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Blogs

Lokal total: Von Null auf 500 000

von Hardy Prothmann

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Zum „Bloggen“ bin ich durch Zufall gekommen. In Heddesheim, dem kleinen Ort, in dem ich lebe, soll ein riesiges Logistikzentrum gebaut werden. Dazu habe ich recherchiert und die Ergebnisse gebloggt. Inzwischen ist für mich klar: Die Zukunft des Regionaljournalismus liegt im Internet. Warum ich das weiß? Heddesheim hat 11 300 Einwohner. Nach drei Monaten „Bloggen“ hat meine Seite eine halbe Million Besucher.


Seit drei Monaten „blogge“ ich. Das heißt, ich veröffentliche meine journalistischen Arbeiten im Internet. Der Erfolg dieser Arbeit ist in jeder Hinsicht überwältigend. Innerhalb von drei Monaten wurden meine Artikel über eine halbe Million Mal abgerufen. Die Lokalpolitik erlebte einen Umsturz und das heddesheimblog ist Tagesgespräch. Was ist passiert? Wann genau der Flyer der IG neinzupfenning in meinem Briefkasten lag, weiß ich nicht mehr. Es war wohl Ende März 2009. Ich lebe in Heddesheim mit Frau und Kindern. Der Ort ist eine Wohngemeinde. 11 300 Einwohner, verkehrsgünstig optimal zwischen der A5, A6 und A61 in Nordbaden gelegen. Zwölf Kilometer bis Mannheim. Dort habe ich mein Büro. Von Mannheim aus arbeite ich seit 1994 überregional. Vom Lokaljournalismus als „Freier“ kann schließlich niemand leben. In dem Flyer stand: Durch das geplante Logistikzentrum der Firma Pfenning könnten 80 000 Lkw pro Jahr durch unseren kleinen Ort fahren. Der Ort war in Aufruhr.

Als routinierter Journalist begann ich ohne Auftrag, nur aus Interesse am Thema, zu recherchieren. Eine schnelle Archiv-Abfrage beim Mannheimer Morgen zeigte, dass die Firma Pfenning vor einigen Jahren einen äußerst schlechten Ruf hatte: „Betriebsratschef zusammengeschlagen“ war nur eine von vielen negativen Schlagzeilen aus den Jahren 2000 bis 2002.

Ich stellte meine Recherchen online, nach vierzehn Tagen brach die Seite bei blogger.de immer wieder zusammen – zu viele Zugriffe. Ich wechselte zu einem professionellen Anbieter und mischte unter die „Pfenning“-Themen lokale Geschichten. Die wurden mehr oder weniger genauso gut angenommen wie das Aufreger-Thema. Nach sechs Wochen wollte ich es wissen und baute die Berichterstattung über Heddesheim aus. Meine Idee: Könnte es sein, dass die Menschen im Ort Interesse an einem neuen Medium haben, das ihre Themen abbildet?

Themen wie „Sängerfest“, „Aqua-Jogging“, „Seniorentag“, „Feuerwehr pumpt Keller leer“ sind seitdem Tagesgeschäft. Lokal total eben.

Doch dazwischen gab es eine Kommunalwahl: CDU und SPD verloren drei Sitze, die die Grünen gewannen. Ich machte Experteninterviews, Grafiken, Wahlberichterstattung.

Ich werde angegriffen und angefeindet, lebe ich doch erst seit fünf Jahren im Ort und darf deshalb keine Meinung haben, schon gar keine, die Öffentlichkeit herstellt – so alle relevanten Dorf-Chefs aus Politik, Vereinen und Parteien.

Einige Monate bevor das „Pfenning“-Thema im Ort hoch kochte, hatte ich mich auf Anfrage meiner Schwiegereltern aufstellen lassen – als Parteiloser auf der Liste der FDP. Die FDP hatte drei Sitze, ich Listenplatz 11. Das heißt, ich war chancenlos.

Meine Berichterstattung und die Arbeit der IG neinzupfenning heizen die Stimmung aber an. Ich werde in den Gemeinderat als Stimmführer gewählt und erhalte 20 Prozent mehr Stimmen als der Fraktionsvorsitzende. Nach zwei sehr kurzen Fraktions-Gesprächen entscheide ich mich, nicht nur parteilos zu sein, sondern ein freies Mandat wahrzunehmen. Für den Wahlkampf habe ich Transparenz gefordert. Meine erste Aufgabe war die schizophrene Klärung, wann ich Bürger, wann Journalist und wann Gemeinderat bin. Bis jetzt ist die Übung gelungen, auch wenn alle dachten, dass mir diese Forderung das Genick brechen würde.

