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Medienpolitik

Wer hat Euch das erlaubt?


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Im Januar beging die Regionalzeitung Thüringer Allgemeine ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Vier Wochen vorher wurde der Chefredakteur Sergej Lochthofen, Mitbegründer der Zeitung, vom Verlag gekündigt. Mit Berliner Journalisten sprach er über Blender, Auflagen, Fast Food und Gourmet-Preise bei Tageszeitungen.


Ihr Abgang hat in der Presse ein enormes Aufsehen erregt. Ist den Kommentaren überhaupt noch etwas hinzuzufügen?
Ja, insbesondere, wenn es um falsche Behauptungen geht. Ärgerlich ist vor allem, dass Fakten verdreht wurden, auch wenn sie schon länger zurückliegen. Ich musste zum Beispiel lesen, dass ich einer von der WAZ-Gruppe vorgeschlagenen Stasi-Überprüfung widersprochen hätte. Genau das Gegenteil ist der Fall. Als Chefredakteur hatte ich Anfang der 1990iger eine Stasi-Überprüfung angeregt, die Chefredaktion konnte diese aber nicht einfach anweisen, das konnte nur der Verlag als Arbeitgeber. Der allerdings nahm die Haltung ein: Wir waren im Westen und können nicht einschätzen, was damals richtig oder falsch war. Die Redaktion war zu sehr mit der neuen Zeitung befasst, um lange darüber streiten zu können. Zudem hatten mehrere der Stasi-Belasteten gleich mit der Unabhängigkeit die Redaktion verlassen.

Sie sind in Workuta geboren und als Ausländer durften Sie nicht SED-Mitglied sein. Können Sie deshalb mit der DDR-Geschichte unbefangener umgehen?
Ein großer Teil meiner Familie hat in Stalins Lagern gesessen. Da hätte ich allen Anlass, besonders radikal auf Denunzianten zu reagieren. Nur hätten wir dann nichts aus der Geschichte gelernt. Ein Rechtsstaat kann nicht wie eine Diktatur mit Menschen umgehen, selbst wenn sie sich schuldig gemacht haben. Wir haben es da schwerer und müssen uns mit dem Einzelfall befassen. Die DDR war eben nicht nur Schwarz und Weiß, sondern vor allem Grau in allen Schattierungen. Beim Thema Stasi war eine Differenzierung lange Zeit kaum möglich. Es sei denn, man war prominenter Boxer oder Schriftstellerin. Doch das Thema wird uns auch in Zukunft begleiten und bleibt hochexplosiv, deshalb ist gerade hier eine korrekte Berichterstattung oberstes Gebot.

Ihre Frau wurde zunächst gemeinsam mit ihnen abberufen. Das ist zwar inzwischen wieder vom Tisch, aber einige Blätter schrieben prompt, Sie hätten Ihrer Frau 1990 einen guten Job verschafft. Was sagen Sie zum Vorwurf der Vetternwirtschaft?
Was über meine Frau in der Presse stand, ist grundsätzlich falsch, weil sie ebenso wie ich von den Mitarbeitern gewählt wurde. Doch der Unsinn, ich hätte sie protegiert, bleibt genauso im Gedächtnis wie die Behauptung, ich hätte die Stasi-Überprüfung abgelehnt.

Die Thüringer Allgemeine gilt als geglücktes Experiment beim Umbruch in der ehemaligen DDR-Presse. Deshalb schockiert es, dass Sie wenige Wochen vor dem zwanzigsten Jubiläum als Chefredakteur abgelöst worden sind. Wie fing vor zwanzig Jahren alles an?
Wir haben damals ein ordentliches Tempo vorgelegt, weil wir wussten, es gibt einen enormen Modernisierungs- und Investitionsbedarf. Wir brauchten Geld, deshalb wandten wir uns zuerst an die FAZ. Als das bekannt wurde, riefen Kollegen anderer DDR-Zeitungen an und fragten, ob wir schon alles an die Kapitalisten verkauft hätten. In den meisten Redaktionen im Osten hinkte die Denkweise den gesellschaftlichen Realitäten weit hinterher. Was bei uns schnell in Gang kam, dauerte anderswo Monate. Nach der Wende schöpften beispielsweise die Zeitungen der Blockparteien die Hoffnung, populärer zu werden als die SED-Bezirkszeitungen. Sie blieben deshalb viel länger bei ihren Parteien und wurden zu Wahlkampforganen vor der ersten Volkskammerwahl. Wir bei der Thüringer Allgemeinen wollten aber auf keinen Fall weiter politisch instrumentalisiert werden.

