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Zeitbombe Google
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Das erfolgreichste Unternehmen der Welt sorgt zunehmend für Unbehagen. Ob mögliche Gefahren beim Datenschutz oder die Klage von Verlegern, die sich regelrecht beraubt sehen – über Googles flauschiges Credo „Don‘t be evil“ wird häufiger denn je diskutiert. Berliner Journalisten sprach mit dem Google-Experten Lars Reppesgaard über die Suchmaschine.

Im Klappentext Ihres Buches „ Das Google-Imperium“ heißt es: „Der Internetgigant ist der Hauptlieferant für den wichtigsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts: Daten. Längst sind wir alle Bewohner des Planeten Google.“ Ist Google mittlerweile zu mächtig geworden?

Google kann natürlich als großer, finanzstarker Technologiekonzern mehr bewegen als der einzelne Netznutzer, der keine Lobbyisten und Berater bezahlen kann. Und Google ist in vielen Teilen der Welt die beliebteste Suchmaschine und der erfolgreichste Anbieter von Online-Werbeprogrammen. Aber anders als viele andere große Firmen scheint Google bisher – jenseits der Lobbyarbeit – keine schmutzigen Tricks anzuwenden, um Wettbewerber zu zerstören. Google ist einfach erfolgreich, weil wir Netznutzer und die Marketing-Menschen die Dienste nutzen. Dadurch ist Google mächtig. Aber nicht zu mächtig. Es gibt Tausende von weiteren Suchmaschinen, die Surfer nutzen könnten, wenn sie ihre Bequemlichkeit überwinden würden. Es gibt andere Vermarktungsmöglichkeiten als Reisen, Uhren oder anderes über Adwords zu verkaufen. Googles Macht ist gewissermaßen nur geborgt. Wenn die Netznutzer entscheiden, einen anderen Dienst zu nutzen, weil Google beispielsweise ein Geschäftsgebaren oder eine Informationspolitik an den Tag legt, die einem nicht gefällt, muss der Suchriese hilflos zusehen. Oder eben wieder selbst besser werden. Wenn die Nutzer etwas gegenüber Google durchsetzen wollen, können sie das. Wenn wirklich Gegendruck kommt, macht auch Google Zugeständnisse. Das zeigt ja etwa die Ankündigung Googles, bei Streetview in Deutschland sogar die Rohdaten zu vernichten. Dies wurde nach harter Arbeit durch die Datenschutzbeauftragten erreicht. Da muss man als Öffentlichkeit wachsam sein und nicht alles glauben, was ein Großer wie Google erzählt. Das ist oft unbequemer, als zu fordern, die EU solle Google zähmen. Aber ich fürchte, der Job wird uns als Netznutzern nicht erspart bleiben.

Google sei ein Unternehmen wie kein anderes, stellten Sie bei Ihren Recherchen fest. Was ist denn so anders?

Wenn Google sagt „Die Mitarbeiter sind unsere wichtigste Ressource“, dann ist das kein leeres Gewäsch wie bei anderen Firmen, das ist gelebte Praxis. Dadurch ist Google, obwohl aus dem Start-up Unternehmen längst ein internationaler Konzern geworden ist, aus sich selbst heraus noch immer eine Innovationsmaschine, die alle anderen Technologiefirmen, die ich kenne, in den Schatten stellt. In vielem ist Google aber inzwischen ein ganz normales Unternehmen, etwa bei ethischen Entscheidungen. Natürlich arbeitet man mit Chinas Zensoren zusammen, aus Angst, einen wichtigen Markt zu verlieren. Und natürlich sagt man nicht ehrlich, was man vor hat oder will grundsätzlich Gutes tun, sondern handelt in erster Linie aus Eigeninteresse.

Sie arbeiten als freier Journalist. Ist Google ein Freund oder Feind für Journalisten?