Die Situation wird teilweise so absurd, dass nur Satiren die absurde Antwort auf absurde Vorkommnisse im Ort sein können. Ich veröffentliche „Verschlusssachen“ – die bringen viele in Rage. Dem heddesheimblog tut das gut, denn das Interesse, also die Besucherzahlen, sind hoch und steigen weiter. Die Satiren lösen einen Entrüstungssturm aus: „Das dürfen Sie nicht...“ ist ein Satz, den ich wie in einer Endlosschleife immer wieder höre. Ich darf aber. Und ich will wissen, was in einem Ort machbar ist, in dem scheinbar alles so schön geregelt ist. Und je mehr ich das wissen will, sprich recherchiere, umso nervöser wird die Situation.

„Der Mannheimer Morgen hat noch nie so geschrieben, wie Sie das tun“, klingt es mir im Ohr. „Das ist ein Skandal. Sie müssen damit aufhören.“ „Warum“, frage ich und recherchiere weiter. Eine Story nach der anderen erscheint und deckt gnadenlos die unterschiedlichsten Verstrickungen im Ort auf. Dazwischen gelingen auch Scoops.

Streitthema Nummer eins ist das schon erwähnte geplante Logistikzentrum. Obwohl es noch nicht genehmigt und geschweige denn gebaut ist, verkauft die Firma Pfenning per Anzeige schon die Hallen. Der fingierte Anruf eines Interessenten wird aufgenommen und im blog veröffentlicht: Die Bürger reagieren mit verständlicher Empörung. Das Unternehmen Pfenning droht mir wegen der Sache mit dem Anwalt. Das ist vier Wochen her. Es blieb bei der Drohung.

Auf Grund des Drucks der Berichterstattung muss die Gemeinde einen über Monate geheim gehaltenen „städtebaulichen Vertrag“ offen legen, und es wird nun eine Bürgerbefragung zum Thema geplante „Pfenning“-Ansiedlung zeitgleich zur Bundestagswahl geben.

Und immer wieder geht es in meinen Recherchen und Berichten um Interessen der vielfältig verbundenen Dorfbewohner, die mitunter auch noch vielfältig verwandt und verschwägert sind. Kommentatoren reden von Klüngel, gar von Mafia – ich recherchiere Hintergründe. Der Bürgermeister Michael Kessler blockt, ich blogge, er gibt mir kein Interview, dem Mannheimer Morgen aber viele. Auch das blogge ich, die Aufmerksamkeit ist riesig.

Die Kollegin vom Mannheimer Morgen ignoriert mich, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Ich kopiere bildblog.de und zerreiße die Berichterstattung vom Mannheimer Morgen wann es mir beliebt, weil sie journalistisch einfach nur unzureichend ist. Seit fast vier Monaten gibt es nicht eine auch nur im Ansatz um Recherche bemühte Geschichte. Das schlachte ich gnadenlos aus. Zu recht, weil der Mannheimer Morgen zwar Monopolist ist, aber gleichzeitig vollkommen versagt. Wäre der Mannheimer Morgen ein Autohersteller, würde keines seiner Autos je den Hof verlassen, weil sie nicht anspringen würden.

Das heddesheimblog wird als noch schlechter als die Bild verunglimpft. Auf einem Fest geht mich der Bruder des örtlichen CDU-Fraktionschef körperlich an. Gerüchte kursieren, meine im Ort engagierten Schwiegereltern bekommen soziale Probleme: „Was dein Schwiegersohn da so macht...“ Irgendwie erinnert mich das an die 1968iger Jahre, als ebenfalls ein Wechsel stattfand.

Aus der journalistischen Perspektive sehe ich den Wechsel so: Der Mief der lokalen und regionalen Zeitungen hängt meinen Lesern zum Hals raus. Sie wollen schnell, zutreffend und korrekt informiert werden. Und sie wollen Vielfalt. Auf dem heddesheimblog sind Dutzende von Gastbeiträgen und Leserbriefen erschienen. Teilweise mit besseren Leserzahlen als meine hart recherchierten Beiträge. Die Beiträge mit den meisten Kommentaren wurden am meisten gelesen. Aus der statistisch vom Server gemeldeten Verweildauer kann ich das schließen. Die Leser steigen in meine Geschichten nicht unbedingt direkt ein, sondern oft über die Kommentare, die andere Leser hier veröffentlicht haben.