Warum lief es bei der Thüringer Allgemeinen anders?
Wir wollten etwas verändern, aber niemand konnte sich vorstellen, Eigentümer der Zeitung zu werden. Trotzdem haben wir bereits im November 1989 Gespräche mit der SED und im Dezember mit der PDS geführt, weil wir die Zeitung – damals hieß sie noch „Das Volk“ – für eine symbolische Mark von der Partei kaufen wollten. Die PDS – Gysi war schon Vorsitzender – fürchtete allerdings einen Erdrutsch und drohte, Papier und Geld zu streichen. Wir verdanken es dem guten Verhältnis zu unserer Druckerei, dass wir unbeirrt weiter machen konnten. Es hieß: „Egal was passiert, wir drucken euch und schießen die Kosten vor.“ Das gab uns Sicherheit, und so drohten wir unsererseits der SED/PDS-Spitze, dass in der letzten Ausgabe der Zeitung „Das Volk“ stehen wird: „Knebeln wollen uns die, die es immer schon getan haben.“

Wann erschien die erste Ausgabe der Thüringer Allgemeinen?
Die Erste Reformzeitung der DDR erschien am 16. Januar 1990. Zunächst mussten wir die Zeitung neu organisieren. Wir dachten über eine Genossenschaft, eine Stiftung oder eine Mitarbeiter – GmbH nach. Die DDR-Regierung glaubte damals, die Tageszeitungen würden ihr wie Blei am Halse hängen, und die Berater aus dem Westen waren der Meinung, jetzt kommen die großen Überregionalen und mit den alten Zeitungen ist nichts mehr zu verdienen. In dieser Situation wollten wir zeigen, dass eine Regionalzeitung eine Zukunft haben kann, wenn die Mitarbeiter das in die Hand nehmen.

War die Thüringer Allgemeine die einzige Zeitung, die in der Wende als Mitarbeiter-buy-out funktioniert hat?
Eigentlich war es ein Joint Venture. Wir hatten ja kein Geld, sondern nur einen Hosenknopf in der Tasche. Deshalb war ein Partner dringend nötig. Wir bewarben uns bei der Treuhand um die Zeitung, aber die Bewertung war schwer. Waren Abos im Osten genauso viel wert wie im Westen? In der DDR waren schließlich ein Drittel der Abos nicht real, weil jeder Betrieb 30 Zeitungen abonniert hatte, heute höchstens noch eine. Alles war sehr aufgebläht und die Post verwaltete oft veraltete Abo-Dateien. Bei den Kostenrechnungen zu DDR-Zeiten spielte das alles keine Rolle. So gab es bei den wirtschaftlichen Übernahmen der Regionalzeitungen unterschiedliche Modelle. Als erstes gingen die Zeitungen in Chemnitz und Halle weg. Da gab es dann viel Gerede, dass die Politik die Finger mit im Spiel hatte. Unsere Va­riante blieb die Ausnahme.

Bei den genannten Beispielen schickten die Verlage Chefpersonal, um die Zeitungen nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Wie lief das in Erfurt?
Als die WAZ nach Erfurt kam, hatten wir die Thüringer Allgemeine bereits inhaltlich umstrukturiert, und die Verantwortlichen des Verlags konnten sich sofort auf Druck und Vertrieb konzentrieren. Bei uns reichte der Veränderungsprozess in die Vergangenheit der DDR zurück. Wir hatten in Erfurt mit dem Ersten Bezirkssekretär der SED, Gerhard Müller, den Prototypen eines Stalinisten. Der Druck von außen war enorm, und im Innern der Redaktion war das Blatt in einer permanenten Abwehrreaktion. Die Welt schrieb einmal: „Das Volk“ sei eine Experimentalredaktion. Wir waren zum Beispiel bis zur Wende die einzige SED-Bezirkszeitung, die keine Abteilung, so hießen damals die Ressorts, Partei­leben hatte. Erst im letzten Vorwendejahr konnten wir das nicht mehr verhindern. Es war in DDR-Redaktionen auch nicht normal, dass abends in der Redaktion die Tagesschau lief und nicht nur der Chefredakteur westdeutsche Zeitungen lesen konnte. So ist es kein Zufall, dass die erste investigative Geschichte über Privilegien von Genossen – hier die Jagdhütte des SED-Chefs Müller – bei uns erschien. Lange, bevor in Berlin über Wandlitz oder die Schorfheide berichtet wurde. Wir druckten als erste Zeitung das ARD- und ZDF-Programm und bekamen Anrufe von Kollegen aus Berlin, die uns eine typische DDR-Frage stellten: „Wer hat euch das erlaubt?“ In der Folgewoche zogen ein paar Zeitungen der Blockparteien nach und schließlich druckte sogar das „Neue Deutschland“ das Westprogramm. Die ARD war übrigens ebenso perplex. Die Diskussion mit dem ARD-Büro in Ostberlin war endlos, bis wir das Programm endlich erhielten. Ich will deutlich machen, dass wir flexibler waren.

