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Titelthema: 20 Jahre Mauerfall

„Das weiche Wasser bricht den Stein...“

von Friedrich Schorlemmer

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Für ein Land, das einer Mauer bedurft hatte, um weiter zu existieren, musste man sich schämen, der Willfährigkeit der meisten Bewohner auch. Und doch: Hatten wir ein Glück, dass die Mauer, ein zum „Stützpfeiler des europäischen Hauses“ erklärtes Schandmal mit der Bezeichnung „Antifaschistischer Schutzwall“ am 9. November 1989 – nicht zuletzt infolge eines friedlichen Volksaufstandes – durchbrochen werden konnte.

Was man heute Ostdeutschland nennt, was 1945 Sowjetisch besetzte Zone (SBZ) und dann 40 Jahre DDR mit 28 Jahren Einmauerung wurde, war das in Jalta willkürlich abgeteilte ostdeutsche, eigentlich mitteldeutsche Territorium gewesen, das von 400 000 Sowjetsoldaten in Schach gehalten wurde. Der „einzig rechtmäßige deutsche Staat“ war ein Gebilde, das nicht ohne Mauer leben konnte und mit der Mauer eine einzige Lüge war: ein „Friedensstaat“ mit „Friedensgrenze“. Die DDR war ein leninistisch-stalinistisch angelegter Großversuch, im Herkunftsland der sozialistischen Idee „eine gerechtere Gesellschaft“ mit dem Mittel „Diktatur des Proletariats“ zu errichten.

Das ist gründlich gescheitert. Eine große Idee ist buchstäblich zerfallen. Es war wirklich nicht alles schlecht (gedacht), nicht alles böse (gewollt), aber es ist schließlich ganz schief gegangen. Geschichte verläuft seither nicht mehr „gesetzmäßig“ und „wissenschaftlich voraussagbar“, sondern schwer vorhersehbar, nicht mehr marxistisch-altruistisch, sondern darwinistisch-egoistisch. Auf Marxismus ist Marktismus als Weltideologie ohne Alternative gefolgt.

Das erstere ist nicht zuletzt wegen Überregulierung implodiert, letzteres implodiert an Deregulierung. Das eine System hat nicht gesiegt – es ist nur übriggeblieben, hat in eine weltweite Krise geführt, deren Ende und Ausgang noch niemand voraussagen kann.

Die deutsche Variante einer Sowjetrepublik mit dem verheißungsvollen Namen DDR war zu Beginn mit vielen Hoffnungen, sogar mit dem Pathos eines historischen Neuanfangs verbunden. Dem objektiven Geschichtsverlauf habe man sein Stadium abgelauscht: Nun sei der Sozialismus dran, also eine Gesellschaft mit Gerechtigkeit und Frieden, ohne Ausbeutung, mit sozialer Sicherheit, konsequentem Antifaschismus und proletarischem Internationalismus. Aber das funktionierte nicht unter weltoffenen Bedingungen, also mussten die Beglückten eingesperrt werden. Der ideologische und ökonomische Wettkampf der Systeme fand im geteilten Deutschland, an der Nahtstelle des hochgerüsteten Kalten Krieges, einem bevorzugten Kampfplatz statt. Die beiden Großmächte fütterten jeweils ihre Deutschen. Aber die östlichen wurden erst einmal ausgeplündert, zumal die „Deutsche Wehrmacht“ zuvor die Sowjetunion zur Hälfte zerrüttet hatte. Was stets als Arbeiter- und Bauernmacht ausgegeben wurde, war doch nur die Herrschaft einer geistig engen Parteiclique, die permanente Machtverlustangst umtrieb, weshalb sie Macht- und Sicherheitsfragen in den Mittelpunkt stellte. Heilig wurden ihr die sozialen Errungenschaften, ob sie erwirtschaftet werden konnten oder nicht. „Vater Staat“ kümmerte sich um alles, auch um das, was ihn nichts anging. Entmündigung durch Umhegung! Befreiung durch Enteignung! Die eigentliche Regentin war die Angst. Leben ohne Alternative in einem totalitären System, das einige Nischen ließ. 28 Jahre eingemauert leben. Das ist lang in einem Menschenleben und legt sich auf die Psyche eines ganzen Gemeinwesens.

Nicht reisen dürfen. Keine konvertierbare Währung haben. Einer Meinungszensur unterliegen. In Massen organisiert sein. Einer wissenschaftlichen Ideologie mit totalem Wahrheits- und Machtanspruch unterworfen sein. In permanenter Vormundschaftlichkeit leben. Und einer Dauererziehung zum sozialistischen Menschen ausgesetzt sein. Den Widerspruch zwischen dem, was man sieht, und dem, was man gesagt bekommt, nicht nur schweigend ertragen, sondern selber mitlügen (müssen). Die Söhne an einer „Friedensgrenze“ mit Hundeleinen und Selbstschussanlagen ihren „Ehrendienst“ tun lassen. Belauert werden und belauern. Das alles macht Menschen von innen her kaputt, ganz abgesehen von den zerfallenen Altstädten, den ökologisch verseuchten (Militär-)Arealen und rettungslos veralteten Industrieanlagen.

Daneben aber auch staatliche Sorge um kinderreiche Familien, erhöhte Bildungschancen für Arbeiterkinder, beinahe kostenlose medizinische Betreuung, billiges Brot, billige Theaterkarten, billige Mieten. Alle haben Beschäftigung. Keiner fällt durchs Netz. Wehe nur, wenn die Bürger, als quasi Staatseigentum, nicht genügend dankbare Unterwürfigkeit zeigen.

Wenn Bürger die „gute Politik“ der Partei- und Staatsführung in Zweifel ziehen oder gar der sozialistischen Zwangsbeglückung den Rücken kehren und auswandern wollen, dann trifft sie die ganze Härte der Arbeiter- und Bauernmacht. Dann verwandeln sich Bürger in Verräter, Elemente, feindlich-negative Kräfte ...

Die DDR wurde schon damals sehr unterschiedlich erlebt. Die einen verklären sie angesichts heutiger Arbeitslosigkeit oder Hartz-IV-Existenz wegen der sozialen Sicherheit, während andere nur an „die Sicherheit“ denken, die alles durchdrang, umgarnte und zersetzte.

Doch mitten in der Zeit der Angst – lebend hinter einer Mauer mit Todesstreifen, Hundeleinen, Schusswaffen-Gebrauchsanweisung – gab es Aufbrüche, befreiende Erlebnisse, Hoffnung stiftende Nachrichten und Hoffnung stiftende Personen.

Wenn ich jetzt von WIR spreche, meine ich den weitverzweigten Kreis meiner Freunde und Mitstreiter in über 30 Jahren bewussten politischen Lebens.

Wie glücklich waren wir in den Tagen des Prager Frühlings mit den Bildern der 1. Mai-Demonstration 1968 in Prag, wo das Volk nicht mehr an den Tribünen der Herren des Volkes vorbeimarschierte, sondern die Vertreter von Partei und Regierung, Gewerkschaften voran gingen, wo das Sich-Zujubeln echt war.

Wie wunderbar war es, nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen, des deutsch-polnischen und des Berlin-Abkommens nun auch ein deutsch-deutsches Abkommen zu erleben, das uns ermöglichte, Freunde aus dem Westen zu empfangen.

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Heft Nr. 5-2009
Titelthema:
20 Jahre Mauerfall

Titelfoto: Gabriele Fromm



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