Anzeige


Anzeige


Anzeige
Aktuelles Heft Archiv Seminar Abo Vorschau Leserbrief Links Redaktion Mediadaten Impressum


Anzeige


Anzeige


<< zurueckblaettern
vorblaettern >>


Titelthema: 20 Jahre Mauerfall

Reality DDR

von Bettina Schellong-Lammel, Fotos Nick Becker

Möchten Sie noch mehr lesen? Jetzt abonnieren

Nick Becker wurde durch die Fotografie zum Beobachter und damit auch Bewahrer des oft tristen Alltags in der DDR. Es entstanden Zeitdokumente, die in der DDR-Presse nie gezeigt wurden. Jetzt, 20 Jahre nach dem Mauerfall, öffnete er sein Archiv für die Presse, um daran zu erinnern, wie die DDR wirklich aussah. Das Bild auf dieser Doppelseite nannte er „14.30 Uhr“.


Nick Becker entdeckte seine Leidenschaft für die Fotografie als Abiturient. Auf einer Klassenfahrt der 11. Klasse lieh ihm eine Mitschülerin ihre Praktica-Spiegelreflex und er war begeistert. Der Blick durch den Sucher eröffnete ihm die Möglichkeit, Situationen und Ereignisse authentisch im Bild festzuhalten. Nick Becker sah plötzlich Dinge, die ihm ohne Kamera vielleicht nicht aufgefallen wären und fand die Fotografie so faszinierend, dass sein Berufswunsch augenblicklich fest stand. Er wollte Fotograf werden. 1980 machte er das Abitur, ein Jahr zuvor hatte er sich die erste eigene Spiegelreflexkamera gekauft. Er hielt im Bild fest, was ihm vor die Linse kam. Die Menschen und den real existierenden Sozialismus – allerdings nicht aus Parteiperspektive. Nick Becker ist der Sohn des Schriftstellers Jurek Becker, der mit „Jakob der Lügner“ weltbekannt wurde. Früh hatte er die Fähigkeit entwickelt, sich kritisch mit der DDR auseinanderzusetzen, denn im Haus der Beckers ging die kulturelle Elite der DDR ein und aus und führte heftige Debatten um die gesellschaftlichen Verhältnisse und den Zustand der Intellektuellen in der DDR.

Nach dem Abitur bewarb sich Nick Becker an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig um ein Fotografiestudium. Die Ablehnung kam zügig, er sei nicht geeignet. Seine Vermutung: „Mein Vater hatte sich mit dem Leiter des Studiengangs vor Jahren auf einer Parteiversammlung gefetzt. Das hatte der nicht vergessen und gönnte sich einen späten Triumph – meine Ablehnung.“

Über das DDR-Arbeitsamt fand er eine Stelle als Industriefotograf im VEB Wärmeanlagenbau. Für die Betriebsleitung war es kein Problem, dass er noch keine Ausbildung und keinen Abschluss hatte, denn sie brauchten einen, der mit einer Kamera umgehen konnte. Allerdings sollte Nick Becker nicht nur den Alltag in einem sozialistischen Betrieb im Foto festhalten, sondern auch zerlegte Wärmepumpen oder Bau- und Schaltpläne. „Es grenzte fast an Industriespionage, denn die Produkte stammten allesamt aus dem Westen und sollten im Osten nachgebaut werden“, sagt er rückblickend. Zu dieser Zeit bekam Nick Becker Kontakte in die DDR-Punkszene. Gilbert Furian, ein Kollege aus dem Wärmeanlagenbau, hatte die Idee, ein Buch über die Punkszene zu machen. Becker fotografierte diese vom Staat ganz und gar unerwünschte Subkultur, die so gar nicht ins sozialistische Bild der DDR passte, mit großer Leidenschaft. Gilbert Furian recherchierte, schrieb die Texte und bot sein Manuskript DDR-Verlagen an.

„Uns war klar, dass die Chance, das Buch legal zu veröffentlichen, verschwindend gering war. Damit aber niemand behaupten konnte, wir hätten den offiziellen Weg nicht versucht, sondern von Anfang an etwas Illegales geplant, versuchten wir es trotzdem. Und natürlich lehnten alle Verlage unser Projekt rigoros ab – das Thema war politisch nicht korrekt.“

Schließlich fragten Becker und Furian eine Kollegin aus der betriebsinternen Druckerei im Wärmeanlagenbau, ob sie das Buch drucken würden. Sie tat es.

Als Gilbert Furian von den Hundert Exemplaren zehn in den Westen schmuggeln lassen wollte, flog er auf und wurde zu knapp zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der Grund: „Der Angeklagte wollte dem Klassenfeind Informationen zugänglich machen, die geeignet sind, die DDR oder ihre Organe in Verruf zu bringen“.

Die Staatssicherheit holte auch Becker ab und drohte mit einer Gefängnisstrafe. Im Verhör wurde aber sehr schnell klar, worum es ihnen eigentlich ging: sie wollten ihn für eine Stasi-Mitarbeit gewinnen. Heute glaubt Becker, dass ihn die Prominenz des Vaters bei seinen Unternehmungen, die oft nicht staatskonform waren, vor der Staatssicherheit und den staatlichen Organe der DDR schützte. Allerdings gab es auch medienwirksame Prozesse, die gegen prominente Dissidenten wie Havemann und Heym geführt wurden.

„Als die Staatssicherheit die Herausgabe der Negative des Punkbuches verlangte und eine Hausdurchsuchung androhte, musste ich pokern“, erzählt Nick Becker. Er sagte dem Stasioffizier, dass er so brisantes Material natürlich nicht zu Hause aufbewahren würde, versprach aber, sie zu beschaffen. Einige Tage später gab er die Negative ab, hatte allerdings die Gesichter der Fotografierten mit einem Skalpell unkenntlich gemacht.

Möchten Sie noch mehr lesen? Jetzt abonnieren



Heft Nr. 5-2009
Titelthema:
20 Jahre Mauerfall

Titelfoto: Gabriele Fromm



Abo

Jetzt abonnieren! Schnupperabo Einzelheft

Redaktionsblog

Anmelden