Die Entwicklung bei der Thüringer Allgemeine widerspricht der These, dass im Osten in der Wende alles platt gemacht worden sei. Die politischen Ereignisse überschlugen sich jede Woche. Wie konnten Sie diese Entwicklung aktiv beeinflussen?
Im November 1989 traf ich bei einem Sonntagsdienst meinen Vorgänger und sagte ihm, dass einige Kollegen die Zeitung unabhängig machen wollen. Damals wurde die SED in PDS umbenannt, Gysi und andere Parteivorderen hatten folgende Strategie: Wir suchen uns ein paar junge und unverbrauchte Genossen, die für uns Wahlkampf machen und platzieren das in den Zeitungen. Aber genau das wollten wir nicht. Ich sagte dem Chefredakteur, dass wir unter monopolistischen Bedingungen groß geworden sind und dies nicht mehr unsere Aufgabe sei. Die Zukunft der Zeitung liegt in journalistischer Unabhängigkeit. Er war beeindruckt, und doch versuchte er, gegen die Redaktion die PDS-Linie zu fahren. Es bedurfte mehrerer Vollversammlungen der Redaktion, bis endlich der Schnitt kam.

Ihnen wurde in einigen Beiträgen zu viel Autorität unterstellt. Sind Sie ein Leuteschinder?
Da wollten einige Kollegen ihren Text mit Begriffen wie Medienzar, Sonnenkönig oder Diktatur der Neutralität interessanter machen. Ich meine, ein Chefredakteur muss mit der Redaktion leben und arbeiten, aber er muss der Blattmacher sein. Und davon gibt es zu wenige. Ich wäre jederzeit dafür, dass Chefredakteure wie damals vor zwanzig Jahren, von den Mitarbeitern durch geheime Wahl bestätigt werden. Da gäbe es sicher viele lange Gesichter. In jedem Verlag sind Redaktionen so aufgebaut, dass am Ende einer das Sagen haben muss. Entscheidungen können nicht drei Tage diskutiert werden, sonst kann die Zeitung am nächsten Tag nicht erscheinen. 1990 haben wir versucht, die ­Zeitung mit einem Redaktionsrat von sieben Kollegen zu führen. Ich habe eine CvD-Funktion übernommen und letztlich musste einer die Entscheidungen treffen und auch am nächsten Tag dazu stehen. Ich habe mich damals für ein erstes Newsdesk stark gemacht. Auch wenn das damals noch nicht so hieß. Heute ist es eine Mode, aber mancher Chefkollege weiß nicht einmal, in welchem Zimmer die Redakteure wirklich sitzen. Ich habe als Chefredakteur täglich jedes einzelne Foto angefasst – bis zu 4 000 am Tag – das in die Redaktion kam. Es gab keinen Beitrag, den nicht auch mehrere andere Kollegen beurteilten. Das galt genauso für mich als Chefredakteur. Erst wenn andere meinen Text für gut befanden, erschien er

Brachte die Unabhängigkeit den Motivationsschub, der die Zeitung erfolgreich machte?
Die Unabhängigkeit, die wir vor zwanzig Jahren errungen haben, wurde zwanzig Jahre lang gelebt. Aber das ist heute der Reibungspunkt. Wir bestimmten damals nicht nur die Pointe des Kommentars, sondern auch die Inhalte und Strukturen der Zeitung. Das hatte uns die Geschäftsführung in Essen garantiert. Schriftlich. Der Verlag hielt sich aus diesen Dingen heraus und alle sind gut damit gefahren. Wir waren immer ein hoch profitables Unternehmen.

Dann müsste die Konzernleitung in Essen doch hoch zufrieden sein?
Eigentlich schon. Der Verlag bescheinigt mir eine gute Arbeit. Und die Zeitung schreibt selbst in diesen Krisenzeiten schwarze Zahlen. Wo andere Titel in NRW Millionenverluste einfahren, erwirtschaftete die Thüringer Allgemeine eine zweistellige Umsatzrendite. Zufrieden ist man aber ­offenbar mit anderen.

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Heft Nr. 1-2010
Titelthema:
Wissenschaft

Titelfoto: Bernd Lammel



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