Titelthema: 20 Jahre Mauerfall
Ich weine dieser DDR keine Träne nach
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Marianne Birthler ist seit 2000 Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Ihre zweite Amtszeit endet 2011. Einen wichtigen Erfolg der Arbeit ihrer Behörde sieht sie im 20. Jahr nach dem Mauerfall darin, dass immer mehr Menschen begreifen, dass das Thema DDR und Stasi ein gesamtdeutsches Thema ist. Berliner Journalisten sprach mit ihr über die Anstrengung, in Freiheit zu leben, über 15 000 Säcke mit zerrissenen Unterlagen zu ordnen und die Kunst, mit Anfeindungen umzugehen.

Es gibt nicht wenige Menschen aus dem Osten, die heute sagen: Früher ging es uns besser. Macht Sie das 20 Jahre nach der friedlichen Revolution traurig oder wütend?

Es ärgert mich schon. Das hat wohl damit zu tun, dass sich viele Menschen so verhalten wie die Sonnenuhr – die zählt auch nur die schönen Stunden. Schmerzliche Erinnerungen an eine Zeit der Diktatur, die ihre Bürger eingemauert hatte, erzeugen nun mal keine guten Gefühle. Deshalb erinnern sich viele Menschen lieber nicht daran. Unsere Behörde ist auch dafür da, den Blick auf die DDR zu schärfen – ohne rosarote Brille. Natürlich gibt es vieles, an das auch ich gern zurückdenke, aber bitte nicht auf Kosten der Tatsachen. Wir haben in einer Diktatur gelebt, in einem Land, in dem eine allmächtige Partei die Bürger entmündigte und belog, in dem Andersdenkende überwacht und verfolgt oder abgeschoben wurden. Wer fliehen wollte, riskierte gnadenlos erschossen zu werden. Ich weine dieser DDR keine Träne nach. Wer heute meint, die DDR wäre ein humanistischer Staat gewesen, belügt sich selbst und andere. Und ist vielleicht anfällig, auf andere politische Verführungen hereinzufallen.

Viele sagen aber, dass es ihnen früher besser ging, weil sie in der DDR Arbeit hatten und nun ohne Job zu Hause sitzen.

Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen, die im wiedervereinigten Deutschland beruflich nicht wieder Fuß fassen konnten, verbittert sind. Aber das Problem sitzt tiefer, denn es ist ja nicht so, dass die Benachteiligten die DDR schönreden und die, die es geschafft haben, sie realistisch sehen. Diejenigen, die mit verklärtem Blick auf die DDR schauen, sitzen ja nicht selten in unkündbaren und gut bezahlten Stellungen und die Linkspartei feiert dort ihre Wahlerfolge, wo das Familieneinkommen mit am größten ist.
Einer der Gründe für die Unzufriedenheit der Menschen ist wahrscheinlich die Tatsache, dass Freiheit anstrengend ist. Viele haben wohl davon geträumt, dass sie in eine Art Schlaraffenland kommen. Und wer sich so getäuscht hat, ist dann zwangsläufig auch enttäuscht. Außerdem haben Diktaturen nicht nur eine bedrohliche, martialische Seite. Sie sind auch ein Angebot, dass manche verlockend und verführerisch finden: Bei uns lebt ihr sicher. Bei uns gibt es nicht soviel Kriminalität. Bei uns müsst ihr euch keine Sorgen machen – wir sorgen für Euch. Bei uns müsst ihr keine Verantwortung für Euer Leben übernehmen. das macht der Staat. Dazu kann ich auch eine schöne Geschichte erzählen: Zu tiefsten DDR-Zeiten kamen meine Schwester und ich einmal zu unserer Mutter nach Hause und erzählten ihr, was wir in der Schule alles über die BRD gelernt hatten. Da gäbe es massenhaft Arbeitslose, Drogensüchtige, Obdachlose. Diese schrecklichen Bilder von einem schrecklichen Land haben uns echt erschüttert. Da seufzte unsere Mutter und sagte: „Ach Kinder, ihr kennt die Freiheit nicht, da kann man das nicht alles verbieten.“

Wenn sich manche Leute nun so sehnsüchtig die gute alte DDR zurückwünschen, ist denen dann auch bewusst, dass sie die gute alte Stasi gratis dazu bekämen?

Ich weiß ja nicht mal, ob sie ihre DDR wirklich zurückhaben wollen. Ich glaube, dass die Leute nur ihrer heutigen Unsicherheit und ihren Ängsten Ausdruck verleihen, wenn sie die DDR schönfärben. Ich bin überzeugt: Wenn sie wirklich wiederkäme, hätten wir sofort eine neue Ausreisewelle. Die Leute wollen wahrscheinlich nicht die DDR wieder haben, sie wollen nur nicht auf ein Wunschbild verzichten – auf das Paradies, das Land, wo Milch und Honig fließen. Es gibt ja immer noch die weitverbreitete Illusion, dass eine bessere DDR möglich gewesen wäre, wenn man nur ein paar Fehler vermieden hätte.
Vor einiger Zeit sprach Lothar Bisky in einer Podiumsdiskussion davon, dass die Ausbürgerung von Biermann ein Fehler gewesen sei. Ein anderer Fehler war dann wohl der Bau der Mauer oder das Vorgehen der Staatssicherheit gegen vermeintliche Feinde. Aber das waren keine Fehler! Ein repressives System wie die DDR musste so handeln, sonst wäre sie nicht besser gewesen, sondern schon viel früher von der Bildfläche verschwunden. Es geht nicht um Fehler, sondern um systemimmanente Entwicklungen, zu denen die DDR gezwungen war, bei Strafe ihrer Existenz. Außen die Mauer, damit die Bürger nicht weglaufen und innen die Stasi, damit sie kuschen. In dem Moment, wo Überwachung und Mauer wegfielen, war Schluss mit der DDR.

Wie viele Säcke mit zerrissenen Stasi-Akten gibt es noch?

Die zerrissenen Akten sind ja nur ein kleiner Teil unseres Bestandes. Das sind über 15 000 Säcke mit Unterlagen, die 1989 vernichtet werden sollten. Inzwischen haben wir den Inhalt von 400 Säcken rekonstruiert.
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