Google ist ein wichtiges Recherchewerkzeug, durch das man oft auf Kontakte oder Informationsmöglichkeiten stößt, die früher unerreichbar waren. Google hilft mir außerdem, heraus zu finden, wer auf seinen Webseiten meine Texte nutzt, ohne dafür zu bezahlen. Das ist enorm hilfreich. Und vielleicht wird in ein paar Jahren, wenn die Urheber ihre Werke nicht mehr über Verwertungsunternehmen wie die Zeitungsverlage verbreiten, Google eine wichtige Ressource sein, damit die Menschen, die sich für meine Inhalte interessieren, sie auch finden. Also ist Google ein Freund der Journalisten oder besser: Google ist ein Freund der Urheber, denn sie bekommen mehr Informations- und Inspirationsmöglichkeiten als früher. Zudem können sie verfolgen, was mit ihren Werken passiert. Dass Dinge kopiert oder geklaut werden, ist etwas anderes. Google verursacht das nicht, sondern ist ein Werkzeug dafür. Darüber zu klagen ist so, wie das Telefon zu verdammen, nur weil es unerlaubte Telefonwerbung gibt.

Apropos klagen: Der Verleger Hubert Burda bezeichnete Google kürzlich als „die Killerapplikation“. Die marktbeherrschende Suchmaschine liefere rund die Hälfte des Traffics der journalistischen Websites und verwalte „in Deutschland über ein Drittel der Werbeumsätze im Netz – und all das, ohne selbst in teuren Journalismus zu investieren“. Burda möchte, dass Google für die Verweise auf Texte bezahlt. Wie sehen Sie das?

Es wäre eine Katastrophe, wenn die Verleger mit dieser plumpen Idee durchkommen würden. Google kopiert keine Inhalte, Google verlinkt, und wenn den Verlagen nicht passt, das Google auf ihre Inhalte verlinkt, können sie das mit ein paar Mausklicks ändern. Das machen die Zeitungs- und Zeitschriften-Verleger nicht, weil sie sich selbst der Internet-Logik unterwerfen und über Google Klicks von Zufallssurfern sammeln wollen, statt dezidiert ihre Web-Angebote auf ihre Stammleser auszurichten. Ich würde Letzteres für sinnvoller und besser für die Qualität des Journalismus insgesamt halten. Aber das war eine strategische Entscheidung von Leuten, die ich viel eher als Totengräber des Journalismus bezeichnen würde, wenn wir schon bei der Vokabel Killerapplikation bleiben wollen. Die Verlage sollten mit ihren Entscheidungen leben oder ihre Strategie ändern, aber jetzt nicht jammern. Dass sie beklagen, schleichend enteignet zu werden, empfinde ich als äußerst verlogen. Die Medienunternehmen enteignen die Urheber, die freien Journalisten, die für sie arbeiten, seit Jahren durch Buyout-Verträge. Jetzt, wo sich zeigt, dass ihre Strategie, gute Inhalte online zu verschenken, nicht aufgeht, soll Google zahlen? Und wer noch? Yahoo? Bing? Auch eine an der Uni entwickelte und betriebene Meta-Suchmaschine wie Metager? Das ist so blöd und frech als Forderung, dass man sich wundert, darüber überhaupt diskutieren zu müssen. Dass die Urheber von dem Geld etwas abkriegen sollen, wenn etwas für die Verlage eingezogen wird, ist in diesen Modellen natürlich nicht vorgesehen. Gerade dieser Vorstoß der Verlage zur zukünftigen Finanzierung des Journalismus regt mich wirklich auf. Wer solche Ideen unterstützt, muss sich fragen lassen, ob er wirklich Gutes für den Journalismus und die Öffentlichkeit im Schilde führt.

Die Suchmaschine führt aber auch nicht nur Gutes im Schilde: „Google kennt dich besser, als du denkst“, lautet der Untertitel Ihres Buches. Wo sehen Sie die größten Gefahren?

