt und Funktionäre, die sich damit nicht abfinden wollen.

Der Indirekte Freistoß war Ihr erstes Web-Projekt. Welche Idee steckt dahinter?

Es handelt sich um eine Fußball-Preßeschau, die die besten und bemerkens-wertesten Zeitungstexte zum Fußball zitiert, kommentiert und verlinkt. Viele Sportjournalisten lesen das, aber die Seite richtet sich nicht nur an die Branche. Die Idee ist, den Qualitätszeitungen mehr Gewicht im Fußball zu geben, der sehr vom alten Stammtisch dominiert wird. Der Name geht auf die Entscheidung im Meisterkampf 2001 zurück, als Bayern München von Schiedsrichter Markus Merk in der Nachspielzeit einen indirekten Freistoß erhielt, den - sagen wir - nicht jeder Verein erhalten hätte. Dieses Phänomen wurde im Fernsehen unter den Teppich gekehrt, nur manche Zeitung hat es sich erlaubt, darüber nachzudenken.

Diese Preßeschau ist ein Non-Profit-Projekt, wie schaffen Sie es, das seit acht Jahren am Laufen zu halten?

Zunächst mal ist es etwas, was mich bewegt. Das war der Ursprung. Aber es war auch gutes Eigenmarketing für meine Person. Derzeit plane ich, mit dem Indirekten Freistoß Einnahmen zu erwirtschaften. Dies könnte durch den Verkauf der Inhalte oder mittels Online-Werbung erfolgen.
Immerhin hat die Plattform konstant 100.000 Seitenabrufe monatlich sowie einen Newsletter-Verteiler mit 2.500 Abonnenten.

Kann es sein, daß unter Medienmachern gegenüber neuen Entwicklungen in der Internet-Publizistik, also etwa den Blogs, eine zu skeptische, regelrecht feindliche Haltung herrscht?

Den Eindruck kann man bekommen. Als langjähriger FAZ -Abonnent brauche ich beispielsweise eine Pause von dieser Zeitung, weil sie in letzter Zeit oft mit Gift und Galle gegen das Internet anschreibt. Und das oft mit leeren Händen, da man vielen Artikeln anmerkt, daß deren Autoren über etwas schreiben, wovon sie nichts verstehen. Worin sie keine Erfahrung haben, etwa von Twitter. Das gilt auch für andere Qualitätszeitungen. Unverständlich, denn das haben solche Autoren gar nicht nötig. Aber ich fürchte, daß es sich dabei um Arroganz handelt - man schaut aus der Perspektive des Qualitätsjournalisten auf das Treiben im Internet herunter.

Sie agieren da ja eher ganz unten : Mit den Hartplatzhelden erfanden Sie 2006 eine Art Youtube für Amateurfußballer. Erklären Sie uns doch bitte das Konzept.

Hartplatzhelden ist die Sportschau für die Kreisliga - wir präsentieren den Fußball, wie er zwar maßenhaft gespielt wird, in den überregionalen Medien jedoch kaum vertreten ist. Normalerweise liest man von ihm ja nur, wenn Schiedsrichter verprügelt oder Ausländer beschimpft werden. Wir wollen auch seine positiven Seiten zeigen. Unser ambitioniertes Ziel ist es, damit eine kleine Redaktion aufzubauen. Wenn es irgendwann mal soweit sein sollte, suchen wir engagierte Sportredakteure.

Immerhin wurden Sie mit diesem Projekt für den Grimme Online Award nominiert (die Siegerehrung erfolgte nach Redaktionßchluß; unter 1.700 Einsendungen ist das Blog unter den 24 für einen Preis nominierten). Allerdings befinden Sie sich auch mit einem Fußballverband in einem Rechtßtreit, der in den nächsten Monaten bis vor das oberste deutsche Gericht, den Bundesgerichtshof (BGH) geht. Wie kam es dazu?

Der Württembergische Fußballverband (WFV) hat die Hartplatzhelden im November 2007 auf Unterlaßung verklagt, weil er seine Vermarktungsrechte durch unsere Video-Plattform verletzt sieht. Vor dem Landgericht und dem Oberlandesgericht Stuttgart bekam er Recht. Nun liegt die Sache vor dem BGH. Wir glauben, daß wir im Recht sind. Der Fußball gehört nicht den Verbänden, sondern denjenigen, die ihn spielen. Fußballspiele werden nicht von Verbänden organisiert, sondern von Vereinen. Die Filme, die wir zeigen, gehören nicht den Verbänden, sondern Privatleuten. Daraus folgt: Wir übernehmen keine Leistungen des Verbands. Schon gar nicht auf unlautere Weise, wie man uns vorwirft. Wir wehren uns gegen die Urteile, weil führende Rechtsexperten mit dem Kopf schütteln, wenn sie die Begründungen lesen.

Und wie sehen das die Vereine?

Niemand aus den Vereinen hat an unserem Portal etwas auszusetzen oder fühlt sich ausgebeutet oder hat den Eindruck, daß wir ihnen etwas wegnehmen. Niemand aus den Vereinen meint, daß man ihn vor uns schützen müßte wie Spitzenfunktionäre des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) behaupten. Das ist keine neue Erkenntnis für mich, denn ich bin seit dreißig Jahren Vereinsfußballer.

Warum wagen Sie den sicherlich finanziell sehr aufwändigen Gang zum Bundesgerichtshof?

