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Meinung

16 Fragen an Qualitätsverleger

von Christian Bommarius

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Die seit einiger Zeit von allen um die Zukunft ihrer Branche ehrlich besorgten Verleger deutscher Tageszeitungen diskutierte Frage, wie die Qualität des Qualitätsjournalismus gesichert werden könne, lässt sich ohne weiteres mit einigen Fragen an die Verleger beantworten:


1. Werden in Ihrer Redaktion heute noch ebenso viele oder sogar mehr Volontäre ausgebildet als früher?

2. Hat in den vergangenen zehn Jahren ein ausgebildeter Jurist­ als Berichterstatter Ihrer Zeitung einen Gerichtssaal betreten?

3. Werden in den Redaktionskonferenzen Ihrer Zeitung neben den für die nächste Ausgabe geplanten Themen zumindest einmal in der Woche Schwächen der Berichterstattung der aktuellen Ausgabe erörtert, beispielsweise Verstöße gegen Grundregeln der Rechtschreibung, der Grammatik und des Stils?

4. Stehen Ihrer Redaktion Regale zur Verfügung, auf denen nicht nur Zeitungen und Kaffeetassen abgestellt werden, sondern auch – möglicherweise sogar durch den Verlag erstandene – Bücher?

5. Wurde ein Redakteur, eventuell sogar der Chefredakteur, bei der Lektüre eines dieser Bücher beobachtet?

6. Sind den für die Politik- und Wirtschaftsberichterstattung zuständigen Redakteuren neben den Vornamen ihrer Ansprechpartner in den Pressestellen der Parteien und Unternehmen auch die Nachnamen geläufig?

7. Hat der Chefredakteur Ihrer Zeitung im Gespräch mit Ihnen über den so genannten Qualitätsjournalismus das Wort Qualität ausgesprochen, ohne im selben Satz von Rendite oder Auflage zu reden?

8. Sofern Ihre Zeitung noch mit Redakteuren und nicht ausschließlich mit freien Autoren arbeitet: Sind Redakteure bekannt, die ihre Unterwäsche, Wärmflaschen, Hybridautos oder den Smoking für den Besuch des Bundespresseballs ohne den Journalistenrabatt erworben haben?

9. Gehört Ihrer Redaktion zumindest ein fest angestellter Mitarbeiter unter fünfzig Jahren an, der bemerkt, dass die Frage „Wer war zuerst Reichspräsident – Hindenburg oder Brüning?“ idiotisch ist?

10. Gehören der Redaktion Ihrer Zeitung noch fest angestellte Mitarbeiter an?

11. Besteht theoretisch die Möglichkeit, dass sich hinter den in etlichen Zeitungsverlagshäusern so beliebten Qualitätsoffensiven unter Begriffen wie „Newsroom“ oder „Pool“ meist nichts anderes verbirgt als ein nur notdürftig kostümiertes Sparprogramm?

12. Wenn der Leser die Wahl hat zwischen der Lektüre einer schlecht geschriebenen, miserabel redigierten und von keiner Recherche getrübten Tageszeitung, die er käuflich erwerben muss, und derselben Zeitung im Internet, über die er sich unentgeltlich entsetzen kann – könnte es dann sein, dass der Leser sich für das kostenlose Angebot entscheidet, sondern auch, dass hier eine wesentliche Ursache für die anhaltende Zeitungskrise erkennbar wird?

13. Ist Ihnen der Unterschied zwischen einer Tageszeitung und einer Bockwurst geläufig?

14. Falls Sie das bejahen: Stimmen Sie zu, dass der Unterschied nicht nur im günstigeren Preis der Bockwurst besteht und nicht in ihrer leichteren Konsumierbarkeit bestehen sollte?

15. Falls Sie den Unterschied nicht kennen: Können Sie sich vorstellen, dass diese Unkenntnis eine weitere wesentliche Ursache für die anhaltende Zeitungskrise bilden könnte, möglicherweise sogar die entscheidende Ursache für die sich immer weiter vertiefende Krise?

16. Nur wenn ein Verleger mindestens drei dieser Fragen mit „ja“ beantwortet, darf er sich auch künftig am Gespräch über „Qualitätsjournalismus“ beteiligen, ohne mit allgemeiner Verhöhnung rechnen zu müssen.

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Heft Nr. 1-2010
Titelthema:
Wissenschaft

Titelfoto: Bernd Lammel



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