Georgien Special
Bauchschuss im ‚friendly fire‘
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Das Institut für War- and Peace Reporting (IWPR) bietet für Journalisten Trainingskurse im Kaukasus an: Berichterstattung in Kriegs- und Krisengebieten unter sehr realistischen Bedingungen. Bernd Lammel, stellvertretender Vorsitzender des DJV Berlin, hauptberuflich Fotograf, und Jutta Rabe, Vorstandsmitglied des DJV Berlin und Fernseh-Journalistin, waren als Beobachter dabei.
Wir sitzen in einem Transporter gemeinsam mit Azer, einer hübschen, schüchternen, jungen Kollegin aus Armenien, Mehman, einem einundzwanzigjährigen Kollegen aus Aserbaidschan, der in seinem Land bereits zweimal im Gefängnis saß und dessen Bruder, auch Journalist, im letzten Jahr ermordet wurde und Nina aus Georgien, die gerade ihr Journalistikstudium beendet hat.
Das IWPR hat uns eingeladen, als Beobachter an diesem Spezialtraining teilzunehmen, denn ab nächstem Jahr möchte man diese Kurse für Reporter, die aus Kriegs- und Krisengebieten berichten sollen, auch international Journalistenkollegen anbieten.
Azer hat ein wenig Angst, ist aber dankbar für die Teilnahmemöglichkeit, denn sie soll für ihren TV-Sender demnächst nach Bergkarabach geschickt werden. Mehman ist weise wie ein alter Mann und meint, dass ein Journalist im Kriegsgebiet besondere Verantwortung trägt, denn ein falscher Bericht kann einen Krieg auslösen.
Schnell wird klar, dass hier schon wegen der Nähe zu tatsächlichen Krisengebieten, wie zum Beispiel Abchasien und Südossetien, jedes Szenario sehr realistisch erscheint.
Hinzu kommt eine Kulisse auf einem weitläufigen Militärgelände, das eine Mischung aus Häuserkampf und Steppenlauf verspricht. Die Sonne scheint mit 30 Grad erbarmungslos auf uns herab.
„US-Militärs gegen somalische Freischärler“ lautet das Motto. Die US Elite-Soldaten sollen einen somalischen General verhaften. Im Verlauf der Kampfhandlungen werden dann zwei Journalisten als Geiseln genommen.
Bevor die Übung beginnt, bekommt jeder Journalist noch eine kleine Flasche Wasser und wird entweder den US-Soldaten oder den Freischärlern zugeteilt. Am Ende sollen objektive Berichte darüber entstehen, was man erlebt hat.
Wir als Beobachter werden den Freischärlern zugeteilt und bekommen einen eigenen Begleitoffizier. Dann werden Autoreifen in Brand gesetzt, die ersten MP-Salven (mit Plastikpatronen, aber auch die haben es in sich ) werden abgefeuert und plötzlich geht alles ganz schnell.
Erfahrung Nummer 1: Wir werden sofort getrennt und können das nicht beeinflussen. Auch vom Begleitoffizier ist weit und breit nichts mehr zu sehen. So verliert man sich auch in Kriegen.
Dann wird es beklemmend realistisch. Rauchbomben, Flucht in Gebäude-Ruinen, die fatal an die Bilder der Schule aus Beslan erinnern. Rennen, nicht in die Schusslinie geraten, auf den Boden werfen, durch Fenster hechten.
Erfahrung Nummer 2: Die Wahrnehmung wird eingeschränkt, man vergisst die Klamotten und die Unversehrtheit des eigenen Körpers. Eingerissene Haut an den Händen, aufgeschürfte Knie. Die Streifschüsse der Plastikkugeln hinterlassen blaue Flecken, wegen der Rauchbomben kann man kaum atmen, nur das nimmt man noch wahr. Anweisungen werden gerufen, aber das Kauderwelsch aus Georgisch, Russisch und Englisch ist kaum zu verstehen.
Erfahrung Nummer 3: Nach ganz kurzer Zeit entwickelt man eigene Instinkte.
Der Häuserkampf tobt über mehrere Gebäude hinweg. Schließlich rennen alle über ein offenes Feld, um zu einer neuen Häusergruppe zu gelangen. Viele der Kollegen fallen in Erdlöcher, reißen sich die Haut an Disteln und Gestrüpp auf. Man vergisst vor lauter Stress, worüber man eigentlich berichten sollte, das wird plötzlich unwichtig.
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