Der DFB muß begreifen, daß es Grenzen für ihn gibt, daß ihm der Fußball nicht gehört, er nicht die katholische Kirche des 21. Jahrhunderts ist. Kein Heil außerhalb der Kirche, kein Fußball außerhalb des DFB? Leider konnte ich bislang nur wenige Menschen aus der Medienbranche davon überzeugen, daß auch ein Stück ihrer Zukunft auf dem Spiel steht. Wie kann man sich in Zeiten der Medienkrise vom DFB vorschreiben laßen, was man tun darf und was nicht? Aber offensichtlich ist es für viele zu riskant, mit dem DFB zu streiten. Wenn ich klein beigegeben hätte, wäre ich auf einen Schlag um fünf Jahre gealtert. Nun kann ich weiterhin in den Spiegel schauen. Außerdem liebe ich den Fußball zu sehr, um ihn in den falschen Händen zu laßen. Klar ist: Der Prozeß ist teuer für den Verlierer. Daher habe ich zu Spenden aufgerufen, und es ist auch schon einiges zusammengekommen.

War denn das Beispiel des Sportjournalisten Jens Weinreich, den ein vom DFB-Präsidenten Theo Zwanziger initiierter Rechtßtreit fast in existenzielle Nöte brachte, für Sie nicht abschreckend genug? Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien in diesem Fall?

Zwanziger hat durch das Internet eine publizistische Niederlage erlitten. Sein Spiel war durch die Transparenz, die Jens Weinreich über sein Blog (www.jensweinreich.de) geschaffen hat, leicht zu durchschauen. Daher war die Solidarität groß aber nur im Internet. Zeitungen haben lange gebraucht, um zu kapieren, was hier läuft. Der DFB hat gezeigt, wie er mit mißliebigen Journalisten umgeht. Man hat aber auch gesehen, daß er in vielen etablierten Medien einen starken Rückhalt hat. Erst als es nicht mehr zu übersehen war, nämlich als Zwanziger eine Rücktrittsdrohung gegen Weinreich instrumentalisierte, sind auch die Zeitungen kritisch geworden. Da sieht man, welche Macht der DFB hat. Mit Weinreich will ich mich aber nicht gleichsetzen, denn er spielt einige Ligen über mir. Aber es gibt schon Parallelen, denn Unwahrheiten setzte der DFB auch über mich in die Welt.

Zum Beispiel?

Im DFB-Journal (2008) stand: Die Herrn Fritsch bereits vor langer Zeit angebotene ehrenamtliche Mitarbeit bei der Erstellung der Internet-Auftritte der Verbände lehnt er ab, wenig überraschend, denn ihm geht es ums Geld!" Aber: mir hat niemand etwas angeboten. Zudem hat der DFB behauptet, ich läge mit ihm im Rechtßtreit und wäre dadurch in meiner Arbeit als Journalist befangen. Ich liege aber nicht im Rechtßtreit mit dem DFB, sondern mit dem WFV.

Mal abgesehen von den Auswirkungen auf Ihr Projekt, welche haben die Urteile auf andere?

Es geht zum einen um Preßefreiheit, denn selbstverständlich werden Regionalzeitungen in fünf oder zehn Jahren über Amateursport auch mit Bewegtbildern berichten. Es tun ja schon einige. Die wären dann auch betroffen. Zum anderen: Vereine sollten sich nicht von den Verbänden alles vorschreiben laßen. Verbände sind für die Vereine da, nicht umgekehrt. Immerhin bieten wir allen Vereinen an, die Gewinne, sobald wir welche machen, mit ihnen zu teilen.

Sie arbeiten für verschiedene Medien, betreiben eigene Internet-Plattformen und beobachten Medien wie hat sich der Journalismus in den letzten Jahren gewandelt?

Gewandelt hat er sich noch zu wenig, denn es wird immer wichtiger, den Dialog mit den Lesern zu führen und deren Wißen zu nutzen. Hinzu kommt, daß man multimedialer werden muß. Aus einem Schreiber wird kein Filmer, aber es ist nicht zu viel verlangt, wenn ein Autor seinen Text mit einem kurzen Clip untermalen kann. Guter Journalismus wird immer gebraucht. Ob er aber an das Papier gebunden ist, bezweifle ich.

Dann sehen Sie weiteres Potenzial in Weblogs und Plattformen wie den Hartplatzhelden?

Ja, aber Blogs müßen beßer und profeßioneller werden. User müßen dort mehr erfahren als anderswo. Im Sport gibt es eine Handvoll guter Blogs und eine Menge kleiner netter Fan-Blogs. Doch wenn man ein Wörtchen mitreden will, müßen die Blogger investigativer werden. Das gilt natürlich auch für mich.

Wie soll das konkret außehen?

Ambitionierte Blogger müßen mehr mit Leuten reden, herausgehen aus der Stube, nicht nur Meinungen verfaßen und sich nur mit dem auseinandersetzen, was die alten Medien falsch machen.

Beim Mikrobloggingdienst Twitter sind Sie auch aktiv (www.twitter.com/freistoß) und beschreiben sich als Fußballkommunikationsherrscher . Wie ist das zu verstehen?

Da gibt es ein Zitat von DFB-Präsident Zwanziger, daß er im Streit mit Jens Weinreich äußerte: Wenn Sie nicht die Kommunikationsherrschaft haben, sind Sie immer der Verlierer . So gesehen möchte ich mit dem Fußballkommunikationsherrscher" diese Hybris nur konterkarieren.
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