Ich verstehe schnell, dass sich mein Nachrichtenangebot von dem der anderen dadurch unterscheidet, dass ich mit meinen Leserinnen und Lesern in Kontakt bin und diese Kontakte pflege. Eitel freue ich mich über gut geklickte eigene Artikel. Aber ich lerne auch von Kommentaren oder Gastbeiträgen, die sehr persönlich (also nicht unbedingt objektiv), aber sehr eindringlich eigene Perspektiven schildern. Ich lerne, dass das die Menschen erreicht. Die Kommentare erfordern viel Arbeit. Gerade am Anfang wurde da aus allen Rohren gefeuert – gegen alles, was auf dem heddesheimblog erschienen ist. Ich habe offene Regeln eingeführt und diese durchgezogen. Mittlerweile gibt es immer weniger Pseudonyme, sondern Klarnamen und vor allem gut geschriebene Thesen, die für mich auch neue Rechercheansätze ergeben. Web 2.0 eben. Bin ich aber deswegen selbst Web 2.0? Ein Blogger? Einer, der mit seinen Erkenntnissen und Thesen den Cyberspace bereichert?

Das glaube ich nicht. Ich bin Journalist und nehme meinen Beruf ernst. Ich will informieren. Ganz subjektiv und meinungsstark, dabei aber um objektive, professionelle Berichterstattung bemüht. Und ich habe noch nie in meinem Berufsleben so viel Feedback erhalten, was mich enorm anspornt.

Das Problem, das ich noch lösen muss, ist, diese harte Arbeit durch Werbung zu finanzieren. Google Adsense läuft schon und bringt wenigstens etwas. Ein paar Kunden haben schon zögerlich geschaltet, waren aber mit dem Echo sehr zufrieden. Und ich bin überzeugt davon, dass die Werbung der Aufmerksamkeit folgt, und die gehört seit April 2009 zuerst zögerlich, dann immer mehr und seit gut zwei Monaten in Heddesheim dem heddesheimblog.

Woher ich das weiß? Ganz einfach. Ich habe Ende Juni geheiratet und übers Wochenende zwei Tage keine neuen Nachrichten geschrieben. Am Montag bekam ich drei Anrufe mir nicht bekannter Leute plus einige E-Mails: Alle wollten wissen, ob das heddesheimblog seine Arbeit eingestellt hat. Als ich für andere Redaktionen gearbeitet habe, bin ich nie angerufen worden, wenn in einer Ausgabe mal kein Beitrag von mir war.

Zur Zeit habe ich vor allem bei den Kritikern meiner Arbeit den Namen „Mr. Heddesheimblog“, und die meinen das abwertend. Heddesheimblog? Was ist das schon? Nur ein Scheiß. Dass diese Einstellung das eigene Leben zum Scheiß macht, verstehen diese Leute nicht. Sie stecken zu tief in ihrer eigenen Scheiße. Wie tief, recherchiert das heddesheimblog.

Mein Ehrgeiz ist, dass in einigen Monaten erste Mitarbeiter für das heddesheimblog unterwegs sind und interessante Geschichten recherchieren. Ab Oktober bekommt eine Nachbargemeinde von Heddesheim ebenfalls ihre eigenes „blog“. Darauf freue ich mich, vor allem, weil ich darum gebeten wurde. Engagierte Bürger sehen das blog als Chance, die mediale Monotonie und damit die Einzeitungs-Monopolisten zu überwinden.

Und die Moral von der Geschichte? „Bloggen“ funktioniert sehr wohl. Wobei die Feststellung eigentlich vollkommen egal ist: Was ist schon der Unterschied zwischen einem blog, einer Zeitung oder dem Radio oder Fernsehen? Es ist ein technischer, mit allen darin implizierten Bedingungen. Publizistisch und journalistisch beweist das heddesheimblog, dass blogs tatsächlich eine Zukunft als neues journalistisches Medium haben können. Eine halbe Million Seitenzugriffe innerhalb von drei Monaten in einem Ort von 11 300 Einwohner sind ein guter Beweis. Der Erfolg wird aber wie immer am Geld gemessen, deshalb muss nach den Inhalten jetzt die Werbevermarktung kommen. Das ist für einen Journalisten, der damit noch nie direkt zu tun hatte, eine besondere Herausforderung. Weil die Inhalte stimmen, bin ich aber davon überzeugt, dass die Werbung dem Inhalt folgt. Ich hoffe, das klappt.

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Heft Nr. 4-2009
Titelthema:
Qual der Wahl

Titelfoto: Bernd Lammel



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