Problematisch finde ich die Informationsmassen, die gesammelt werden und die sich so auswerten lassen, dass man Intimstes über viele Menschen erfährt, und zwar nicht über irgendwen, sondern über Menschen, die mit Vor- und Nachnamen identifizierbar sind. Haben Sie Schulden? Gehen Sie fremd? Sind Sie an HIV erkrankt? Google nutzt dieses Wissen, das problemlos aus allen gesammelten Suchanfragen, Mails, Anfragen bei Landkartendiensten und so weiter angehäuft wurde, nicht schamlos aus. Aber es gibt keine Rechtsgarantie und keine sonstige Sicherheit, dass das nicht irgendwann einmal passiert – durch Google selbst oder durch andere, die die Datenschätze stehlen und beispielsweise an Gesundheitsunternehmen verkaufen. Es gibt ein lauwarmes Versprechen der Google-Gründer, das nicht zu tun. Aber bis vor ein paar Monaten haben die auf Nachfrage auch gesagt, dass sie niemals ein Betriebssystem bauen werden. Jetzt gibt es aber bald das Betriebssystem Google OS, und die Versprechen von gestern sind nichts mehr wert. Nicht, dass ich missverstanden werde: Google OS ist kein Problem, es ist nur ein Beispiel dafür, dass das, was ein Firmengründer gestern sagte, heute oder morgen nicht mehr gelten muss. Deswegen wäre mir lieber, Google würde die Datenberge nicht speichern oder wenigstens durch Dritte verbindlich prüfen lassen, was man damit treibt.

Wenn ich nach Ihrem Namen google, erhalte ich derzeit 19 00 Treffer. Ist Ihnen das egal oder freut es Sie, weil Sie dadurch vielleicht zu Aufträgen kommen oder kann diese Prominenz auch schaden?

Es schadet mir nicht, als Experte identifizierbar zu sein, auch wenn deshalb nicht dauernd Auftraggeber anrufen. Als Journalist will man doch gefunden werden und sich als Fachmann positionieren. Insofern ist dieser Effekt für mich wünschenswert, für andere Menschen in anderen Lebenssituationen aber vielleicht nicht. Aber das ist kein Google- sondern insgesamt ein Netz-versus-Privatsphäre-Problem.
Man findet vieles über mich, aber vieles ist doppelt. Von den 19 00 Einträgen sind 18 00 voll mit dem Gleichen: Google-Buch-Autor, Journalist und so weiter; schreibt für dies oder für das. Man muss schon sehr graben, um zu sehen, bei welchem Verein ich Fußball spiele. Ich denke sogar, bei Journalisten ist es gut, wenn die Auftraggeber googlen, weil gegebenenfalls auch Abhängigkeiten deutlich werden, über die manche Kollegen vielleicht eher schweigen. Etwa ein PR-Job für einen Auftraggeber, der dann überraschend oft auch in den Zeitungsartikeln, die der Journalist verfasst, auftaucht.

Wie intensiv nutzen Sie persönlich Google, haben Sie beispielsweise einen Google-Mail-Account?

Um für das Buch zu recherchieren und heute weiter zu beobachten, was Google so treibt, nutze ich fast alle Dienste unter falschem Namen, aber nicht privat oder beruflich als Kommunikationswerkzeuge. Da nutze ich die Suche zum Beispiel Ixquick, eine aus den Niederlanden stammende Suchmaschine, und andere Suchanbieter. Ich liebe Google Earth, um die Welt zu betrachten. Und Google Maps funktioniert gut, wenn ich irgendwo hin will. Aber ich meide alle personalisierten Dienste und versuche, durch Software wie TrackMeNot oder dauerndes Cookie-Löschen zu verhindern, dass in den Google-Speichern zu viel über mich landet.

Es gibt einige sehr praktische Google-Applikationen wie etwa kostenlose Programme für Texte und Tabellen, den Reader, Maps, Earth usw. Was würden Sie dem normalen Internet-Nutzer beim Umgang mit Google empfehlen, ab wann sollte man sein eigenes Verhalten infrage stellen?

Das ist eine sehr individuelle Entscheidung. Wenn einem egal ist, was Google mit den Daten macht, kann man alles, auch die personalisierten Dienste wie Mail, Texte und Tabellen nutzen. Wer sich darüber aber Sorgen macht, sollte die hungrige Maschine nicht weiter füttern. Mit Software wie TrackMeNot, die dauernd falsche Suchanfragen an Google schickt, sorgt man dafür, dass die eigenen Suchanfragen in einer Flut von Datenmüll verborgen sind. Weniger wichtiger ist, glaube ich, ob ich Dienst A oder B nutze, als dass ich mich ganz nüchtern damit auseinandersetze: Welche Daten gebe ich preis, was tue ich da. Wenn diese Reflektion öfter stattfinden würde, wäre schon viel gewonnen Weder ich noch irgendwelche anderen Leute können dem Einzelnen die Auseinandersetzung mit Netztechnologie und Datenschutz ersparen.

Es gibt ja noch einige andere Suchmaschinen, häufig entpuppen sich diese Angebote aber auch als Datenkraken. Sollte sich der Normalnutzer trotzdem nach Alternativen zu Google umschauen?

Klar sollte man unterschiedliche Suchmaschinen ausprobieren. Jede liefert etwas andere Ergebnisse und prägt damit, wie wir die Welt sehen, außerdem ist Vielfalt immer gut. Und wenn andere Datenkraken darunter sind, erfährt nicht einer von denen alles über mich, sondern jeder nur einen Ausschnitt.

Könnten Sie sich ein Arbeitsleben ohne Google vorstellen?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich bin ein Gewohnheitstier. Statt konsequent bei Ixquick zu bleiben, suche ich dann doch immer wieder auch mit Google. Aber das sind Gewohnheiten, keine technischen Notwendigkeiten. Wenn man will, ginge es auch ohne.

Sie beschäftigen sich immer noch sehr intensiv mit Google. Welche Fragen sind für Sie trotz intensiver Recherchen noch unbeantwortet?

Ich würde gerne mal bei Google die Datenberge durchforsten und anhand von unverfänglichen Daten, einfach durch das Durchrechnen von Wahrscheinlichkeiten, Informationsschnipsel zusammen tragen. Also nicht nur anhand der öffentlich sichtbaren Suchergebnisse ein Profil erstellen, das kann man ja selbst machen und so irgendwelchen Menschen hinterher schnüffeln. Schon das ist – wenn man die gewonnenen Daten betrachtet – so ergiebig, dass es mir oft Angst macht. Aber intern zu sehen, was noch alles geht, durch das Auswerten von Log-Files zum Beispiel, das wäre sicher noch spannender und vermutlich auch sehr gruselig anzusehen. Und ich würde gerne mehr in die Köpfe von den Gründern hinein schauen. Sind die wirklich so naiv, wie sie tun, oder eiskalt? Sie machen so viele Äußerungen, in denen Größenwahn anklingt, sind aber andererseits auch ziemlich humorvolle Menschen, so dass es immer schwer ist zu sagen, wie was gemeint ist, vor allem, wenn man dieses oder jenes Zitat nur in der Zeitung liest.

Von dem amerikanischen Journalisten Jeff Jarvis ist im Frühjahr ein Buch mit dem Titel „Was würde Google tun?“ erschienen. Drehen wir den Spieß doch mal um: Was würde Herr Reppesgaard Google empfehlen, zu tun?

Nehmt die Nutzer ernst. Begreift, dass ihr mit euren Informationsmengen auf einer Zeitbombe sitzt und denkt nicht, wenn jemand von Datenschutz und Privacy spricht, dass das nur ein Bedenkenträger und Technikmuffel ist. Stellt euch selbst dieser Verantwortung und macht nicht alles, nur weil es machbar ist.
Das Interview führte Thomas Mrazek
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